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David Gilmour, (live in Oberhausen, 2015) © Tom Teubner

Es kommt nicht aller Tage vor, dass sich Pink Floyd-Legende David Gilmour live blicken lässt. Umso erfreulicher ist es, dass er beim einzigen Deutschlandkonzert seiner diesjährigen Tournee vor komplett ausverkauftem Haus in der Oberhausener König Pilsener-Arena beweist, wie gut er auch im Alter noch ist.

Als Mitglied von Pink Floyd zählte der zurückhaltende David Gilmour einst zu den womöglich größten Rockstars des Planeten. Während dieser Zeit war er maßgeblich an sagenhaften Alben wie "The Dark Side Of The Moon", "Wish You Were Here" oder "The Wall" beteiligt und zog mit bombastischen Tourneen rund um den Globus.

An seinen Soloausflügen scheiden sich allerdings seit jeher die musikalischen Geister, besonders unter den eingefleischten Pink Floyd-Fans. Für manche stellen sie nichts anderes als gepflegte Langeweile dar. Anderen wiederum, allen voran der Fraktion der Klangfetischisten, geht das Herz auf, sobald auch nur der erste Ton zu vernehmen ist.

Neues Album im Gepäck

Daran dürfte das just erschienene "Rattle That Lock" wenig ändern, obgleich es streckenweise wesentlich dynamischer und energiegeladener daherkommt als sein vergleichsweise bedächtiger Vorgänger "On An Island". Außer Frage steht aber, dass Gilmour mit seinen knapp siebzig Lenzen noch immer ein ausgezeichneter Gitarrist und Sänger ist und jedes Konzert mit seiner Beteiligung für Aufsehen in der Musikszene sorgt.

Mit sieben Stücken der brandneuen Platte sowie etlichen Pink Floyd-Nummern im Gepäck erscheint er dann zum bereits seit Monaten ausverkauften einzigen Deutschlandtermin seiner gerade einmal elf Veranstaltungen umfassenden Europatournee.

Fabelhafte Besetzung

Die König Pilsener-Arena in Oberhausen ist prall gefüllt, als David Gilmour unter frenetischem Jubel die völlig verdunkelte Bühne betritt. Wer seine letzten Veröffentlichungen kennt, dürfte kaum verwundert sein, dass er mit dem Instrumental "5 A.M." einen eher ruhigeren, aber atmosphärisch dichten Opener ausgewählt hat.

Gleich zu Beginn zeigt sich das Talent seiner imposanten Begleitband rund um die alteingesessenen Pink Floyd Live-Veteranen Guy Pratt und Jon Carin sowie Roxy Music-Ass Phil Manzanera an der zweiten Gitarre, die sich jedoch weitgehend mannschaftsdienlich präsentieren, um ihrem Chef jederzeit genug Freiräume für ausgedehnte, beeindruckende Soli zu bieten.

C’est la vie

Wie von David Gilmour nicht anders zu erwarten, stimmt die Soundqualität von der ersten Sekunde an. Lediglich ein leichter Nachhall im hinteren Teil der Arena trübt den ansonsten glockenklaren Klanggenuss.

Das auf der Bühne überwältigend wirkende Titelstück der neuen Scheibe lässt sogleich Erinnerungen an die beiden unter Gilmours alleiniger Federführung entstandenen regulären Pink Floyd-Studioalben wach werden. "Faces Of Stone" hingegen, wie "Rattle That Lock" von Reisen nach Frankreich inspiriert, erweckt das Pariser Großstadtflair musikalisch zum Leben, stilecht mit Theo Travis an der Klarinette und Barclay James Harvest-Tastendrücker Kevin McAlea am Akkordeon.

Knackige Neulinge

Überhaupt entfalten die neuen Nummern in einem Live-Umfeld noch einmal deutlich mehr Druck als auf Platte. Trotz Gilmours vehementen Beteuerungen, dass er kein Interesse an Stadionshows mehr habe und deshalb Pink Floyd zukünftig nicht weiter verfolgen wolle, scheinen einige der Stücke auf "Rattle That Lock" geradezu für Veranstaltungen dieser Größenordnung konzipiert worden zu sein.

Besonders das von den einschlägigen Streaming-Plattformen bereits hinlänglich bekannte "Today" entwickelt sich dank der dritten Gitarre von Keyboarder Jon Carin vor Publikum zu einem regelrechten Rock-Stampfer und geht inmitten der bekannteren Pink Floyd-Titel keinesfalls unter.

