© Lake Street Dive/MLK

Die amerikanische Band Lake Street Dive vereint das Arbeitsethos einer Liveband mit der gezielten Nutzung des Internets als Promotion-Plattform. Wir sprachen mit Schlagzeuger Michael Calabrese über Experimentierfreude, die Rolle des Glücks für den Erfolg einer Band und seine Vorfreude auf die bevorstehende Deutschlandtour.

regioactive.de: Ich habe gelesen, dass du ursprünglich aus Philadelphia stammst, aber in Boston am New England Conservatory studiert hast. Wie kam es dazu?

Michael Calabrese: Ich habe von frühester Kindheit an Musik geliebt und mich von der Grundschule an bis zur High School mit Jazz beschäftigt. Daher erschien es mir als gute Wahl, als ich mich entscheiden musste, welche Musikhochschule ich besuchen sollte. Kurz nachdem ich mein Studium am New England Conservatory begann, traf ich auch schon die anderen Mitglieder der Band. Genauer gesagt war es Mike Olson, der Gitarrist und Trompeter, der uns zusammenbrachte. Das war im Mai 2004, vor fast 10 Jahren.

regioactive.de: Viele Musiker würden gerne am New England Conservatory studieren, aber nicht viele erhalten auch die Möglichkeit dazu. Wie hast du es geschafft?

Michael Calabrese: Durch viel Übung. (lacht) Ich weiß es nicht, das musst du die Leute fragen, die mich aufgenommen haben. Das Gute am New England Conservatory ist, dass sie die Studienplätze nicht nur an die Leute vergeben, die ihr Instrument perfekt beherrschen. Wichtiger ist ihnen die Übereinstimmung mit der Philosophie der Universität. Ein Virtuose, ein Meister seines Instruments, der nicht gerne mit anderen zusammenarbeitet, wird möglicherweise größere Schwierigkeiten haben, dort einen Studienplatz zu ergattern als jemand, der vielleicht kein ganz so brillanter Musiker ist, aber dafür Enthusiasmus, Offenheit und die Lust am gemeinsamen musikalischen Experimentieren mitbringt. Das unterscheidet das NEC von vielen anderen Musikhochschulen.

"Das Studium war eine ungemein bereichernde Erfahrung"

regioactive.de: Diese Philosophie funktioniert also in der Praxis?

Michael Calabrese: Auf jeden Fall. Ich habe dort viele großartigte Musiker getroffen, aber auch einige der einzigartigsten. Das war eine ungemein bereichernde Erfahrung. Ich war ein Jazz-Musiker, der auch Popmusik liebt – und die Verantwortlichen mochten das und sahen etwas in mir, obwohl ich kein besonders guter Jazz-Drummer war. (lacht)

regioactive.de: Du sagst, dass die Verantwortlichen am NEC Offenheit und List am Experimentieren schätzen. Würdest du deine Band Lake Street Dive als ein solches Experiment bezeichnen?

Michael Calabrese: Ja, genau.

regioactive.de: Welche speziellen Fähigkeiten bringst du in die Band ein?

Michael Calabrese: Wenn mich jemand als "Pop-Drummer" bezeichnen würde, dann würde ich entgegnen: "Ich bin ein Pop-Drummer, der die Interaktion liebt." Das war immer ein Kernaspekt der Band: Wir spielen Popmelodien und Lovesongs, aber wir interagieren ständig miteinander, wir ändern die Strukturen des Songs und probieren Neues aus – alles in einem dreiminütigen Song. Ein Drummer, der mich dabei sehr stark beeinflusst hat und den ich sehr verehre, ist Mitch Mitchell vom Jimi Hendrix Experience. Ihm gelang es trotz der Kürze der Songs auf den Studioaufnahmen unkonventionelle Drum-Beats zu spielen, auf Jimis Spiel zu reagieren und ein besonderes Feuer einzubringen. Ich versuche gleichfalls, etwas vom Feuer eines Jazz-Schlagzeugers in die Popwelt einfließen zu lassen.

"Wir möchten in unseren Konzerten positive Energie verbreiten"

regioactive.de: Eure Band hat auch einen speziellen Namen: Lake Street Dive. Kannst du denjenigen, die es vielleicht nicht wissen erklären, was eine dive bar ist?

