Mit der gleichnamigen Single gewann er Ende September den Bundesvision Song Contest - damit ist er nach Seeed und Peter Fox der dritte Berliner Gewinner.

Mit der gleichnamigen Single gewann er Ende September den Bundesvision Song Contest - damit ist er nach Seeed und Peter Fox der dritte Berliner Gewinner. © Falk Simon

Nach einem Rekordjahr 2013 mit 22.000 Besuchern hatten die Organisatoren diesmal gleich doppelt Pech. Zuerst musste Till Brönner wegen Krankheit absagen, dann drückten Regen und Kühle die Zuschauerzahl auf 16.000. Wer dem Wetter trotzte, bereute sein Kommen aber zu keiner Sekunde.

Der Freitag beim Jazz & Joy in Worms 2014 beginnt zunächst mit einem donnernden Gewitter, womit das dominierende Thema schon allgegenwärtig ist. Denn nach vielen Jahren mit meist strahlendem Sonnenschein und fast durchgängig trockenen Festivaltagen werden die Zuschauer 2014 richtig nass.

Warm-Up im Regen

So startet das Sonderkonzert zunächst zum Warm-Up mit dem Auftritt von Ivy Quainoo. Die Siegerin von The Voice of Germany 2012 versucht mit starker Stimme alle tapferen Zuschauer zu unterhalten, die sich trotz des starken Regens bereits auf den Marktplatz in Worms aufgemacht haben. Unter diesen Umständen ist die Stimmung recht gut, auch wenn der Platz nicht übermäßig voll ist.

Das ändert sich auch später nur geringfügig, als mit Tim Bendzko der eigentliche Hauptact beim Sonderkonzert des Jazz & Joy 2014 sein Konzert beginnt. Er hat wenigstens das Glück, dass der Regen zu diesem Zeitpunkt aufhört. Charmant wie immer präsentiert er Songs wie "Ich steh nicht mehr still" oder "Am seidenen Faden", bei dem allerdings die Gitarristen mehr rockige Energie versprühen. 

Tim Bendzko: Frauenschwarm

Nebenbei witzelt er über das Wetter als Hauptthema seiner Lieder und dass es nicht immer nur um Liebe oder Schmerz geht. Aber sein Publikum kennt er bestens, wenn er Fragen stellt wie: "Sind auch Männer da?", worauf es ein paar tiefe, brummige Antworten gibt. Dann fragt er: "Sind auch Männer ohne Frauen da?" Keine Antwort ist auch eine Antwort.

In diesem Stil geht es weiter mit einem neuen Song, der irgendwann veröffentlicht werden soll: "Nur noch kurz die Welt retten". So zieht sich das Programm weiter und bis auf zwei besonders enthusiastische, weibliche Fans, die ihr näheres Umfeld durch permanentes Geschrei nerven, tut sich im Publikum insgesamt recht wenig.

Maceo Parker: die Legende lebt

Dafür ist das Publikum umso aktiver auf der zweiten Bühne am Weckerlingplatz. Dort spielt Maceo Parker und es hält kaum jemand auf den Sitzbänken. Der randvolle Platz wird zur Tanzbühne für Funk und Soul, die Parker mit hemmungsloser Coolness zelebriert. Der Einfluss von James Brown, in dessen Band Maceo Parker schon zu Collegezeiten vor 50 Jahren Saxophon spielte, ist allgegenwärtig.

Auch seine späteren Engagements bei Fred Wesley, der 2013 einen Superauftritt beim Jazz & Joy hatte, sowie die Arbeit mit George Clinton und Funklegende Bootsy Collins durchdringen den Sound des Abends. Getrieben von Gitarrensolos und einer Posaune, die ordentlich Druck ablässt, swingt und groovt der ganze Platz. Schließlich singen alle zum Keyboardsound auch noch:"Yes We Do, We Love You" und am Ende gibt es Standing Ovations für diesen Auftritt.

Gregor Meyle: ein künftiger Star am Samstag

Während am Samstag die sieben Musiker von Martinicca Boison den Weckerlingplatz mit folkloristischen Tönen aus Gitarre, Fidel und Klarinette mit ordentlich Rhythmus versorgen, beginnt unten auf dem Marktplatz das Licht eines kommenden deutschen Sterns hell zu scheinen.

