Berlin Music Week (Flughafen Tempelhof Berlin, 2010)

Berlin Music Week (Flughafen Tempelhof Berlin, 2010) © Nicole Richwald

Nachdem die Popkomm im letzten Jahr aufgrund zu geringer Nachfrage kurzfristig abgesagt worden war, kehrte sie 2010 unter einem neuen Dach, in neuem Gewand und neuer Location nach Berlin zurück.

{image}Gemeinsam mit der all2gethernow und dem Berlin Festival unter dem Dach "Berlin Music Week" subsumiert, lockte die Popkomm ca. 7500 Musikschaffende und -interessierte zu den angesagten 470 Ausstellern in den Flughafen Tempelhof. Das Ziel der Music Week war es, die Stadt Berlin nicht nur für eine gesamte Woche in eine einzige große Party mit zahlreichen Showcases vielversprechender Bands zu verwandeln, sondern auch Räume zu schaffen, in denen über die Zukunft der Musikbranche heiß diskutiert und neue Geschäfte gemacht werden sollten. Zu Beginn der Woche legte das all2gethernow-Camp damit vor, zahlreiche umstrittene Themen zum Gegenstand vielfältiger Panels und Workshops zu machen. Während die all2gethernow diesen aktiven, offenen und lebhaften Ansatz mit dem a2n-Kongress auch mit nach Tempelhof nahm, gestaltete sich die Popkomm deutlich zäher.

{image}Dabei ging es eigentlich mit einem interessanten Eröffnungsabend los: Das Finale des New Music Awards bestritten dort Kraftklub, The Love Bülow, Avery Mile und AndiOliPhilipp in der Eingangshalle des ehemaligen Flughafens. Allerdings stieß die Musik nur auf geringes Interesse – ein Umstand, der sich bei den vielen zahlreichen Showcases in den folgenden Tagen fortsetzen sollte. Im kühlen Ambiente des Gebäudes wollte auch keine richtige Party-Stimmung aufkommen. War die Popkomm lange Zeit Synonym dafür, wie sich "eine Branche selbst feiert und zwar richtig", blieben in Tempelhof davon nur Anekdoten übrig, die sich die Besucher bei dem ein oder anderen Bier und dem Berliner Traditionsgericht Currywurst erzählten.

{image}"Damals in Köln" wurde so bereits zum Auftakt zum geflügelten Wort und machte vor allem eines deutlich: Die Branche ringt weiterhin mit sich selbst und sucht händeringend nach Konzepten, die ihrer Zeit nicht nur angemessen sind, sondern auch in die weitere Zukunft verweisen. Dass Sony-Music-Chef Edgar Berger im Gespräch mit Tim Renner tags zuvor auf dem a2n-Camp noch das Ende aller Probleme ausgerufen hatte, weil man ja mittlerweile über 40 legale Downloadshops im deutschsprachigen Internet vorfinde, erscheint mehr als blass und spiegelte sich dementsprechend nicht in branchenweiter Euphorie wieder.

Die Aussteller aus mehr als 20 Ländern riefen ab Mittwoche dennoch zum Boarding in die Gates des alten Flughafens auf, die in Präsentationsflächen und Lounges verwandelt worden waren. Die Gestaltung dieser Flächen, die sich weniger am klassischen Messestandcharakter orientierten, sondern auf viele Sitzmöglichkeiten und offene Räume setzte, sollte das Ziel der Popkomm unterstreichen, der Branche eine Plattform zu bieten, auf der neue Geschäftskontakte angebahnt und intensiviert werden können. Doch nur wenige Besucher waren an den teilweise ziemlich trist wirkenden Ständen – die so gut wie alle gleich meherere Aussteller in sich vereinten und die Messe so deutlich kleiner wirken ließen, als es die reinen Zahlen versprachen – in Gespräche vertieft. Auch eine weitere Neuerung der Popkomm fand nur wenig Anklang, wobei sie doch eine Öffnung für die Öffentlichkeit darstellen sollte: Die Music City in der Eingangshalle bot Musikfans die Möglichkeit, auch ohne Messeticket einige Stände von Unternehmen wie Finetunes und tape.tv zu besuchen und auf der Radio Eins Bühne die Live-Übertragung des Senders mit Konzerten zu verfolgen. Man wollte sich öffnen, ist vom Konsumenten aber gefühlt weiter entfernt denn je.