Michael Calabrese: Wenn man ein schönes Hotel in einem guten Stadtteil betritt und sich an die geschmackvoll eingerichtete Bar setzt, wird man von einem freundlichen Barkeeper mit Fliege begrüßt, der fragt, was man trinken möchte. Das ist das Gegenteil einer dive bar! (lacht) Wenn man in einem etwas unsicheren Teil der Stadt unterwegs ist und durch eine Tür geht, die sehr viel älter aussieht, als sie sein sollte, betritt man einen Raum, der nach Bier riecht, der Boden ist klebrig, es treiben sich düstere Gestalten herum und der Barkeeper blafft dich an. Vielleicht hat die Bar eine Band, die dort an diesem Abend spielt – und diese Band wollten wir sein! (lacht)

regioactive.de: Wirklich? Eure Musik ist so ausgefeilt, ihr klingt gar nicht wie eine Barband! (Gelächter)

Michael Calabrese: Ok, wir haben vielleicht nicht die Härte oder Traurigkeit mancher Barbands, aber unser Ziel ist, dass die Leute Freude an unserer Musik haben, dass sie tanzen oder Leute treffen und ein positives, intimes Konzert erleben. Das Großartige an einer Barband ist, dass sie sehr viel Energie ausstrahlt, aber auch sehr viel Energie von den Zuschauern empfängt. Wir möchten nicht unbedingt dort spielen, obwohl wir das auch schon gemacht haben, sondern wir möchten den Geist einer solchen Bar in ein Theater mit tausend Zuschauern transportieren.

"Wir waren bereit für das Glück"

regioactive.de: Euer Erfolg beruht einerseits auf jahrelanger harter Arbeit, vielen Proben und vielen Auftritten, andererseits verdankt ihr eure Popularität aber auch einem Internet-Phänomen. Wie hast du das erlebt?

Michael Calabrese: Es werden jeden Tag so viele Videos auf Youtube hochgeladen, aber wie viele starten richtig durch? Und warum? Es ist natürlich eine Menge Glück dabei, aber man kann sein Glück auch erzwingen. Wir haben zehn Jahre sehr hart als Band gearbeitet, viel geprobt und live gespielt. Dazu haben wir ganz regelmäßig, fast monatlich Videos auf Youtube veröffentlicht. Als "I Want You Back" groß herauskam, waren wir in der Lage, das zu liefern, was notwendig war, um das Phänomen am Leben zu erhalten. Wir waren einfach bereit für das Glück, als es uns traf.

regioactive.de: Ihr habt also einen bewussten Versuch gestartet, die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit zu erzielen?

Michael Calabrese: Es war nicht unser Ziel, mit jedem Video, das wir hochgeladen haben, einen viralen Effekt zu erzielen. Ein solcher Versuch würde vermutlich in einer Enttäuschung enden. So haben wir auch nicht gedacht. Unser Ziel bestand darin, unsere Hörerschaft erweitern, um schließlich von unserer Musik leben zu können. Wir wollten keine anderen Bands oder Jobs nebenher haben, sondern diesem Projekt unsere ganze Aufmerksamkeit widmen. Glücklicherweise hat es funktioniert, aber man kann sich darauf nicht verlassen.

"Wir hatten das deutsche Publikum definitiv nicht so erwartet"

regioactive.de: Mitte Mai kommt ihr zum zweiten Mal auf Deutschlandtour, wie habt ihr eure erste Tour im letzten Herbst erlebt?

Michael Calabrese: Wir haben in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, Erfurt und München gespielt und hatten sehr viel Spaß. Wir können es kaum erwarten, wiederzukommen. München war die größte Überraschung: Es war ausverkauft, obwohl wir nie vorher dort gespielt hatten. Das Publikum hatte so viel Energie, es war absoluter Wahnsinn. Als sie applaudiert haben, war das ohrenbetäubend. Das hatten wir definitiv nicht erwartet, wir dachten, dass das deutsche Publikum sehr aufmerksam und fokussiert ist, weil ich das mit anderen Bands erlebt habe. Wir hoffen, dass dasselbe auch bei unserer Tour im Mai passiert.

regioactive.de: Vielen Dank für das Gespräch!

Lake Street Dive live 2014

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