Kurz vor Beginn seiner Europatournee konnte regioactive.de ein Interview mit Steven Wilson führen. Der Tourauftakt in Mannheim begeisterte. Fotostrecke starten

Kurz vor Beginn seiner Europatournee konnte regioactive.de ein Interview mit Steven Wilson führen. Der Tourauftakt in Mannheim begeisterte. © Lasse Hoile

Steven Wilson, der nach vielen Jahren mit Porcupine Tree und Blackfield augenblicklich als Solokünstler unterwegs ist, gibt sich im Gespräch genauso wie auf der Bühne: engagiert und willensstark. Kurz vor Beginn seiner Europatournee sprachen wir mit Steven Wilson über die Musik der 1970er Jahre als Vorbild, sein neues Projekt "Storm Corrosion", Schaden und Nutzen der Downloadkultur und seine Arbeit an Reissues klassischer Prog-Rock-Alben von Jethro Tull und King Crimson.

regioactive.de: Mr. Wilson, sie sind gerade von einer Südamerika-Tour zurück. Wie war es?

Steven Wilson: Großartig. Ich war noch nie zuvor in Südamerika, nicht einmal als Tourist, deshalb war es für mich sowohl eine persönliche wie eine professionelle Entdeckung. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Fans ich dort habe. Als Musiker ist es heutzutage schwierig herauszufinden, wie viele Fans man hat, wenn man nur die Albumverkäufe zugrunde legt. In manchen Ländern sind physische Tonträger komplett irrelevant. Ich verkaufe in Südamerika lediglich einige hundert CDs, aber zu den Konzerten kommen tausende leidenschaftlicher Fans, die die Musik sehr genau kennen. 

Ich habe letztes Jahr mit Bob Geldof gesprochen und er sagte, für ihn sei eine Tour eine komplette Katharsis, so als würde er sich komplett ausleeren. Geht es ihnen auch so?

Für mich ist es eher das Gegenteil. Wenn die Tour vorbei ist, habe ich eine Masse neuer Ideen. Eine Tour erfrischt mich, obwohl das vermutlich etwas Ähnliches ist. Aber für mich geht es nicht darum, sich auszuleeren, sondern eine Tour erfüllt mich im wahrsten Sinne des Wortes, besonders eine Tour mit meiner aktuellen Band. Sie besteht aus so fantastischen Musikern und es inspiriert mich, ihnen jeden Abend dabei zuzuhören, wie sie meine Musik spielen. Kürzlich habe ich an meinem neuen Album gearbeitet, das ich mit Blick auf diese Band geschrieben habe. Es ist sehr inspirierend Songs für eine solche Band zu schreiben, die Musik in einer Weise spielt, die ich mir niemals hätte ausdenken können. Das ist ein Ergebnis davon, jeden Abend mit ihnen auf der Bühne zu stehen. [Einen Bericht von Steven Wilsons Konzert in Mannheim findet ihr hier]

Sie werden also mit dieser Band ihr neues Album aufnehmen?

Genau. Es wird das dritte Album unter meinem Namen sein, aber das erste, das ich mit einer konstanten Besetzung aufnehmen werde. Ich hoffe, dass das dem Album mehr Zusammenhalt geben wird, und zwar nicht weil ich glaube, dass das dem letzten Album gefehlt hätte, sondern weil ich gerne die Identität der Band noch mehr widerspiegeln würde.

Das ist interessant, denn ihr letztes Album, Grace For Drowning, war durch viele offene musikalische Landschaften charakterisiert – wird das neue also ein Gegenstück dazu sein?

Da ich bereits 70% des Materials für das neue Album zusammenhabe, kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass es eher gewisse Aspekte von Grace For Drowning fortführen wird. Damit meine ich insbesondere den Versuch, die Verbindung zwischen Rockmusik und Jazz zu erforschen, die in den frühen 1970ern sehr stark war, aber inzwischen komplett verschwunden ist. Für die aktuellen Progressive Rock-Bands spielt Jazz keine Rolle mehr, in den frühen 1970er war die Verbindung aber geradezu fundamental, wenn man an King Crimson, Jethro Tull, Soft Machine oder Van der Graaf Generator denkt. Grace For Drowning war der Versuch, diese Verbindung wieder aufzugreifen und das werde ich mit dem nächsten Album fortführen. Es wird ein Doppelalbum sein, episch, ausladend, mit vielen unterschiedlichen Richtungen, was ich sehr mag, aber etwas dichter und fokussierter. 

