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Jan Delay & Disko No. 1 (live beim Rock'n'Heim, 2014) © Achim Casper

In wenigen Wochen geht Jan Delay wieder auf Deutschlandtour. Unser Redakteur Jan Wölfer unterhielt sich mit dem Hardcore-Hamburger über Helmut Schmidt, Fred Astaire und Michael Jackson. Außerdem verriet er uns, warum es das St. Pauli seiner Jugend nicht mehr gibt und er es nicht fertigbringt, aus Hamburg wegzuziehen.

In Heidelberg klingelt das Telefon – es ist eine Stuttgarter Nummer, am Telefon ist Jan Delay und man begrüßt sich mit einem herzlichen "Moin!".

regioactive.de: Ich seh' gerade: Du bist in Stuttgart. Jetzt unterhalten sich zwei Hamburger Jans, die in Baden-Württemberg weilen.

Jan Delay: (lacht) Sehr gut!

"Ich brings nicht übers Herz, wegzuziehen"

regioactive.de: Thema Hamburg: Könntest Du Dir vorstellen, einmal aus Hamburg wegzuziehen?

Jan Delay: Nee, ich hab' ja gerade das Dilemma, dass ich 'ne Berliner Tochter habe, weil meine Freundin aus Berlin ist. Die ist genauso eine Hardcore-Berlinerin wie ich ein Hardcore-Hamburger bin und wir kennen uns schon sehr, sehr lange. Und wir konnten nie irgendwie zum Anderen in die Stadt ziehen. Und jetzt ist das natürlich schwer mit Kind und ich fahr' die ganze Zeit hin und her. Aber ich kann es nicht über's Herz bringen, es mir leichter zu machen und nach Berlin zu ziehen. Kann ich einfach nicht. Da würde mir extrem was fehlen, da würde ich mich fühlen wie eine rausgerupfte Pflanze. 

regioactive.de: Der Begriff "Hanseat" – ist der bei Dir eher positiv oder negativ besetzt?

Jan Delay: Komplett positiv. Weil ich auch immer wieder merke, wie ich mit anderen Hanseaten auf einer Wellenlänge funke. So ganz von selber, das ist echt krass. Das ist einfach so, dass in diesen Hansestädten durch die Generationen von Generationen, die da mit Hafen und fremden Kulturen und neuen Dingen aufgewachsen sind und einem ganz bestimmen Humor, so eine Feingeistigkeit einhergeht. Damit hängt auch zusammen, dass Marsi, also Marteria, einer meiner besten Freunde in der Welt ist. Oder dass ich Fan bin von Werder Bremen. Und das kommt nicht von ungefähr: Gleiches und Gleiches gesellt sich gern.

regioactive.de: Wenn wir jetzt mal von hanseatischen Legenden reden, die jetzt außerhalb unserer Generation liegen, vielleicht schon ein wenig älter sind oder auch schon nicht mehr leben, gibt es da irgendwelche Vorbilder für Dich?

Jan Delay: Helmut Schmidt. Das wäre jetzt so der erste, der mir einfällt. Dann noch Störtebeker, auf jeden Fall. Auch wenn der sich wohl nicht als Hanseat bezeichnet hätte.

"Helmut Schmidt ist für mich der personifizierte Hanseat"

regioactive.de: Helmut Schmidt und Störtebeker in einer Reihe, das ist ja auch ein Ding!

Jan Delay: Ja, aber ich glaube Störtebeker hätte auch ein extremes Problem damit, wenn man ihn als Hanseat bezeichnet.

regioactive.de: Glaube ich auch.

Jan Delay: (lacht) Die Hanseaten waren ja seine größten Feinde. Nee, also Helmut Schmidt ist für mich schon der personifizierte Hanseat, der steht da so krass für. Auch wenn er jetzt nie so viel Kohle hatte und nie ein guter Kaufmann war.

regioactive.de: Bist Du ihm mal begegnet?

Jan Delay: Nee, noch nie.

"Im Sommer ist Hamburg eine der schönsten Städte der Welt"

regioactive.de: Was sind denn so die schönsten Eigenschaften, die Du an Hamburg siehst? Wie würdest Du jemanden von Hamburg vorschwärmen, der die Stadt nicht kennt?

