Die "Lady Gaga der Stubenhocker"? Im Heidelberger Karlstorbahnhof bot sich ein ganz anderes Bild.

Die "Lady Gaga der Stubenhocker"? Im Heidelberger Karlstorbahnhof bot sich ein ganz anderes Bild. © Indra Dunis

Was man so alles lesen kann: Zola Jesus ist das Projekt einer aus den einsamen Wäldern Nordamerikas stammenden Stubenhockerin, hat das Feuilleton (wohl auch dank Wikipedia) herausgefunden. Doof nur, wenn das live auf der Bühne gar nicht so rüberkommt. Wie im Karlstorbahnhof in Heidelberg, wo es die volle Dröhnung gab.

{image}Liebes deutsches Feuilleton! Schön, dass du für die Popmusik noch Zeit findest. Schließlich ist es sehr aufwendig, das aktuelle Buch eines C-Prominenten über seine Körperflüssigkeiten zu besprechen oder eine der elf Talkrunden im Öffentlich-Rechtlichen nach Inhalten zu durchsuchen. Wir verstehen, dass du da wenig Zeit hast. Musst du aber deshalb über das aktuelle Album Conatus von Zola Jesus so schleimig schreiben wie Thomas Winkler bei Zeit Online? Es mag ja sein, dass die Frau hinter dem Projekt, Nika Roza Danilova, in einem Haus im Wald von Wisconsin aufgewachsen ist. Aber deswegen muss man doch nicht fürchterliche Altherren-Romantik vom einsamen Waldleben auspacken. Ganz ähnlich sieht es leider auch bei Spiegel Online aus, wo das Bild einer vollkommen von der Welt abgewandten Sängerin gezeichnet wird, die im Grunde doch eine "Lady Gaga der Stubenhocker" sei. Auch hier die Frage: Muss das sein?

{image}Auf der Bühne des Heidelberger Karlstorbahnhofs merkt man nämlich nichts vom vermeintlichen Stubenhockerprojekt Zola Jesus. Zwischen Boxen und Bandmitgliedern wandert das Energiebündel Danilova immer wieder stampfend hin und her. Im Hintergrund verprügelt Schlagzeuger Nick Johnson im Bandshirt mit undefinierbarem Metalschriftzug sein Instrument und verwandelt das, was bereits auf dem Album düster klingt, in Donnerschläge. Alex DeGroot, seines Zeichens für Effekte und Programmierung verantwortlich, geht es dagegen ruhiger an und ist in sich selbst und seine Musik versunken. Mit dem lautstarken Schlagzeug kann er trotzdem mühelos mithalten und dröhnende Beats herbeizaubern. Einzig Shane Verwey an den Synthies wirkt etwas seltsam. Was genau er vor dem Konzert zu sich genommen hat, will man lieber nicht wissen. Auf jeden Fall befindet sich sein Geist nicht im selben Konzertsaal, in dem sein Körper steht.

{image}Danilovas kraftvolle tiefe Stimme durchflutet den Raum, klingt manchmal etwas wacklig, dafür aber immer beeindruckend. Seit ihrem siebten Lebensjahr beschäftigt sie sich mit Operngesang und das hört das Heidelberger Publikum nicht nur, sondern sieht es auch: Mit ihrer Hand fährt sie jeden Ton einzeln nach. Dazu rauschen hinter ihr verwaschene graue Formen über den Bühnenvorhang. Dröhnend und etwas düster ist das Konzert durch diese Soundkulisse und Bühnenshow, gibt den Songs aber trotzdem viel Entfaltungsraum. Deshalb kommt bei In Your Nature etwas Tanzstimmung auf. Night, bester Track vom letzten Album Stridulum II, begeistert das Publikum. Und bei Seekir sorgt der geloopte Gesang am Anfang für Gänsehaut, die Nick Johnson mit seinem Schlagzeug kurz darauf aber wieder davonjagt.

Nach einer knappen Stunde ist der Spuk schon wieder vorbei. Zeit genug, Conatus fast in seiner Gänze vorzustellen und zum Schluss auch den letzten Zweifler zu bekehren: Einsame Stubenhocker aus dem Wald können nämlich gar nicht so laut sein wie Zola Jesus.

Zola Jesus – Vessel

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