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Impressionen (Nachtwandel im Jungbusch, 2014) © Robin Rei

Dieses Wochenende fand zum 11. Mal der Nachtwandel im Mannheimer Stadtteil Jungbusch statt. Zahllose Einzelkünstler und Gruppen, Profis und Amateure, Zugezogene und Eingeborene verwandeln den Jungbusch in ein Konglomerat aus Kunst, Kultur und Kulinarik. Und ich als Nachtwandel-Neuling mittdendrin. Ein ganz subjektiver Bericht vom Freitagabend.

Um kurz vor 19:00 Uhr komme ich an der Ersatzhaltestelle Hafenstraße an. Bereits seit 17:00 Uhr sind die Straßen im Jungbusch für den allgemeinen Verkehr gesperrt, nur noch Teilnehmer können ihr Equipment ein- und ausfahren. Voller Vorfreude gehe ich in Richtung Jungbuschstraße. In Kürze beginnt der Nachtwandel.

Kunst kommt von Kindern

Es sind noch nicht allzu viele Besucher in der Jungbuschstraße unterwegs. Viele Veranstaltungen beginnen erst ab acht, halb neun, da die offizielle Eröffnung vorm Laboratorio17 erst um 20:00 Uhr stattfindet. Ohne mir vorher eine Route herausgesucht zu haben, biege ich in den erstbesten Hauseingang ab. 

Ich finde mich im Kinderladen Hafenbande wieder. Der große Innenhof ist stimmungsvoll beleuchtet, ein DJ legt Tanzstoff auf, es riecht lecker nach Waffeln. Aus dem Hof gelange ich in den eigentlichen Kinderladen. Hier sind von Kindern hergestellte Skulpturen und Bilder ausgestellt. Einige der Künstler wuseln um mich herum, für sie ist es ein aufregender Abend. Ich mache mich wieder auf den Weg hinaus.

Klassische Geographie

Mein Weg führt mich zur Endstation der alten Pferdebahn und ich lasse den stetig wachsenden Trubel der Jungbuschstraße hinter mir, werde von den hohen Wänden des Innenhofs umarmt. Auf einem zur Bühne umfunktionierten Kinderspielplatz sehe und höre ich ein Klassik-Quartett, dessen Töne gänzlich unverstärkt den Innenhof erfüllen.

Dann bemerke ich ein hölzernes Rondell. Auf der Innenwand sind die Kontinente der Erde aus vielen, vielen Einzelbildern mit verschiedenen Impressionen zusammengesetzt. Einige Bilder weisen kindliche Pinselführung auf, andere zeugen von jahrelanger Zeichenpraxis.

Ein Wort ist ein Wort ist ein Wort

Als ich wieder auf die Jungbuschstraße trete, sind schon erheblich mehr Besucher unterwegs. Es ist jetzt 19:30 Uhr. Ich biege gleich in den nächsten Hofeingang ein und lande im Hinterhof des Kiets König. Auf einer sehr schmalen, sehr langen Bühne sitzt ein junger Mann und redet. Er redet und redet und redet.

Was vielleicht leicht klingen mag, ist in Wahrheit ein schweres Unterfangen. Denn der Künstler produziert einen nicht abreißenden Schwall von Sätzen, zieht Zusammenhänge zwischen vom Publikum vorgeschlagenen Themen und sinniert über Gott und die Welt. Alles ohne Pause, ohne Punkt und Komma. Auch wenn es sonst nicht meine Art ist, während eines Vortrags zu verschwinden, muss ich hier eine Ausnahme machen. Ich will noch mehr sehen.

Trommelwirbel

Während ich durch den Hofeingang gehe, schallt mir ein beeindruckender Bass entgegen. Wie die Motte zum Licht strebe ich der Quelle dieses Geräuschs entgegen. Lauter und lauter donnert es durch die Straße, bis ich die Ursache erblicke: Eine Schar von gut zwanzig Drummern, alle mit unterschiedlichen Trommeln bestückt, schreitet die Straße hinab und lässt dabei Klöppel auf Fell schlagen.

Zahlreiche Schau- und Hörlustige ziehen mit der Truppe Trommelpalast, angezogen von den tanzbaren und treibenden Rhythmen. Hin und wieder macht die Kapelle halt, so dass sich eine größere Menschentraube um sie bildet. Um kurz vor 20 Uhr machen die Trommler dann einen längeren Stopp. Wir sind am Laboratorio17 angelangt.