Jan Delay: Dass das Wetter meist nicht so gut ist, ist ja ein gängiges Klischee, das weiß ja jeder. Aber wenn das Wetter mal gut ist, dann ist Hamburg wirklich eine der schönsten Städte der Welt. Im Sommer, bei schönem Wetter, gibt es nur sehr wenige Städte, die uns das Wasser reichen können. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, weil gerade die Orte am Wasser in Hamburg so unfassbar schön sind. Keine Stadt hat 'ne Elbe und so'n Hafen und dann auch noch einen Strand da. Und dazu haben wir dann noch die wunderschöne Alster mitten in der Stadt, das hat in Deutschland so auch niemand. In der Schweiz haben das vielleicht manche Städte, aber die haben dann keinen Hafen und keine Elbe.

Und es ist einfach eine sehr weltoffene Stadt seit Jahrhunderten. Darum passieren schon seit langer Zeit, seit Generationen, in Hamburg Dinge, die in anderen Städten und Gemeinden vielleicht befremdlich klingen. Wir haben schon immer Kulturen aus der ganzen Welt aufgenommen und dadurch gibt es hier einfach eine sehr offene Spezies. Wir haben einen, wie ich finde, sehr speziellen, sehr guten Humor – entweder Du liebst den über alles, oder Du kannst damit nichts anfangen. Ich glaube wirklich, da gibt es nichts dazwischen.

regioactive.de: Wie sind die Hamburger als Menschen?

Jan Delay: Die Hamburger sind immer ein bisschen stiller und zurückhaltender. Andere, die damit nicht klarkommen, nennen das vielleicht unterkühlt und arrogant. Aber das ist einfach nur, weil wir nicht jedem Dahergelaufenen und X-beliebigen gleich um den Hals fallen oder oberflächlichen Smalltalk machen, sondern uns hier mit uns und unseresgleichen unterhalten. Und wenn wir dann merken, dass derjenige, der da kommt, cool ist und mit einem reden will und im schlimmsten Fall sein Herz auf der Zunge trägt, dann sind wir auch die liebsten Menschen der Welt und sehr treu und sehr loyal.

Ich glaube einfach, dass dieses Kühle und dieses "wenig sagen" einfach so 'ne Art Sicherheitsabstand ist, um abzuchecken und zu gucken und nicht zu tun als ob man best friends wäre. Und wenn man dann merkt, dass derjenige cool ist, dann kann man auch wirklich best friends sein und dann auch für immer.

regioactive.de: Spontan aus dem Bauch: Elbe oder Alster?

Jan Delay: Das ist ja wie das positive "Pest oder Cholera"! Also, ich find' beides super, also was soll ich sagen, okay ich bin geboren und aufgewachsen an der Alster, aber viel dann auch an der Elbe, weil da war mein Kinderladen. Nee, ich kann's nicht sagen. Wenn ich entscheiden muss, muss, muss, dann sage ich Elbe, einfach weil die Elbe dann doch noch mehr zu bieten hat.

"Das St. Pauli, in dem ich aufgewachsen bin, verschwindet"

regioactive.de: Wenn wir mal nicht so schöne Entwicklungen in Hamburg ansprechen, also der Wandel im Schanzenviertel ist ja so eine Sache, die schon seit längerem ganz krass vorangeht. Ich höre von meinen Hamburger Freunden auch immer nur Nachrichten, welche Läden es jetzt nicht mehr gibt. Wie siehst Du das? Es ist ja nicht nur das Schanzenviertel, das davon betroffen ist, sondern auch angrenzende Stadtviertel.

Jan Delay: Also das Schanzenviertel ist ja eigentlich schon komplett durchgentrifiziert. Darüber zu reden, dass sich das verändert hat, ist sehr müßig. Darüber konnte man vielleicht vor zehn Jahren reden. Seit ein paar Jahren ist das schon komplett umgekrempelt. Es schwappt einfach überall weiter hin. Vor allem um St. Pauli geht es jetzt richtig krass.  Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, die alten Esso-Häuser und so, alles verschwindet und das ist halt auch echt schade.