Es scheint so, als hätten die Musiker der frühen 1970er stärker versucht, Grenzen zu überschreiten, woran Musiker heute weniger interessiert sind. Man denke beispielsweise an Miles Davis in seiner elektrischen Phase.

Das ist enttäuschend, oder? Heutzutage machen mehr Leute Musik als jemals zuvor – und das auf sehr hohem technischen Niveau, aber gleichzeitig gibt es mehr generisch klingende Musik als jemals zuvor. Diese Musik wirkt, als wäre sie in ihren eigenen Genre-Grenzen gefangen. In den 1970ern war das anders, es gab Leute wie Miles Davis, der Musiker mit vielen unterschiedlichen Wurzeln zusammenbrachte und gerade diese Verbindung fehlt der heutigen Musik. Miles hatte Joe Zawinul, Keith Jarrett und Chick Corea, alle diese großartigen Keyboard-Player und dazu Michael Henderson, diesen fantastischen Funk-Bassisten. Ich würde gerne mehr dieser genre-übergreifenden Musik hören, weil das der Kern der progressiven, sich entwickelnden Musik ist. Aber die Musikpresse setzt dem Widerstand entgegen, weil Marketing- und Medien-Strukturen diese Musik nicht in dieser Weise aufgeschlossen gegenüberstehen, wie das in den frühen 1970ern der Fall war. Ich hatte wirklich enorme Schwierigkeiten, auch nur die allergeringste Anerkennung für meine Musik zu erhalten und ich denke, ein Teil des Problems besteht darin, dass man sie nicht so leicht einem Genre oder einer Kategorie zuordnen kann. Es ist schwer Musik zu machen, die dem Mainstream nicht sofort vertraut erscheint. Wenn sie es nicht sofort verstehen, dann geben sie sich auch keine Mühe, sie sich zu erschließen.

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Wie aber steht man in der Tradition dieser Zeit und schafft Musik, die von Fans und Musikliebhabern als neu und aufregend angesehen wird?

Das ist die Millionen-Euro-Frage. Das Problem besteht darin, dass man nur sehr wenig wirklich Neues machen kann. So gut wie alles hat es schon gegeben, jede Kombination wurde bereits ausprobiert. Allerdings können starke musikalische Persönlichkeiten immer noch Musik schaffen, die wieder frisch und neu wirkt. Ich hoffe, dass das meine Rolle ist: Ich schaue zurück auf die klassische Musik der 1970er, die fraglos in meiner musikalischen DNA verankert ist und vertraue gleichzeitig darauf, dass meine Persönlichkeit stark genug ist, damit Leute die Musik als mein Werk erkennen. Natürlich sind den Leuten, die mein letztes Werk gehört haben, die Bezüge zu King Crimson und Van der Graaf Generator aufgefallen. Aber irgendwie dachten alle auch: "Es klingt wie ein Steven Wilson-Album." Ich muss mir daher nicht zu viele Sorgen deshalb machen. Irgendein Aspekt meiner Produktionen oder meines Songwritings ist so individuell, dass ich mich der Musik vergangener Jahrzehnte bedienen kann und mich dennoch darauf verlassen kann, dass meine Musik neu und gegenwärtig klingt – eben weil ich sie mache.

Ist das nicht das Wichtigste überhaupt, eine musikalische Stimme zu haben, die man sofort wiedererkennt?

Das ist eigentlich das höchste Lob von allen. Die Erkenntnis, ob Leute es hassen oder es mögen oder ob es dein bestes Album ist oder nicht – es gehört alles einem musikalischen Kontinuum an. Ein wunderbares Beispiel dafür ist Neil Young. Nicht jedes seiner Alben ist gut, aber alle tragen unverkennbar seine Handschrift, weil er eine so originelle und einzigartige musikalische Stimme besitzt. Daher werde ich nie mein Interesse an seiner Musik verlieren. Gleiches gilt für Frank Zappa: Er wechselte zwischen der ernsthaften klassischen Musik zum dummen Doo-Wop. Aber seine Fans sind ihm gefolgt, wohin auch immer er gegangen ist. Auf meine Weise hoffe ich in einem geringeren Sinn genauso zu sein: Dass meine Fans, die meine Musik mögen, mir ebenfalls folgen, weil sie meinen Willen schätzen.

Sie werden bald Storm Corrosion veröffentlichen, das Album, das sie mit Mikael Akerfeldt von Opeth aufgenommen haben. Wie würden sie es beschreiben?