Wenige Konzerte hinterlassen bei Jazz & Joy 2014 so viel Begeisterung und Gesprächsstoff wie der Auftritt von Gregor Meyle. Direkt zum Beginn werden die Zuschauer von einem kurzen Regenschauer eiskalt abgeduscht. Aber statt sich ins Trockene zu flüchten, gehen in einer gefühlten Sekunde explosionsartig 100 Regenschirme wie die Sterne einer Silvesterrakete auf. So ausgerüstet bleiben fast alle stehen, um fasziniert dem deutschen Gesangspoeten zu lauschen.

Faszinierender Auftritt eines herausragenden Songwriters

Schon bei seiner Castingshow hatte ihn Stefan Raab als einen außergewöhnlichen Songschreiber betitelt. Nun adelte ihn Xavier Naidoo auch noch als "eine der größten Entdeckungen der letzten zehn Jahre".  Diese Lobeshymnen sind gerechtfertigt. Jeder Song erzählt eine Geschichte und berührt die Zuschauer.

Wie sehr das Publikum fasziniert ist von Songs wie "Hier spricht Dein Herz", zeigt der volle Platz, von dem sich kaum ein Zuschauer bis zum Ende verabschiedet. Mit viel Charme, Herz und spontanen Einlagen wie "I'm Singing In The Rain" erzählt er auch vom ersten Auftritt beim Jazz & Joy 2010, als es ebenfalls einen Wolkenbruch gegeben hat. Aber diesmal holt er zeitgleich mit "Du bist das Licht" sogar die Sonne kurz hervor.

Im zweiten Teil: der Rest vom Samstag, der Sonntag und einige wichtige Fragen.

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Mo'Blow: mitreißend

Das komplette Gegenteil war der Auftritt von Jaro Milko & The Cubalkanics. Statt rhythmischer Klänge aus Kuba und Kolumbien entstand ein disharmonischer Soundmatsch, der nur die Bezeichnung Ohrenquäler verdient hat. Dementsprechend hoch war die Fluchtrate der Besucher.

Geflüchtet sind sehr viele Besucher zur Überraschungsband Mo' Blow. Das sollten sie nicht bereuen. Die Jungs aus Berlin begeistern den Weckerlingplatz mit Soul und Funk vom Feinsten. Herausragend sind die Einlagen von Felix Falk am Sopransaxophon, der dem Instrument immer wieder die unmöglichsten Töne entlockt. Die Band wird von den Zuschauern so sehr mitgerissen, dass es sogar den E-Pianisten am Rhodes vom Stuhl hebt.

Auf der letzen Zeitschiene beweisen zunächst Jupiter & Okwess International als nahezu einzige Band 2014, dass der Schlossplatz tatsächlich vernünftig zu beschallen ist. Mit afrikanischem Rhythmus und purer Lebensfreude schwingen sie ihre Rhythmusschellen so heftig, dass sich sogar die hüftsteifsten Zuschauer zu grotesken Tanzbewegungen hinreissen lassen.

Kostümreiche Mieze

Dagegen ist unten am Marktplatz vor allem eins angesagt. Ständiger Kostümwechsel. Denn nun spielen MIA. auf und ihre Performance wird zur schillernden Modenschau, die mit grellen Militäruniformen in Tarnmustern beginnt zu "United States of Ich & Du". Anschließend wird Sängerin Mieze Katz zum Steuermann, spielt ihr Theremin "Therese" und präsentiert mit ihrer Rotz-Rock-Stimme einen Elektro-Punk, der mehr von Lautstärke und Attitüde als von stimmlicher Qualität geprägt ist.

Den mehrheitlich jüngeren Zuschauern scheint es dennoch zu gefallen. Denn die Show mit einem Widderkampf der Gitarristenköpfe oder der durch einen Bodenventilator aufwallende Umhang der Sängerin ist durchaus ansehnlich. Mitgesungen werden natürlich alle Hits wie "Hungriges Herz" oder als Höhepunkt des Konzerts der "Tanz der Moleküle".

Der wahre Punk geht aber wieder auf dem Weckerlingplatz ab. Dort spielt jetzt De-Phazz und der Platz ist knallvoll. Mit Videoanimation als Unterstützung spielen sie eine riesige Glamourshow, bei der neuartiger Clubsound alle Zuschauer in Bewegung versetzt. Keiner will gehen und das Ende der Show ist ein echter Stimmungskiller, denn alle waren gerade so schön in Fahrt.