Was ich in "St. Pauli" besinge, ist ein St. Pauli, das es so nicht mehr gibt. Das war noch das St. Pauli mit dem ich aufgewachsen bin, in den Neunzigern. Das stand halt noch für ein bestimmtes Glücksrittertum, für Abenteuer und für Subkulturgenres und für Offenheit und so. Und jetzt wird das halt immer noch nach und nach immer mehr so eine Touristenattraktionsmeile, die das natürlich früher auch schon war. Aber damals war das abgefuckt, Ghetto-mäßig und die Mieten niedrig.

Jeder Hamburger konnte dort machen, wonach ihm der Schnabel wuchs, konnte irgendwelche Ausstellungsräume machen, konnte Clubs machen, konnte Bands gründen, konnte was auch immer tun. Das ist jetzt nicht mehr möglich, weil alles aufgeräumt und der Dreck weggemacht wird und alle Häuser abgerissen und neugebaut werden. Die Mieten werden so hoch gehauen, dass sich niemand mehr leisten kann, sich da aufzuhalten, außer irgendwelchen komischen Ketten-Etablissements, die dann 'ne Filiale dort aufmachen.

Im zweiten Teil spricht Jan Delay über die größten Tänzer aller Zeiten und verrät, wann mit einem neuen Beginner-Album zu rechnen ist.

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regioactive.de: Veränderungen, die Du da gerade auch angesprochen hast, was Subkulturen betrifft, sehe ich auch bei den Kids. Da werden Subkulturen heute viel weniger durch Kleidung oder so nach außen getragen. Zum Beispiel habe ich vor zehn Jahren noch viel mehr Kids in Hip-Hop-Outfit gesehen als heute. Nimmst Du das in Hamburg genauso wahr?

Jan Delay: Boah, da achte ich ehrlich gesagt nicht so drauf. Ähm, da muss ich mal drauf achten. Würde ich jetzt aber nicht so unterschreiben und wenn ist es auch nicht schlimm, weil Hip-Hop hast Du ja im Kopf und nicht am Körper. Und der Fakt, dass im letzten Jahr so viel Hip-Hop-Platten verkauft wurden wie noch nie in diesem Land und in Deutschland so groß gerade ist, zeigt mir, dass wenn Du recht haben solltest, es keinen Grund zur Besorgnis gibt.

regioactive.de: Okay. Ich habe mir gestern gerade noch mal Dein "Sie kann nicht tanzen"-Video angeschaut, wo Dein Kopf rein montiert wurde in diese ganzen legendären Szenen...

Jan Delay: Wieso rein montiert?  

"Wir kochen nur alte Ideen neu auf"

regioactive.de: (lacht) Was ist es denn Deiner Meinung nach, wenn Du denn alle diese Tänze selber ausgeführt hast, der beste Tänzer so aus dem Soul/Funk/Rock-Bereich?

Jan Delay: Soul, Funk, Rock ist natürlich eine Sache, aber wenn Du Dir die ganz alten Sachen anschaust, Ginger Rogers und Fred Astaire, das ist schon echt krass. Dass ist echt so richtig: "Boah, Alter"! Weil das Ding bei diesen Leuten ist ja, dass die das meiste so pioniermäßig erfunden haben. Was die für einen Output hatten, das waren einfach Genies.

Und dann natürlich James Brown – unfassbar. Und auch Prince und Michael Jackson. Wobei natürlich Prince und Michael sich auf Dinge beziehen, die es schon gab. Sie waren keine Innovatoren, sie konnten das einfach nur sehr gut. Aber ich würde sagen, für beide war James Brown das, was Afrika Bambaataa für mich ist, also der Godfather, der er nun mal ist. Die haben bestimmt als Kinder immer James Brown geschaut, Michael hat das bei der Beerdigung von James Brown ja auch gesagt, dass er als Kind fast nie fernsehen durfte. Nur wenn James Brown kam, durfte er und da hat ihn seine Mutter sogar nachts geweckt wenn er geschlafen hat um ihm zu sagen: "Hey, James Brown ist im Fernsehen!"  Das war das Allergrößte für ihn, er hat schon als Fünfjähriger jeden Move von ihm sofort studiert und nachgemacht.