Das unterstrich auch der Messe-Freitag, an dem der gesamte Austellerbereich für die Besucher des Berlin Festivals geöffnet war, sich jedoch nur ein Bruchteil der über 20.000 musikaffinen Menschen dafür interessierte. Viele Aussteller reagierten mit einem frühzeitigen Aubbau ihrer Stände. Kritische Stimmen, meist noch hinter vorgehaltener Hand geäußert, kommen auch von der Ausstellerseite selbst: Lohnt sich die reine Messe-Präsenz auf der Popkomm tatsächlich noch? Insbesondere bei den Musikexport-Büros, eigentlich fester und spannender Bestandteil der Messe, schien sich diese Frage zu verfestigen.

{image}Konzeptionell alleine gelassen hätte die Popkomm 2010 somit auf extrem verlorenen Posten gestanden. Glücklicherweise boten die parallelen Veranstaltungen der a2n im Tempelhof zu jeder Zeit einen Fluchtpunkt, der neue inhaltliche Anregungen versprach. Oder alte. Herzerfrischend zum Beispiel, wie Ruper Hine, höchst erfolgreicher britischer Musiker und Produzent, den gedanklichen Sprung wagte und es schaffte, vom reinen Business-Denken herunterzubrechen auf den Kern der ganzen Angelegenheit: "Write the Song that only you can Write" – die gute und einzigartige Musik muss immer ganz am Anfang aller Überlegungen stehen. Von diesem Punkt aus denkt Hine und lässt im Gespräch mit dem Moderator immer wieder durchblicken, dass er mit den Entwicklungen und Umbrüchen innerhalb der Branche sehr vertraut ist – aber, oder gerade deshalb, umso mehr darauf vertraut, dass sich Qualität wieder neue Bahnen suchen wird, innerhalb derer auch ein wirtschaftlicher Erfolg nicht ausgeschlossen sein wird.

{image}Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Popkomm sind natürlich auch die Empfänge der verschiedenen Unternehmen aus der Musikbranche, die nach dem Messebesuch die Gelegenheit bieten, neue Kontakte zu knüpfen. Labels bringen hier ihre Künstler mit ihren Geschäftspartnern in einer lockeren Atmosphäre zusammen, Verlage präsentieren ihre neusten Zugänge, in der Kalkscheune spielen Bands der Popakademie und bringen ein Stück Baden-Württemberg nach Berlin. Etliche dieser Abende sind sicher als Erfolge zu werten. Denn die Branche bewies bei diesen Gelegenheiten nicht nur, dass sie trotz der Krise und der Popkomm-Pause im vergangenen Jahr das Feiern doch noch nicht so ganz verlernt hat, sondern auch, dass der Bedarf an inhaltlichem und geschäftlichem Austausch vorhanden ist und das Angebot auch bei diesen Gelegenheiten rege genutzt wird.

{image}Ob eine reine Messe wie die Popkomm dafür aber weiterhin der richtige Rahmen sein wird, oder ob die Branche die diesjährige Popkomm ganz generell als Erfolg werten wird, wird sicher noch Gegenstand zahlreicher Diskussionen sein, wenn konzeptionell an die Planung einer möglichen "Berlin Music Week 2011" gegangen wird. Innerhalb der diesjährigen Musik Week war die Popkomm jedenfalls jener Teil, der sich den meisten kritischen Fragen stellen werden muss, vorneweg: Wen wollte man, und warum wollte man diese Menschen erreichen?

Vielleicht trugen auch Teile der Organisation mit dazu bei, dass weder klare Linie noch inhaltliche Aussage erkennbar waren. Das Infopaket mit vielen verschiedenen Handzetteln und Programmflyern sowie -katalogen trug zur Übersicht nur wenig bei. Die Showcases fanden teils weit außerhalb und nicht zu den angekündigten Zeiten statt, was es vielen Besuchern verleidete, sich hierzu ein persönliches Programm zusammenzustellen. Organisatorische Mängel, die sich beim anschließenden Berlin Festival fortsetzen sollten. Was als großer Abschluss der Music Week geplant war, konnte den faden Beigeschmack, den die Popkomm hinterlassen hatte, dadurch auch nicht mehr wett machen.

 

Info d. Red.: Dieser Artikel wurde am 10.9. erstveröffentlicht und am 14.9., mit der vollständigen Music Week im Rückblick, frisch überarbeitet.

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