Revolverheld (Pressefoto, 2005)

Revolverheld (Pressefoto, 2005) © Revolverheld

Revolverheld haben sich spätestens mit ihrer zweiten Single „Die Welt steht still“ in der Musiklandschaft einen Namen gemacht. Niels, einer der beiden Gitarristen der Band, sprach mit regioactive.de über das Lebensgefühl des Rock´n´Roll und die „Generation Rock".

ra: Stichwort Rock´n´Roll – Wie ist eure Neuinterpretation von diesem Begriff?

Niels: Was wir am Rock´n´Roll oder besser gesagt, generell beim Rock, aufgreifen, ist die Lebenseinstellung: Geh aus dir raus! Tu was du willst und lass dir nichts vorschreiben! Man soll einfach seine Träume verwirklichen. Nicht versuchen nach Konventionen zu leben, sondern einfach man selbst sein und die Sau raus lassen, wenn das dazu gehört. Das ist auch die Einstellung, die wir mit unserer Musik und unseren Texten zu transportieren zu versuchen.

ra: Also eher eine Neuinterpretation der Grundbausteine.

Niels: Ja, wir sagen beispielsweise in „Generation Rock“, krieg deinen Arsch hoch und versuch was aus deinem Leben zu machen. Das ist für uns Rock als Lebenseinstellung. Viele Leute versuchen ja, wenn wir „Generation Rock“ singen, uns irgendetwas in den Mund zu legen, von wegen wir hätten den Rock erfunden. So ist es natürlich nicht gemeint. Das kann man selbstverständlich nicht von sich behaupten. Wie viele Bands gab´s vorher schon? Daher ist Rock eher als Lebenseinstellung zu sehen und wir sehen uns eben als Teil dieser Generation.

ra: Wie erklärst du dir das Comeback des Rock?

Niels: Das ist eigentlich gar nicht so schwer zu erklären. Eine Zeitlang war, zumindest was Deutschland angeht, die Musiklandschaft ziemlich casting-verseucht. Es gab einfach viele Plastikacts. Seien es irgendwelche Boom-Boom-Ballermann-Geschichten oder diese ganzen Superstar–Popstars-Staffeln. Die Leute haben eben gemerkt, dass da sehr viel Marketing dahinter steckt und nicht echte Liebe zur Musik. Wenn man auf ein Konzert geht und da läuft ne Playback-Maschine, dann kann einen das nicht so mitreißen. Das Geile am Rock ist, dass es eine einfache und sehr ehrliche Musik ist, die einen direkt und emotional trifft und das kommt auch bei Konzerten gut rüber. Ich glaube, dass die Leute, gerade nach dieser Castingwelle, wieder Lust haben, echte handgemachte Musik zu hören. Einfach etwas, was mit Emotionen zu tun hat.

ra: Live seid ihr noch viel rockiger als auf eurer Platte….

 Niels: Ich glaube, dass Live eine größere Energie da ist. Da ist dieses Gegenspiel zwischen Band und Publikum, das sich gegenseitig hochpusht. Ich kenne viele Bands bei denen die Platte nicht ganz die Energie transportiert wie ein Live-Konzert. Das kann sie auch gar nicht, weil Studioaufnahmen eben keine Liveaufnahmen sind. Deshalb denke ich nicht, dass das irgendetwas Außergewöhnliches ist.  

ra: Ihr seid ja Mitglied im band.pool des POP.FORUMs – Was bringt euch das?

Niels: Die Popakademie bietet einem zumindest viele Möglichkeiten. Wenn man denkt, dass du da hingehst und die machen alles für einen und jetzt brauchst du dich um nichts mehr zu kümmern, dann liegt man da falsch. Sie bieten einem alle Möglichkeiten und man muss für sich selbst herausfinden, was für einen sinnvoll ist. Man sollte eigentlich ganz genau wissen, wo man hin will und kann dann das Angebot genau nutzen. Sie sind auch sehr offen für Anregungen, wenn eine Band sagt, wir brauchen das und das, dann gibt man das als Anregung weiter und dann wird überlegt, wie man das umsetzen kann. Sie versuchen das sehr individuell zu gestalten. Deshalb sind auch nicht so viele Bands im Bandpool. Sie können sich um jede einzelne Band wirklich kümmern. Wenn man sich einfach in Seminare reinsetzt, bringt einem das wahrscheinlich wenig. Sondern man muss auch gucken, was braucht meine Band. Dafür ist das Angebot sehr gut, muss ich sagen. Wir haben viele Seminare besucht, bei denen wir gesagt haben, das macht für uns Sinn.

ra: Ihr sucht euch also alles gezielt aus. Gibt es keine Vorgaben?

Niels: Es ist einem natürlich freigestellt, da hin zu gehen. Aber es macht natürlich keinen Sinn, nicht hinzugehen. Es gibt meistens Wochenend-Blöcke, an denen verschiedene Seminare angeboten werden. Man kann dort dann auch fürs nächste Mal eigene Vorschläge mitbringen und dann wird versucht das irgendwie umzusetzen.

ra: Ich hab mal gelesen, dass ihr euch auch dort kennen gelernt habt. Das stimmt ja nicht. Wie kommt das dahin?

