Bei ihrem Auftritt im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals 2024 gelingt es Arooj Aftab das Publikum im Karlstorbahnhof in Heidelberg von Anfang an mitzureißen. Neben einer mehr als gelungenen Liveadaption ihrer Werke gewinnt die Künstlerin ihre Gäste auch durch ihre humorvolle Art für sich.

Schon beim Betreten der Bühne hinterlässt Arooj Aftab Eindruck. Ganz in Schwarz gekleidet, mit Frack und Sonnenbrille, stimmt die Wahl-New-Yorkerin direkt ihr erstes Lied an. Ihre Bühnenpräsenz ist zunächst fast ein wenig einschüchternd, dann aber wirft sie ihrem Mitmusiker Petros Klampanis ein Lächeln zu, das die abgedunkelten Gläser nicht verbergen können.

Klampanis begleitet Arooj Aftab am Kontrabass und gelegentlich am Glockenspiel. Vervollständigt wird das Ensemble außerdem durch Darian Thomas an der Bratsche und Gyan Riley an der Gitarre.

Interaktion wird groß geschrieben

Das Publikum ist von Anfang an hin und weg. Nach dem ersten Stück begrüßt Aftab ihre Gäste mit einem schlichten „Hello!“ – das meldet sich wiederum lautstark zurück. Diesen Eifer greift Aftab sofort auf und fordert augenzwinkernd eine noch lautere Reaktion, die das Publikum ihr dann auch ohne zu zögern liefert.

Anders als es der Auftakt der Veranstaltung erwarten lassen hat, wird Arooj Aftab nun zunehmend gesprächig. Es sei bereits das sechste Konzert innerhalb weniger Tage für die Gruppe. Trotz enggetakteter UK- und Europatour hat sich Aftab dennoch vorab die Zeit genommen, um sich über Heidelberg zu informieren. „Ich habe gehört hier gibt es viele Medizinstudierende. Ihr seht aber nicht so aus“, richtet sie sich an das Publikum. Dieses nimmt den scherzhaften Seitenhieb gelassen, schiebt den Kommentar vielleicht auf den Altersdurchschnitt, der zwar jenseits der Mitte 20 aber für ein Jazzkonzert doch verhältnismäßig niedrig scheint.

Dann beginnt Arooj Aftab laut zu überlegen, was sie ihrem Publikum über ihr neues Album erzählen könnte – um es zu verkaufen. „Night Reign“ heißt das neueste Werk der Künstlerin. Im Fokus steht, wie der Titel schon verrät, die nächtliche Stunde, die „Jazzcats“, wie Aftab erzählt, so sehr am Herzen liegt.

Das erste Lied, das Aftab von ihrem neuen Album präsentiert heißt „Whiskey“. Während ihrem Auftritt scheint Aftab jedoch einem anderen Getränk Vorzug zu geben. Neben ihr steht stilecht ein Glas Rotwein, vielleicht ähnlich trocken wie ihre Art.

Gelungenes Zusammenspiel

Nachdem „Whiskey“ ausgeklungen ist, wird erst einmal ein wenig umjustiert. Die Scheinwerfer sollen etwas gedämmt werden. Die Beleuchtung wird sofort zu Aftabs Zufriedenheit angepasst. Dann ist es Zeit für das nächste Lied, aber bei den neuen Lichtverhältnissen lässt sich die Setlist nicht mehr entziffern. „Jetzt kann ich das Ding nicht mehr sehen“, merkt Aftab mit einem Lachen an, fügt dann aber hinzu: „Keine Sorge. Ich bin hier das Problem, nicht ihr.“

Ansonsten verläuft der Rest des Abends reibungslos. Nicht nur Aroojs Aftabs warmem, minimalistischem und doch sehr sphärischen Gesang gelingt es das Publikum zu begeistern, auch die anderen Musiker beeindrucken allesamt mit ihren Einlagen und teilweise improvisierten Soli.

Auf den insgesamt 14 Saiten wird gezupft und der Bogen geschwungen, zwischendurch verwandelt sich der Klang der Bratsche sogar in Möwengeschrei und der Kontrabass wird zur Percussion umfunktioniert. Mal spielen die drei verspielte, mal melancholische Klänge, mal wird es laut und experimentell, dann wiederum ganz leise und filigran.

Nahtlos werden hier Jazz, Minimal Music und traditionell pakistanische Klänge miteinander verbunden. Mal wird auf Englisch, mal auf Urdu gesungen. Aftab hat nicht nur zahlreiche musikalische Vorbilder, auch in der Poesie von Rumi, Mirza Ghalib und Hafeez Hoshiarpuri findet sie Inspiration, das merkt man auch an ihren Texten. 

Das Zusammenspiel der Gruppe beeindruckt durch Leichtigkeit und Präzision. Arooj Aftab bezeichnet ihre Mitmusiker als „wonderful“ und „insane“ während sie ihnen allen ihren persönlichen Applaus einholt.

Hell begeistert und gemeinsam im Dunkeln

Allgemein mangelt es den Abend über nicht an Applaus. Schon nach den ersten Stücken gibt es Jubel und Pfeifen aus dem Publikum. Einmal hört man noch das leise Summen eines Gasts, als ein Lied gerade zu Ende gegangen ist.

Die Zeit vergeht wie im Flug, dann kündigt Aftab schon an, dass die Show nun zu einem Ende komme. „Es ist fast vorbei… traurig… die Zeit fliegt wenn man Spaß hat – oder mit fremden Leuten zusammen im Dunkeln traurig ist“, sagt sie trocken und macht dann noch ein bisschen Werbung (?) für ihren Merch.

Alben gäbe es zu kaufen, wobei womöglich seien die schon aus – Poster gäbe es auch, aber wer kaufe heutzutage eigentlich noch Poster, es seien ja nicht mehr die 90er.

Rundum zufrieden

Da sich das Konzert dem Ende zuneigt, gibt es aus dem Publikum mehrere Liedwunsch-Einwürfe. „Mohabbat“ – lautet das Lied, auf das viele der Anwesenden gespannt warten. Aftab reagiert mit einem vielsagenden Blick: „Ich bin das Lied ein bisschen satt, ich bin da etwas eigenwillig“.

Als Aftab dann ankündigt nun das letzte Lied des Abends zu spielen reagiert das Publikum wie im Chor mit einem langgezogenen „oooh“. „You’re so sweet“, sagt Aftab und fügt dann schnell an ihre Mitspieler, die sie aus dieser Situation erlösen sollen zu scheinen, gerichtet hinzu: „Pleace start playing“.

Nachdem Aftab und ihre Mitmusiker die Bühne verlassen gibt es eine Standing Ovation. Lange lassen die vier aber nicht auf sich warten, kehren auf die Bühne zurück und spielen dann doch noch das ersehnte „Mohabbat“, das jubelnd entgegen genommen wird. Für die Zugabe zieht Aftab sogar ihre Sonnenbrille ab. Unter tosendem Applaus und begeisterten Rufen endet das Konzert.

Die Müdigkeit der letzten Tage ist Arooj Aftab und ihrer Band nicht anzumerken – die Töne sitzen, das Zusammenspiel auch. Aftab gelingt es scheinbar mühelos, ihre Zuhörer*innen zu verzaubern und gleichzeitig zu unterhalten – eine Mischung, die den Abend zu etwas ganz Besonderem gemacht hat.