Es geht los

Gemeinsam mit dem Nachtwandel-Orgateam eröffnet OB Dr. Peter Kurz den Nachtwandel 2014. Leider stehe ich zu weit hinten und verstehe kaum etwas von der Rede. Was ich dann aber verstehe, sind die orientalisch anmutenden Klänge, die wie aufs Stichwort am Ende der Rede von einem gegenüberliegenden Balkon hinabsinken. Ein Trio, bestehend aus Sängerin, Tamburin und Sitar erfüllt die Jungbuschstraße. Dann setzt der Trommelpalast wieder ein und seinen Weg fort, ebenso wie ich.

Meine Selbstbeherrschung wird an jedem der vielen Essensstände auf eine Zerreißprobe gestellt. Ich muss oft widerstehen, damit meinen Gürtel nicht dasselbe Schicksal ereilt. Nach einigen Metern erreiche ich erneut eine Menschentraube, laute Blasmusik schallt mir entgegen.

Im zweiten Teil: Balkan-Ska, Progrock, Hip-Hop, elektronische Musik, tanzfaule Mannheimer und eine überfüllte OEG.

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Ein Augen- und Ohrenschmaus

Auf der Kreuzung zur Beilstraße spielt die französische Band Attentat Fanfare! wilden Balkan-Ska und animiert die Zuschauer zum Mittanzen. Die Gruppe besticht neben der mitreißenden Musik vor allem durch ihr skurriles Auftreten mit urkomischen Perücken, abgetragenen Uniformen und dem gewagten Badeanzug des Frontmanns. Nachdem die Band ihr Set beendet hat, ziehe ich weiter.

An der Kreuzung Beil- und Böckstraße befindet sich eine offene Bühne. Als ich dort Halt mache, spielen einige Jungs gerade atmosphärischen Progrock und scheinen all die Menschen um sich herum nicht wahrzunehmen. Mittlerweile ist wirklich viel los im Jungbusch, die Straßen, Bars, Geschäfte und Imbissbuden füllen sich zusehends. Zwar ist es schwer, sich von dem nicht enden wollenden Jam loszureißen, doch nach einiger Zeit schaffe ich es.

Konzert der Rebellen

Mein nächstes Ziel ist die Unterführung Dalbergstraße. Hier spielt die HipHop-Formation Projekt Nautilus, die eigentlich in der Nummer 6 auftreten sollte. Aufgrund einiger Kommunikationsprobleme mit dem Inhaber mussten die fünf Jungs aber in die Unterführung ausweichen und spielen hier nun unverstärkt. Die regelmäßig von der Tram angespülten Besucher bleiben teilweise hängen, die Unterführung füllt sich mehr und mehr. Als ich nach einer knappen Stunde noch einmal vorbeischaue, wird gerade die Zugabe rausgehauen.

Ich beschließe, dass ich noch nicht genug getanzt habe. Auf der Suche nach elektronischer Musik verschlägt es mich in einen großen Hof in der Böckstraße, aus der mir ein rollender Bass entgegen wummert. Hier ist nightshine, der Nachtwandel-Beitrag von Sunshine Live. Nachdem ich mich ins Zentrum der Menge kämpfe und einige Leute betreten meine Dancemoves betrachten, wird es mir etwas langweilig. Obwohl die Musik nicht schlecht ist, bewegen sich nur wenige Besucher. Dabei ist der Hof wirklich gut gefüllt. Der Funke scheint nicht überzuspringen.

Glücklich und erschöpft

Eine ganze Weile versuche ich die Umstehenden zu animieren, doch es soll mir nicht gelingen. Mittlerweile ist Mitternacht vorbei, mein Magen meldet sich zu Wort, ebenso mein Schlafbedürfnis. Für heute lasse ich es gut sein mit der Feierei. Der 11. Nachtwandel war mein erster, ich bin voll und ganz vom Konzept überzeugt und von der kreativen Energie, der hier freier Lauf gelassen wird, begeistert. In der überfüllten OEG lasse ich den Abend Revue passieren, bevor ich zuhause erschöpft in die Federn sinke.

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