Ich würde es als Anti-Rock-Album beschreiben. Die meisten Leute hätten erwartet, dass Mikael und ich ein Rock-Album aufnehmen, aber in Wirklichkeit haben wir das Gegenteil gemacht. Storm Corrosion hat mehr gemein mit Talk Talks Spirit Of Eden oder Scott Walkers The Drift, vielleicht auch Popol Vuh und Florian Frickes Arbeiten für Werner Herzog. Das waren unsere Einflüsse, aber ich hoffe, dass wir sie überwunden haben und etwas Einzigartiges geschaffen haben.

Die Videos ihrer Songs sind häufig sehr eindrucksvoll, beispielsweise auch das neue Video zu Storm Corrosions Drag Ropes. Wie wichtig ist ihnen der visuelle Aspekt ihres Werks?

Sehr wichtig. Die Show, mit der ich im Augenblick auf Tour bin, könnte man mit altmodisch als Multimedia-Erfahrung bezeichnen. Sie besteht nicht nur aus sechs Musikern, die auf der Bühne stehen und Musik machen, sondern es gibt Videos auf verschiedenen Leinwänden, quadrophonischen Sound, Performance, sogar Kostüme. Es ist mir wirklich wichtig, dass die visuelle Präsentation der Musik, sei es nun das Albumcover, das Video, die Website oder der Liveauftritt, die musikalische Kreativität erweitert. Ich verstehe auch nicht wirklich, warum nicht jeder so empfindet. Ich vermute, das hat wiederum mit meiner Liebe für die Musik der 1970er zu tun, denn das war die große Zeit elaborierter Verpackungen, wie gatefold sleeves, Textbeilagen und Gimmicks, die die Musik als Kunstwerk erscheinen lassen. Die Download-Kultur der heutigen hat dieses Erbe stark kompromittiert, so dass Musik heute fast als Software bezeichnet werden kann. Oder mit diesem schrecklichen Wort, das die Leute verwenden, die iTunes benutzen: "content". Was für eine furchtbare Art und Weise, um Musik zu bezeichnen! Musik ist kein reiner Inhalt, gute Musik ist Kunst. Wir sollten das nicht vergessen. Daher ist es für mich nicht akzeptabel, den künstlerischen Aspekt der Musik aufzugeben. Im Gegenteil, er sollte sich in allem widerspiegeln. Und da ich ein Kontrollfreak bin, kann ich diese Sachen auch nicht aus der Hand geben. Ich habe außerdem die Möglichkeit mit fantastischen Filmemachern zu arbeiten. Das Video von Drag Ropes stammt von dem fantastischen Animateur Jess Cope. Wir haben am diesem Video genauso hart gearbeitet wie an der Musik.

Sie sind also der Meinung, dass die Download-Kultur der heutigen Zeit Musik als Kunstform schädigt?

Ich glaube, niemand würde das Gegenteil behaupten, oder? Es gibt keinen Zweifel, dass die Download-Kultur positive Auswirkungen hat: Musik ist leichter zugänglich als jemals zuvor, das gilt theoretisch auch für experimentelle Musik und für Musik jenseits des Mainstream. Wenn ich in meiner Jugend ein Popol Vuh-Album hören wollte, musste ich mein Taschengeld sparen, den Zug nach London nehmen und die Plattenläden durchforsten. Heute kann ich mir das Album mit ein paar Klicks herunterladen. Aber man muss sich fragen, ob das gut oder schlecht ist? Die menschliche Natur ist nun einmal so, dass wir die Dinge, die uns in den Schoß fallen am wenigsten zu würdigen wissen. Als ich damals endlich mein Popol Vuh-Album fand, habe ich es wie einen Schatz nach Hause getragen und tagelang gehört, auch wenn ich es beim ersten Mal gehasst habe. Jetzt, wo Musik so leicht verfügbar ist, kann man sie ebenso leicht abtun. Alben wie Spirit Of Eden oder The Drift kann man sich aber nicht erschließen, wenn man sich nicht über einen längeren Zeitraum damit auseinandersetzt. Es gibt mehr Musik als jemals zu vor, aber es findet weniger Beschäftigung damit statt. Und das ist ein Problem, denn ich mache Musik, mit der man sich beschäftigen muss. Aber andererseits kann man die Zeit auch nicht zurückdrehen.

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Wie beurteilen sie unter diesem Aspekt Versuche von Bands wie Radiohead oder Künstlern wie Trent Reznor, neue Wege zu beschreiten, um Musik online zu verkaufen und zu vertreiben?

