US-Pianist Vijay Iyer kehrt mit seinem Trio zu Enjoy Jazz zurück und spielt ein spannendes Konzert mit eindeutigen politischen Aussagen.

Vijay Iyer ist nicht nur seit langem ein gerne gesehener Gast bei Enjoy Jazz, sondern auch eine feste Größe in der internationalen Jazzszene. Seine auf ECM veröffentlichten Alben erzielen stets große Aufmerksamkeit, so auch das 2024 veröffentlichte "Compassion".

Bei Enjoy Jazz 2024 tritt Vijay Iyer allerdings in etwas anderer Besetzung auf. Die für ihr kraftvolles und ausdrucksstarkes Spiel am Bass bekannte Linda May Han Oh ist dabei, statt Tyshawn Sorey hat Iyer allerdings Jeremy Dutton dabei, einen eleganten, songdienlichen, fast unaufälligen Schlagzeuger.

Dynamisches Trio

Es ist keine Ungerechtigkeit, wenn man davon spricht, dass die Trio-Konzerte von Vijay Iyer einem bestimmten Muster folgen. Den Auftakt bildet eine 45-minütige Suite, die einen Querschnitt aus seinem Repertoire bietet. 

Was 2021 galt, gilt auch heute: Das Trio perfomt seine Musik mit hoher Intensität, die nur selten Raum für Soli lässt. Im Vergleich zu den Studioaufnahmen entwickelt das Trio eine explosive Leidenschaft, die immer wieder ausdauernden Applaus hervorbringt.

Neue Krisen überall

Geändert haben sich die Rahmenbedingungen, wie Iyer selbst nach dem Konzert kommentiert. Die Coronapandemie mitsamt Masken wurde von anderen Krisen, Sorgen und Bedrohungen verdrängt. Im zweiten Teil des Konzerts findet Vijay Iyer Gelegenheit, diese in seinen Auftritt einzubinden.

Wiederholt greift er das Thema "Compassion" (Mitgefühl) auf – und das in einer Zeit, in der viele Menschen überall auf der Welt bedauerlichweise genau das Gegenteil anstreben. 

Das Thema zeigt sich in einem neuen Stück mit dem Titel "Kite", das er dem palästinensischen Lyriker und Schriftsteller Refaat Alareer widmet, der 2023 bei einem israelischen Luftangriff auf Gaza ums Leben kam. Alareers bekanntestes Gedicht "If I must die" erlangte in Folge des Gaza-Krieges weltweite Berühmtheit.

Melancholie und Unbehagen

Wer fühlt sich angesichts solcher Ereignisse nicht ein wenig "uneasy", um es mit dem Namen des Titelstücks aus Iyers vorletztem Studioalbum zu sagen? In die Performances im zweiten Teil des Konzerts mischen sich jedenfalls Melancholie und Trauer, besonders in dem Stück "For Amiri Baraka", das er für den US-amerikanischen Autor und Aktivisten geschrieben hat, der 2014 verstorben ist.

Das Konzert bietet ein weiteres Mal einen tiefen Einblick in einen profund kreativen Künstler, der mit viel Leidenschaft die Ungerechtigkeit der Welt verarbeitet und doch die Hoffnung auf Wandel nie aufgibt.