Geteilte Freude ist doppelte Freude

Das Konzert in Oberhausen besteht aus zwei Teilen. Während das erste Set mit Ausnahme des Klassikers "Money" praktisch nur ruhigere Stücke umfasst, geht es in der zweiten Hälfte etwas heftiger zur Sache.

“The Girl In The Yellow Dress“, ein hinreißender neuer Ausflug in jazzige Gefilde, bei dem Guy Pratt sich einmal mehr am Kontrabass versuchen darf und Schlagzeuger Steve DiStanislao sich in weiser Zurückhaltung übt, mögen daher genau wie "On An Island" auf den ersten Blick zwischen den überdimensionierten Pink Floyd-Songs etwas deplatziert wirken. Beide sorgen jedoch für eine willkommene Verschnaufpause zwischen den Großtaten aus vergangenen Zeiten.

Erhebende Atmosphäre

Natürlich erzeugen die alten Erfolge wie "Wish You Were Here", "Us & Them", "Shine On You Crazy Diamond" und das den ersten Teil abschließende "High Hopes" zunächst die größte Resonanz beim Publikum in der komplett bestuhlten König Pilsener-Arena. Ab dem neuen Stück “In Any Tongue“, bei dem auch die Backgroundsänger Bryan Chambers und Louise Marshall glänzen dürfen, kennt der Jubel aber keine Grenzen mehr.

Nach praktisch jedem Lied zollen die Zuschauer David Gilmour und seinem Ensemble mit Standing Ovations ihren Respekt. An diesem Abend haben es sich der Altmeister und seine Mitstreiter für ihre fantastische Performance auch mehr als verdient.

Nur Licht, kaum Schatten

Unterstützt wird die durchweg exzellente Musik optisch von stimmungsvollen Kurzclips auf einer runden Großleinwand und einer ebenso stimmigen wie spektakulären Lightshow. Mit Stroboskopen, Nebelmaschinen und weiteren Lichteffekten tauchen sie die Bühne bei den Pink Floyd-Titeln "Astronomy Domine", "Sorrow", "Run Like Hell" und der ersten Zugabe "Time" in eine Vielzahl verschiedener Farben und sorgen so für einen gelungenen Kontrast zum eher in sich gekehrten Gilmour und seinen gleichermaßen auf die Musik fokussierten Mitstreitern. Auch in dieser Hinsicht scheint der Geist von Pink Floyd noch vollkommen Besitz von seiner DNA ergriffen zu haben.

Spätestens beim obligatorischen großen Finale "Comfortably Numb" mit dem womöglich grandiosesten Gitarrensolo aller Zeiten wird dann einmal mehr deutlich, warum David Gilmour den Flitzefingern dieser Welt weiterhin einen Schritt voraus bleibt – und warum die groß inszenierten "The Wall"-Tourneen von Roger Waters ohne den etablierten Pink Floyd-Saitenmann einfach nicht dasselbe sind, ganz gleich, welche Armada an brillanten Gitarristen dafür ins Rennen geschickt wird. Spielerisches Feingefühl lässt sich eben nicht akademisch vermitteln, und der oftmals minimalistische Gilmour beweist an diesem Abend erneut mit jeder einzelnen Note, wie viel davon er doch besitzt.

Ein letztes Hurra?

An diesem Abend bleiben nur wenige Wünsche in der König Pilsener-Arena unerfüllt. Für alle Anwesenden ist es sicherlich ein Erlebnis, das sie so schnell nicht vergessen dürften. Diejenigen, die zu kurz gekommen sind, dürfen darauf hoffen, dass sich Gerüchte über weitere Deutschlandkonzerte im nächsten Jahr bestätigen.

Näher an das Pink Floyd Live-Erlebnis käme wohl nur eine Reunion der drei verbliebenen Mitglieder heran. Obwohl sich die einstigen Streithähne mittlerweile offenbar wieder etwas angenähert haben, scheint es objektiv betrachtet aber weiterhin wahrscheinlicher, dass Schweine irgendwann fliegen können.

Setlist

5 A.M. / Rattle That Lock / Faces Of Stone / Wish You Were Here / A Boat Lies Waiting / The Blue / Money / Us & Them / In Any Tongue / High Hopes // Astronomy Domine / Shine On You Crazy Diamond / Fat Old Sun / Coming Back To Life / On An Island / The Girl In The Yellow Dress / Today / Sorrow / Run Like Hell // Time / Breathe (reprise) / Comfortably Numb

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