Sie geben sich Mühe, aber ich denke, es gelingt ihnen nicht. Radiohead hat es berühmterweise mit In Rainbows versucht. Man konnte für das Album so viel bezahlen, wie man wollte, aber 87% haben nichts bezahlt. Daher empfinden viele Leute in der Musikindustrie den Versuch als Fehlschlag. Es ist ein Fehler zu glauben, dass man sein Publikum dazu erziehen kann, für Musik zu bezahlen. Es funktioniert nicht. Diese Versuche sind ein wenig nutzlos. Man muss sich damit abfinden, dass 95% der Leute, die deine Musik gehört haben, keinen Cent dafür bezahlt haben und nie das Artwork gesehen haben. Das ist traurig, aber es ist die Realität. Natürlich soll Musik auch geteilt werden: Ich habe es lieber, wenn zehn Leute das Album kaufen und tausend nichts dafür bezahlen, als wenn lediglich zehn Leute es kaufen und es sonst gar niemand hört. Die Leute sollen lieber die Musik stehlen als gar nicht hören.

Sie haben vor einiger Zeit das klassische Jethro Tull-Album Aqualung neu abgemischt und remastered, und das mit einem Ergebnis, das ich für ganz ausgezeichnet halte. Wie lief es aus ihrer Sicht?

Die Arbeit an Aqualung fiel mir leichter als an manchen anderen Alben, die ich neu abgemischt habe. Der originale Mix war einfach nicht gut. Der neue Mix ist eindeutig besser und ich sage das nicht, weil ich ihn verbrochen habe, sondern weil die Originalabmischung so schlecht war. Es war eigentlich nicht möglich, es noch schlechter zu machen. Die Aufnahme selbst war prima, nicht fantastisch, aber gut. Ich habe versucht, der Musik, die ich liebe, gerecht zu werden und sie nicht zu modernisieren. Wenn man an einer solchen Aufnahme arbeitet, kann man sehr viel darüber lernen, wie diese Alben ursprünglich entstanden sind, wie die damaligen Musiker und Produzenten den charakteristischen Klang dieser Musik geschaffen haben. Das ist in gewisser Weise eine verlorene Kunst. Es ist sehr schwer Leute zu finden, mit denen man darüber sprechen kann, wie sie damals Musik aufgenommen haben.

Diejenigen, die damals an den Alben gearbeitet haben, können sich nicht erinnern…

Stimmt, sie erinnern sich nicht. Aber wenn man etwas bohrt, dann geben sie Informationen preis. Man muss sich aber vor allem mit den Multitrack-Tapes beschäftigen und selbst herausfinden, wie sie damals vorgegangen sind. Bei King Crimson kam ich auf Dinge, an die sich selbst Robert Fripp nicht mehr erinnert. Und ich musste es herausfinden, weil ich manche Effekte nachbilden musste. Es macht unheimlich viel Spaß, es ist richtige Ermittlungsarbeit.

Was war eigentlich die größte Herausforderung in dieser Hinsicht?

Larks’ Tongues In Aspic. Manche halten es für ein Meisterwerk – und das stimmt, aber es ist ein schwieriges Album. Die Situation war anders als bei Aqualung, das schrecklich abgemischt, aber gut aufgenommen wurde. Larks’ Tongues In Aspic wurde nicht sonderlich gut aufgenommen und vermittelte nicht wirklich die Kraft dieser Band. Kennen sie die Liveaufnahmen des 1973/74er Lineup von King Crimson…

…The Great Deceiver…

Exakt. Eine wunderbare, außergewöhnlich kraftvolle Band, aber die Bänder der Studioaufnahmen sind etwas schwächlich, anämisch. Wir haben versucht, ein wenig der Energie zurückzugewinnen, aber es war wirklich sehr schwierig, weil das Studio, in dem sie damals Larks’ Tongues In Aspic aufgenommen hatten, der Herausforderung eigentlich nicht gewachsen war, wie Robert [Fripp] mir erklärte. Wir haben unser bestes getan und Robert meinte, so gut hätte das Album noch nie geklungen und wenn er das sagt, reicht mir das. Ich bin schon etwas nervös bezüglich der Reaktion der Leute, da es sich eben um ein solches Meisterwerk handelt. Wir haben beim Remix etwas mehr verändert als bei den anderen Alben.

Vielen Dank für das Gespräch!

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