John Zorn ist einer der bekanntesten und bedeutendsten Avantgarde-Musiker der Gegenwart. Seine Musik ist so kompromisslos und einzigartig, dass sie sich einfachen Kategorisierungen widersetzt. Das Trio Painkiller, das er zusammen mit Bassist Bill Laswell und Drummer Yoshida Tatsuya bildet, ist nur eine der vielfältigen Gruppen, die Zorn im Laufe seiner musikalischen Karriere geformt hat.

{image}Wenn der Saxophonist daher als Vertreter „radikaler jüdischer Musik“ angekündigt wird, dann trifft das die Essenz seines Werkes ziemlich genau. John Zorns Musik trifft den Zuhörer mit einer urwüchsigen Gewalt, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Was er spielt, kann man nicht im Mindesten mit „klassischem“ Jazz, sei es Swing oder Be-Bop vergleichen. Es ist unbestreitbar, dass diese Musik aus dem Jazz hervorgegangen ist und aus ihm die stärksten Einflüsse bezieht. Gleichzeitig geht sie jedoch weit über dessen gewohnte Formen hinaus, indem sie ungeahnte Extreme erforscht. John Zorn ist nicht der einzige Künstler, der auf diese Weise arbeitet, aber er ist einer der Besten.

Ortstermin Alte Feuerwache Mannheim, im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals: Schlagzeug, Bass und Alt-Saxophon erzeugen eine Klangwand. Zorn treibt sein Saxophon in die tiefsten Tiefen und die höchsten Höhen. In atemberaubender Geschwindigkeit jagen seine Finger über das Instrument. Es pfeift, jault, quietscht, knattert und brummt in einer teilweise ohrenbetäubenden Lautstärke. Zorn benutzt Motive und auch einzelne Noten, wiederholt diese einige Zeit, setzt dann wieder zu längeren Läufen an. Auf extreme, laute Momente folgen ruhigere, lyrische Passagen, dann schlägt die Musik wieder die umgekehrte Richtung ein. Laswell unterlegt die Musik mit elastischen Bässen und am Schlagzeug wirbelt Tatsuya virtuos bis zur völligen Verausgabung. Gelegentlich wird einem der Musiker Raum für ein Solo gegeben, aber die meiste Zeit spielt das Ensemble gemeinsam. Zwischen den Musikern besteht ein fast telepathisches Verständnis - und nur auf diese Weise kann Zorn erhoffen, seine Musik zu verwirklichen. Dazu müssen die Musiker allerdings nicht nur herausragende Künstler sein, sondern auch den Willen besitzen, an ihre Grenzen zu gehen. {image}

Man würde einen Fehler machen, wenn man die Musik für chaotisch oder unorganisiert hielte, denn in Wirklichkeit ist sie komplex strukturiert und erfordert daher eine präzise Ausführung. Mit anderen Worten: Zorn weiß genau, was er tut: er könnte auch wohlklingenden Jazz spielen, wenn er das wollte, aber das ist nicht sein Ziel. Er sucht die Extreme und ist bei der Verwirklichung dieser Vision gänzlich unbeugsam. Abgesehen von der kurzen Vorstellung der Musiker und einigen Dankesbekundungen richtet er keine Worte an das Publikum – das ist auch nicht wirklich nötig, denn die Musik spricht für sich: sie ist pure Emotion.

Es braucht wohl nicht ausdrücklich hervorgehoben werden, dass nur eine kleine Minderheit der Menschen gewillt ist, sich auf Zorns Musik einzulassen. Wer allerdings meint, nur einige Unentwegte hätten an diesem Abend den Weg in die Alte Feuerwache gefunden, der irrt. Die bestuhlten Reihen sind vollständig besetzt und auch in den hinteren und seitlichen Teilen sitzen und stehen Zuschauer. Alle bejubeln John Zorn und seine Painkiller enthusiastisch, was sogar der sonst so unnahbare Musiker mit einem Lächeln quittiert. Ich wage die Behauptung, dass Zorn auch in den meisten amerikanischen Großstädten nicht mehr Fans angezogen hätte als an diesem Abend.

{image}Nach einer guten Stunde ist das Konzert zu Ende. Die Zuschauer hoffen zwar auf eine zweite Zugabe, werden aber enttäuscht. In ihrer Heldenverehrung ließen sie sich aber keineswegs stören, denn sie wussten, dass ein solches Konzert auch nicht viel länger dauern sollte, denn diese Art der Musik fordert sowohl Künstlern wie auch dem Publikum in emotionaler und körperlicher Hinsicht alles ab. Sie ist einem heftigen Unwetter vergleichbar, das nach kurzer Zeit weitergezogen ist, allerdings nicht, ohne bleibende Eindrücke zu hinterlassen. An John Zorns Auftritt in Mannheim wird man sich jedenfalls noch lange erinnern.

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