Ich finde das halt immer so bewundernswert, wahrscheinlich auch weil ich's selber nie war und auch nie hätte werden können, weil ich viel zu spät erst in diese Welt gekommen bin. Wie diese Leute diese Dinge erfunden haben, das ist halt so krass einfach. Die, die Dinge neu in die Musik hereingebracht haben. Unsere Generation kann ja alle mal einen guten Spruch oder ein Rein reinbringen, aber wir kochen immer nur alte Ideen wieder auf. Aber jemand wie James Brown, der hat einfach Dancemoves erfunden. Und das muss man erstmal bringen.

regioactive.de: Man sagt ja, man hat so seinen eigenen Beat, so 'ne Art rhythm of the heart. Wie würdest Du Deinen persönlichen Groove beschreiben?

Jan Delay: Also groovemäßig, wenn man sich die Frage stellt ob synkopiert oder straight, würde ich komischerweise immer sagen synkopiert. Sogar bei den Elektro-Sachen, wo es wirklich nur um den Rhythmus geht, da kriegen mich die synkopierten, also geshuffelten Sachen immer noch ein bisschen mehr.

regioactive.de: Spielst Du selbst auch ein Instrument?

Jan Delay: Nö. Ich hab' mal ganz lange Klavierunterricht gehabt als Kind, aber da ist nichts mehr da. Ich habe auch mal Percussionunterricht gehabt, da ist auch nichts mehr von da, ich spiele nur noch Sampler.

regioactive.de: Können wir 2015 mit einem neuen Beginner-Album rechnen?

Jan Delay: Nee, man kann 2015 mit einem überaus großartigen, neuen Denyo-Album rechnen. Das kommt im März raus, ist auch schon komplett fertig. Und dann kann man damit rechnen, dass wir uns wieder hinsetzen und irgendwann ein Beginner-Album machen, aber das wird garantiert nicht 2015 rauskommen, auch wenn wir da schon ziemlich viel vorgelegt haben, aber ich glaube das wird erst 2016 was.

regioactive.de: Okay. Und wenn es jetzt um den Jan Delay-Output geht. "Hammer & Michel" war ja jetzt so eine ziemliche Rock-Geschichte. Wirst Du in die Richtung weiter machen oder würde das in eine andere Richtung gehen?

Jan Delay: Nee, also da würde ich was anderes machen auf jeden Fall. Aber was, das gucken wir mal.

"Die "Scorpions-Ballade" unplugged wäre vielleicht auch lustig"

regioactive.de: Jetzt geht Ihr ja erstmal wieder auf Tour, ich hatte Dich letztes Jahr gesehen und fand es schade, dass Ihr die tolle "Scorpions-Ballade" live gar nicht gespielt habt. Habt Ihr die schon mal live gespielt?

Jan Delay: Nee, haben wir nicht. Weil, keine Ahnung, das sind so viele Songs und ich mag die alle so gerne. Man kann aber nicht zwölf Songs von der neuen Platte spielen. Wir haben sowieso noch nie so viele Songs von einer neuen Platte gespielt wie jetzt. Aber ein paar müssen rausfliegen und gerade die "Scorpions-Ballade" ist live so aufwändig zu reproduzieren. Da sind diese ganzen 80er-Jahre-Effekte und Sounds und die machen das ja auch so geil.

Aber die finden bei uns sonst in der Show so nicht statt. Dann müsste man das dafür alles extra an den Start bringen und weil wir schon so viele andere langsame Sachen im Set haben, habe ich einfach gesagt: Komm, scheiß darauf! Aber es kann durchaus noch mal irgendwann passieren.

regioactive.de: Spätestens wenn Ihr MTV-unplugged macht, müsst ihr dann eine akustische Version davon machen!

Jan Delay: Ja, aber stell‘ Dir doch bitte mal die "Scorpions-Ballade" unplugged vor! (lacht) Da nimmst Du ihr ja alles weg. Das ist dann so wie Lollo Ferrari ohne ihre Titten! (lacht) Aber wir können's ja mal ausprobieren, vielleicht ist das dann auch lustig!

regioactive.de: Alles klar, dann vielen Dank Jan und Dir alles Gute!

Jan Delay: Gerne, mach's gut!

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