Popkomm 2011

Popkomm 2011 © Popkomm GmbH

Die Enttäuschung ist groß. Am Ende der Popkomm 2011 stehen ein Besucherrückgang von 7500 im Vorjahr auf 5200 bei einer ebenfalls geringeren Anzahl an Ausstellern und die Frage nach der weiteren Relevanz der Messe in dieser Form. Nach der Absage im Jahr 2009 und der eher durchwachsenen Neupositionierung ein Jahr später war die Erwartungshaltung hinsichtlich der diesjährigen Popkomm eigentlich groß. Sowohl logistisch, strukturell als auch inhaltlich wollten die Veranstalter der Branchenmesse in diesem Jahr verlorengegangenen Boden wieder gutmachen.

{image}Dementsprechend traten die Verantwortlichen der Popkomm 2011 zur Eröffnungszeremonie mit stolzgeschwellter Brust vor die Mikros: "'Get In Touch' heißt auch unser Leitspruch in diesem Jahr". So gaben sich die Präsentatoren von vornherein optimistisch und schlossen sich dabei dem Motto der gerade beendeten IFA 2011 an. Standardisierte Lobgesänge auf die "Kultur-Hauptstadt" Berlin, wirtschaftliche Kampfansagen und Durchhalteparolen gaben sich die Klinke in die Hand. Berlins stellvertretender Bürgermeister Hans Wolf, Raimond Hosch (CEO Messe Berlin) und Holger G. Weiss (CEO vom Webradio Aupeo) ballten kämpferisch die Fäuste und versuchten gleich zu Beginn jedweder aufkommenden Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Diese nahm nach der letztjährigen "Wiedergeburt" der Popkomm immer größere Züge an. Keine Struktur, amateurhafte Logistik, dürftige Besucherzahlen und ein zu vollgepacktes Panel- und Workshop-Programm standen ganz oben auf der Liste der Kritiker.

{image}Die groß angekündigten Veränderungen für dieses Jahr hielten sich allerdings in Grenzen. Getreu dem Motto "Berlin im Wandel" passte sich die Organisationsabteilung der Popkomm dem übersättigten Slogan der Hauptstadt an und bot abermals eine Vielzahl an Baustellen. Der Business-Place in der großen Eingangshalle des ehemaligen Airports wurde zwar optisch aufpoliert und übersichtlicher gestaltet, aber aufgrund der nicht ausreichenden Übersichts-Pläne und viel zu klein geratener Aussteller-Banner gab es bei den Fachbesuchern immer wieder erhebliche Orientierungsprobleme.

Das neu angekündigte Eventformat "Media-Gate" und den Network-Bereich in die äußeren Flügel des Gebäudes zu verlegen, sorgte ebenfalls bei vielen Anwesenden für Unverständnis, ebenso wie die Positionierung an gleicher Stelle von neu dazugewonnenen Ausstellern aus Argentinien und Israel. Bedenkt man, dass sich bereits im Vorfeld über 230 Fachbesucher aus 26 Ländern zu 400 Terminen über das Network-Gate verabredet hatten, stößt man verständlicherweise auf unzufriedene Gesichter, wenn dieser Bereich in einem Sektor zu finden ist, in dem man eher die Räumlichkeiten für weniger zentrale Bestandteile der Messe vermutet hätte.

{image}Zumindest inhaltlich konnte die Messe in diesem Jahr punkten. Im Zeitalter der Digitalisierung drehte sich in den Panels und Keynotes fast alles um Clouds, Business-Modelle, Networking und technische Zukunftsvisionen. Im Gegensatz zum Vorjahr wurde die Anzahl der Konferenzen und Gesprächsrunden verkleinert. Das sorgte dann auch für zahlreiches Erscheinen bei den teils hitzig geführten Debatten von Kreativen und Geschäftigen. Egal ob Repräsentanten von Google, Youtube, Vodafone oder anderen Interessenten; sie alle wollen ein Stück vom großen Musik-Kuchen abhaben, und nur die Wenigsten geben sich mit dem zufrieden, was der stagnierende Markt derzeit zu bieten hat.