Viel Abwechslung am Sonntag

Am Sonntag werden die Zuschauer zuerst auf einen wilden Ritt mitgenommen. Das Trio Tango Transit spielt Akkordeon und Schlagzeug, wobei Hanns Höhn am Kontrabass mit seinen Einlagen, die wie ein Ritt durch die Prärie klingen, die besonderen Momente liefert.

Der Marktplatz liefert parallel eine große Soulstimme. Jaqee kombiniert eine große Stimme und ein noch breiteres Lachen. Die Sängerin aus Uganda, die heute in Berlin lebt, fesselt ihr Publikum mit Songs wie "Moonshine". Ihr Gesang ist so ansteckend, dass zahlreiche Fans direkt nach dem Konzert zum Fanstand laufen und sich eine CD kaufen. Der beste Beweis für einen starken Auftritt.

Jamaram: begeisternde Gigmonster

Den wirklich großen Auftritt am Sonntag liefert danach die Formation von Jamaram. Die Gigmonster sind echte Livekünstler, die genau wissen, wie sie das Publikum mit einer Mischung aus Ska, Reggae und Dub bestens unterhalten. Der Beweis ist ein stetig voller werdender Platz, von dem sich kaum ein Zuschauer entfernt.

Mit Zuschauereinlagen auf der Bühne und dem Brass der Bläser jagen sie die Besucher durch eine Show, bei der die Energie förmlich über den Platz schwingt. Der Höhepunkt ist eine Wolkenvertreibungseinlage, bei der alle Zuschauer ein Kleidungsstück schwingen und wie aufs Stichwort kommt die Sonne raus. Kein Regisseur hätte diesen Moment besser inszenieren können.

Ebenfalls gelungen: der Auftritt der Berliner Band Bukahara, die leidenschaftlichen Gypsy-Folk-Rock spielen und damit das Publikum zum Tanzen animieren. Für Abschluss an der Popfront am Sonntag sorgt Maxim, der wie so viele andere deutsche Sänger gefühlige Texte schreibt, aber dank druckvoller Arrangements die Zuschauer auf dem Marktplatz nicht in trauriger Stimmung nach Hause gehen lässt. Ein sympathischer Auftritt.

Der Vorhang zu...

Bezüglich der Wahl des Sonderkonzerts muss die Frage gestellt werden, warum die Veranstalter einen Künstler gewählt haben, der seit letztem Sommer drei große Auftritte in der Region hatte, zuletzt beim Hessentag in Bensheim. Auch aus diesem Grund waren viele Zuschauer offensichtlich nicht bereit, fast 40 Euro Eintritt zu bezahlen.

Nicht nur aus diesem Grund stellt sich die Frage, ob ein Sonderkonzert in der Form von 2014 überhaupt noch gebraucht wird. Ein Sonderkonzert sollte ein echtes Highlight, ja sogar das herausragende Alleinstellungsmerkmal eines Festivals sein. Die Alternative wäre entweder, das Sonderkonzert zu streichen und das Geld komplett ins Festival zu stecken oder es nur alle zwei oder drei Jahre mit einem echten (inter-)nationalen Star durchzuführen. Beim Jubiläum im nächsten Jahr wäre ein solch passender Moment. 

...und alle Fragen offen

Passend dazu bleibt die Frage des Budgets des Jazz & Joy. Das Internet und der große Einbruch bei den CD-Verkäufen haben die Livegagen derart ansteigen lassen, dass es immer schwieriger wird, mit konstant bleibenden Mitteln ein hochkarätiges Programm zusammenzustellen. Natürlich stehen in Worms die Nibelungenfestspiele wegen der bundesweiten Aufmerksamkeit an erster Stelle. Das ist so auch in Ordnung, um die Stadt Worms zu bewerben.

Das darf aber nicht dazu führen, dass Jazz & Joy unter den weitaus teureren Nibelungenfestspielen leidet. So wertvoll die Nibelungenfestspiele auch für Worms sind, Jazz & Joy besitzt in Worms eine längere Tradition und eine starke Anhängerschaft, die auch wechselhaftem Wetter trotzt. Zudem nimmt die Außenwirkung von Jahr zu Jahr zu. Es sollte allen Finanzproblemen zum Trotz das Ziel der Stadt sein, diese Entwicklung auch finanziell zu befördern.

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