Niels: Das stimmt nicht. Nein. Ich habs auch mal gelesen und mich gefragt, wo die das herhaben. Aber ein Teil von uns hat sich bei einer anderen Geschichte kennen gelernt. Das ist der Pop-Kurs in Hamburg, den auch Udo Dahmen damals betreut und geleitet hat. Dort haben sich auch Musiker wie Seeed und Wir Sind Helden oder zumindest Teile der Bands kennen gelernt. Das ist eine Art Musiker-Börse, bei der sich Musiker aus ganz Deutschland bewerben, um gemeinsam Musik zu machen und um dort Workshops zu kriegen. Das ist eher eine Kennenlern-Geschichte. Das ist ungefähr so: Ok, ich hab ne Band, ich such noch nen Bassisten. Dann sind da Bassisten, mit denen kann man dann mal was ausprobieren.

ra: Seid ihr von Anfang an in dieser Konstellation zusammen?

Niels: Ja. Das ging so los, dass Kristoffer, der andere Gitarrist, Jakob und ich schon mal in einer anderen Band gespielt haben, die hat sich aber dann irgendwann aufgelöst. Kristoffer und ich haben aber weiterhin Songs geschrieben und Jakob gezeigt, weil er einfach ein geiler Drummer ist und wir dachten, es wäre cool, ihn wieder im Boot zu haben, und er hatte Lust. Jakob hat dann über den Popkurs Johannes kennen gelernt. Flo ist ein Zivi-Kollege von Jakob gewesen.

ra: Ihr seid ja parallel zu eurer Tour auf der „Frische Töne-Tour“ das Bandpools unterwegs – diese Tour grast ja nur die Region Mannheim ab. Fändest du es nicht sinnvoller, den Radius auszudehnen?

Niels: Für uns bringt es trotzdem was, weil wir in dieser Region noch nicht so oft gespielt haben und das ist in unsere eigene Tour eingegliedert. Das heißt, die Gigs, die hier ablaufen, laufen unter dem Namen „Frische Töne“ und unter dem der Popakademie und werden auch hierüber geworben. Das tut uns natürlich sehr gut. Unsere Tour geht Ende November los, da sind zwei Gigs „Frische Töne“, der heute und der im Schwimmbadclub ist noch mit bei. Da drumrum gibt’s noch viele andere Termine in anderen Regionen. Aber für diese Region ist das ganz toll für uns, dass viel Werbung gemacht und darauf hingewiesen wird.

ra: Was hälst du von dem „Popmusik-Gehabe“ in Mannheim? Interessiert das die Außenwelt überhaupt?

Niels: Mittlerweile kennt die Popakademie eigentlich jeder. Es ist ja ganz klar, dass, wenn man etwas neu aufbaut, dass das nicht die ganze Welt gleich kennt. Man muss sich eben erst mal einen Namen machen. Auch durch verschiedene Projekte wie dem band.pool. Ich glaube, dass sich das im Laufe der Zeit schon einen großen Namen machen wird, weil hier viel zusammenläuft. Es gibt hier viele Coaches. Sei es über die Söhne Mannheims, die sich daran beteiligen und das unterstützen. Ich halte das für eine gute Sache und glaube, dass das immer bekannter werden wird.

ra: Habt ihr beispielsweise durch den band.pool viel mit Mannheimer Künstlern zu tun?

Niels: Ich glaube, das hängt immer ganz davon ab, was man für Musik macht. Es gibt Bands im band.pool oder Studenten von der Popakademie, die wesentlich mehr mit diesen Leuten haben, die dann aber auch in die soulige, popige Ecken gehen. Da macht das dann auch verdammt viel Sinn. Bei uns, als Rockband, ist da nicht so der große Kontakt da. Für uns sind da andere Leute, die da mehr gepasst haben. Wir haben mal über den band.pool mit Wolfgang Stach zusammengearbeitet. Das ist der Produzent von den Guano Apes und den Donots. Das war eine Erfahrung, die für uns richtig gut war.

ra: Man sieht euch fast jede Woche in der BRAVO und stellt euch sozusagen mit Bands wie Tokyo Hotel gleich, was ja im Prinzip nicht gerechtfertigt ist. Wie geht ihr mit dieser Teeniehysterie um?

Niels: Ich seh das nicht ganz so. Ich würde die Frage etwas anders formulieren – wir werden dort nicht gleichgestellt. Wenn man ganz genau hinguckt, dann gibt es auch innerhalb der BRAVO einen Unterschied. Es gab da zum Beispiel eine Umfrage: „Wer ist die bessere Boyband? Tokyo Hotel oder US 5? Und nicht: Tokyo Hotel oder Revolverheld?