{image}Dementsprechend leidenschaftlich ging es auf den Bühnen zu. Was allerdings oberflächlich interessant wirkte, hatte am Ende oft nur den Tiefgang eines Tauchsieders. Über die Vielzahl von Fragen herrschte zwar weitestgehend Einstimmigkeit, doch Antworten gab es so gut wie keine. Was bringt die Musikwirtschaft nach vorne? Welche neuen Modelle könnten für einen Aufschwung sorgen und warum zählt Deutschland immer noch zu den digitalen Entwicklungsländern? Dass es gerade in Deutschland mit dem digitalen Aufschwung stockt, liegt nach allgemeiner Auffassung an den Gremien, die sich um Rechtevergaben und Lizenzen kümmern: "Während die Technologie und der Kundenanspruch stetig voranschreiten und mögliche Business-Modelle ausgearbeitet werden, schläft und blockiert die Abteilung Rechte und Lizenzen", erbost sich beispielsweise Andreas Briese von Youtube Deutschland. Conrad Fritzsch, Gründer von tape.tv fehlen hingegen "digitale Strategien".

Über eines waren sich aber so ziemlich alle Beteiligten einig. Die Musik der Zukunft findet überall statt. Lineare Vorgehensweisen sind passe, stattdessen will der Endverbraucher seine Musik genießen, wann er will, wo er will und nach Möglichkeit auch womit er will. Ein Verlangen, welches technisch gesehen immer mehr an Realität gewinnt, aber mit endlos vielen Bürokratie-Schikanen verbunden ist. Da hilft letztlich keine Tatsachenbeschreibung, sondern das An-einem-Strang-ziehen, und zwar an allen Fronten. Davon ist man aber noch weit entfernt. Neben all den oberflächlich geführten und wenig aufschlussreichen Debatten geriet das Wesentliche der Veranstaltung vollkommen in den Hintergrund: die Musik.

{image}Die Band Harthof kämpfte am Eingangsbereich verzweifelt mit akustischen Singalongs gegen die sterile Stimmung im großen Aussteller-Areal an. Was blieb, war vereinzelter Szenen-Applaus von verwirrt dreinblickenden Besuchern, die auf ihrem Weg von A nach B den Weg der Berliner Band kreuzten. Immer noch mehr, als das, was sich den aus aller Welt angereisten Showcase-Künstlern während ihrer Auftritte bot: nämlich gähnende Leere. Während sich der österreichische Songwriter Bernard Eder, die dänischen Alternativ-Popper Callmekat, die australischen Classic-Rocker Syndicate, die Berliner Indie-Hoffnung Leyan und zahlreiche andere Bands und Einzel-Performer auf den vier Showcase-Bühnen präsentierten, fanden sich lediglich eine handvoll Neugierige ein, um den Klängen der Musikschaffenden zu lauschen.

{image}Die meisten Protagonisten machten gute Miene zum bösen Spiel, verteilten nach ihren "öffentlichen Proben" artig ihre CDs und bedankten sich bei jedem Anwesenden mit Handschlag. Ein namentlich nicht genannt werden wollendes Bandmitglied einer Combo aus Übersee stand die Ernüchterung kurz nach dem Auftritt allerdings ins Gesicht geschrieben, und so nahm er sich seine Gitarre und sorgte vor dem Haupteingang für eine spontane Zugabe: "Hier kommen wenigstens Leute vorbei", sprach er und gab seine Melodien zum Besten.

Paul Cheetham, Music Manager der Popkomm, ging im Vorfeld mit folgendem Wortlaut an die Öffentlichkeit: "Wir werden Acts vorstellen, die die Aufmerksamkeit der Entscheidungsträger verdient haben". Obwohl die Qualität der Musiker stimmte, steht das Endergebnis der Showcases irgendwie sinnbildlich für die gesamte Popkomm 2011: Große Worte, kleine Taten.

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