Bei uns sind das dann eher Stories, die sich Rock- und handgemachte Musik drehen oder Stories, die von unserem Tourleben berichten oder so. Das würde ich schon mal unterteilen. Die BRAVO bildet ja nicht unbedingt nur eine Schiene ab, sondern versucht auch ein bisschen breiter zu berichten. Es gibt gerade in Rockkreisen oft die Kritik, dass alles was in der BRAVO ist, sei nicht credible oder solche Geschichten. Aber man muss nur mal gucken, wer früher alles in der BRAVO war: ACDC, Alice Cooper oder Led Zepplin. Die waren alle in der BRAVO. Ich finde es ist eine gute Sache, weil die Kids über ein Jugendmagazin nicht nur Bands wie US 5 kennen lernen sollen. Es ist in dieser Hinsicht sehr vernünftig, etwas breiter zu berichten. Und wenn wir einen Teil dazu beitragen können, finde ich das völlig ok. Ich hab da nichts dagegen. Es kommt wie gesagt, immer darauf an, wie du in der BRAVO stattfindest: Ob man da jetzt solche Boygroup-Geschichten mit Photo-Love-Story rauszieht oder ob man sich so präsentiert, wie man es auch sonst immer macht. Das finde ich sehr vernünftig, weil so auch mal ein anderer Anstoß gegeben wird.

ra: Welcher Gig war bisher der schönste oder der prägendste für dich?

Niels: Ich müsste da mehrere aufzählen. Es gibt viele Gigs, die was Besonderes waren. Da gab es einmal einen Gig der negativen Art – da haben wir vor zwei Leuten im Freibad gespielt und das war auch noch ein Bandcontest, den wir verloren haben. Bei zwei zahlenden Gästen. Das hat uns schon geprägt, aber auch nicht weiter aufgeregt, weil es nicht so wichtig war. Hieran muss ich aber immer wieder mit einem kleinen Schmunzeln zurückdenken. Dann gab es noch einen anderen Gig, den wir mit anderen Bands organisiert haben und kein zahlender Gast da war, wo nur die anderen Bands der Band auf der Bühne applaudiert haben. Nochmal zurück zu den schönsten Gigs. Das war wohl der erste richtig große Gig. Da haben wir Support für Udo Lindenberg in Karlsruhe auf seiner „Gigantentour“, bei der er alle seine Kumpels eingeladen hat, gemacht. Da durften wir einen Gig supporten, was übrgens auch über die Popakademie lief. Die haben uns da mal vorgestellt und Udo Lindenberg hat gesagt „Find ich geil, lass uns mal machen!“. Das war schon echt Gänsehaut, weil da waren zwischen 6- und 7 000 Leute vor der Bühne. Dann kamen noch Künstler wie Peter Maffay und andere, die man noch aus seiner Kindheit kannte. Das war das erste Megaevent. Da hab ich echt Gänsehaut bekommen. Wir haben auch eine Silbermond-Tour für 10 Dates supportet in diesem Frühjahr. Das war schon mal ganz unglaublich, dass man am Stück jeden Abend vor 3- bis 5 000 Leuten spielt, die einfach abgehen. Am Ende der Tour konnten sie sogar die Lieder mitsingen, was uns ja vorher noch nie begegnet ist. Das fand ich sehr beeindruckend. Es gab eben viele Gigs, die jeweils für einen bestimmten Abschnitt prägend waren, aber es gibt jetzt nicht Den Gig.

 ra: Über eure Plattenfirma seid ihr ja zu euren Gigs mit DIE HAPPY gekommen. Habt ihr euch gewünscht mit denen auf Tour zu gehen?

Niels: Das war schon unser großer Wunsch. Deren Management ist unser Booker, der unsere Band auch DIE HAPPY vorgestellt hat. Wir haben uns gewünscht mit DIE HAPPY auf Tour zugehen, weil wir die Band schon immer geil fanden. Sie sind ne wahnsinns Live-Band. Jeder, der die mal live gesehen hat, wird das bestätigen, dass da einfach tierisch was los ist und sie unglaublich gut spielen. Wir haben uns einfach wahnsinnig gefreut.

ra: Welche Band würdest du denn noch gerne supporten?

Niels: Ohar! Kindheitsträume, die sich wahrscheinlich nie mehr erfüllen werden – Ich war immer so ein großer Guns´n Roses-Fan. Ich hätte so gern mal dieses Gefühl gehabt mit Slash auf einer Bühne zu stehen. Er war mein großes Vorbild früher und deshalb war das schon immer mein größter Traum, der sich leider nicht mehr erfüllen wird. Ansonsten gibt es da noch viele andere Bands wie Sting oder so. Johannes würde gerne mal mit PEARL JAM auf der Bühne stehen.

ra: Noch eine kurze Frage zum Schluss – hinter welcher deutschen Band siehst du momentan das größte Potenzial?

Niels: Das finde ich schwer abzuschätzen. Um Potenzial zu erkennen, muss man auch Entwicklung beobachten. Viele Bands, die jetzt gerade am Start sind, haben ein unglaubliches Debüt hingelegt und da wird sich unterschiedlich zeigen, wie es dann weitergeht. Da würde ich mich mit einem Urteil ziemlich schwer tun.

ra: Danke Niels für deine Zeit und das Interview.

Niels: Vielen Dank. Es hat Spaß gemacht, weil es mal andere Fragen waren (lacht).

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