Es ist das letzte Konzert im Rahmen des diesjährigen Enjoy Jazz Festivals im Ludwigshafener Kulturzentrum dasHaus. Gebührend diesem Anlass ist der Andrang noch einmal groß. Auf der Bühne: Jazz-Vocal-Künstlerin Enkhjargal Erkhembayar, kurz Enji, begleitet von Paul Brändle an der Gitarre und Martin Zenker am Kontrabass.

Aufgewachsen in Ulaanbaatar, zog Enji 2018 nach Deutschland und absolviert in München einen Master in Jazzgesang. Ihre Leidenschaft für die Musikrichtung hat ihre ersten Wurzeln jedoch in ihrer Geburtsstadt.

Als eine der ersten Studentinnen am Goethe Musiklabor Ulan Bator, war es das Projekt GMUB, durch das sie Jazz als Musikrichtung zu schätzen gelernt hat. Dort begegnete sie auch erstmals Martin Zenker, der sie an diesem Abend am Kontrabass begleitet.

Musikalischer Dialog

In ihrer Musik lässt Enji ihre alte und ihre neue Heimat miteinander in Dialog treten, indem sie traditionelle mongolische Gesangselemente wie den Kehlkopfgesang Urtin Duu mit zeitgenössischem Jazz, Kammerfolk und freier Improvisation verbindet.

Auf diese Weise entsteht eine Musik, die sich scheinbar mühelos zwischen der pentatonischen Natürlichkeit mongolischer Volksmusik und der harmonischen Komplexität des Jazz bewegt und zugleich die erzählerische Tradition mongolischer Lieder bewahrt.

Auch wenn der Fokus an diesem Abend besonders auf ihrem neuen Album “Sonor” liegt – an dem Gitarrist Paul Brändle als Co-Autor und -Produzent beteiligt war – greift Enji auch immer wieder auf frühere Stücke zurück.

Zu Beginn etwa präsentiert sie mit “Diary of June 9th” ein Lied aus ihrem Debütalbum "Ursgal" von 2021, in dem sie einen “unproduktiven Tag” besingt, der sich ironischerweise im Nachhinein als ganz gegenteilig sehen lässt, schließlich hat er sich letztlich als Inspirationsquelle für einen Album-Beitrag entpuppt.

Nähe und Offenheit

Zwischen den Songs sucht Enji immer wieder auf charmante Weise den Kontakt zum Publikum. Zunächst siezt sie dieses noch, ertappt sich gegen Ende des Abends, dann aber beim “Euch” und lacht: “So nah sind wir uns schon gekommen!”

Tatsächlich macht Enji das Konzert über einen sehr nahbaren Eindruck. Immer wieder tritt sie in Interaktion mit dem Publikum, ihre Songs wiederum bieten persönliche Einblicke.

Da die meisten ihrer Stücke anders als “Diary of June 9th” auf mongolisch verfasst sind, nimmt sich Enji immer wieder die Zeit, um Titel und einzelne Zeilen ihrer Songs zu übersetzen und dem Publikum deren Bedeutung nahe zu bringen.

In diesem Rahmen erzählt sie viele kleine Anekdoten, die verdeutlichen, dass ihre Lieder tief autobiographisch geprägt und letztendlich persönliche Momentaufnahmen sind. In einem Interview sagte sie einmal: “Das Schöne am Jazz ist ja die Freiheit: Man kann seine eigene Stimme und eigene Geschichte mit einbringen” – und das wird an diesem Abend sehr deutlich.

Erinnerung und Heimat

In “Zavkhan”, benannt nach der mongolischen Provinz, aus der ihr Vater stammt, verarbeitet Enji etwa die durch ihren Umzug nach Deutschland entstandene Distanz zu ihrer Familie. Auch wenn sie heute, knapp 8 Jahre nach ihrer Ankunft in der bayerischen Hauptstadt, dort ihre neue Wahlheimat gefunden habe und sich inzwischen ganz “dahoam” fühle, gäbe es neben vielen schönen Momenten auch immer mal wieder schwierige, erzählt sie.

So sei “Zavkhan” zu einem Zeitpunkt entstanden, an dem sie ihren Vater bereits zwei Jahre lang nicht gesehen und ihn sehr vermisst habe. Da ihre Familie aber ein bisschen schüchtern darin sei, die füreinander empfundene Liebe in Worten auszudrücken, habe sie diese kurzerhand in einen Song verpackt. In diesem heißt es unter anderem - so übersetzt Enji - “Du bist wie die Sonne, du bist weit weg, aber erreichst mich wohltuend. Du bist wie der Wind, durch den ich sorglos tanzen kann.”

Während eines durch Martin Zenker beigesteuerten Basssolos in “Zavkhan”, tritt Enji ein paar Schritte zurück, sieht dabei ganz seelig aus und wartet auch noch einen Moment nachdem Paul Brändle an der Gitarre einsetzt, bis sie wieder ans Mikrofon zurückkehrt.

Ein kleiner Ausflug in die Kindheit

Später kommt Enji auch auf ihre Mutter zu sprechen und erzählt von deren Liebe für mongolische Volkslieder, die auch sie selbst stark geprägt habe. Mit “Eeljinhee Hairaar” von Peljee Adarsuren covert Enji an diesem Abend eines eben dieser Lieder und erinnert sich laut daran zurück, dass ihr Vater das Lied immer gepfiffen habe, während er sein Fahrrad reparierte.

Der titelgebende Song ihres neuen, im Mai 2025 erschienenen Albums “Ulaan” wiederum ist wieder ein Original und erzählt von Enjis Namensgeschichte. Nach einer kurzen Frage an das Publikum, ob dieses die Geschichte überhaupt hören wolle – es folgen Signale der Zustimmung – erzählt sie davon, wie es nach ihrer Geburt einen ganzen Monat gedauert habe, bis sich ihre Eltern für einen offiziellen Namen für sie entscheiden konnten.

Bis dahin wurde sie zunächst “Ulaan” genannt, das mongolische Wort für “rot”, weil sie als Baby oft mit tomatenrotem Gesicht wütend geschrien habe. Der Kosename sei geblieben, auch wenn sie ihn lange nicht mochte. “Ich bin doch eigentlich ein lieber Mensch”, erklärt sie, fügt jedoch noch ein kleines “Oder?” in Richtung ihrer Band hinzu, die ihr dies bestätigt.

“Ulaan”, so Enji, sei in der Auseinandersetzung mit der Frage entstanden, wer sie eigentlich sei. Mit ihm umarmt sie symbolisch das Kind, das sie einmal war und aus dessen Sicht sie die Welt zunächst kennengelernt hat.

Eine kindlich verspielte, im Song versteckte Melodie lässt diesen Hintergrund auch mit fehlenden mongolischen Sprachkenntnissen heraushörbar machen.

Ein Abschied und zwei Zugaben

Das Lied “Bayar Tai” ist nicht nur das finale Lied auf Enjis aktuellem Album, sondern soll auch das letzte des Abends werden. Als Enji das ankündigt, geht ein trauriges “Oh” durch die Reihen. Sogleich vertröstet die Musikerin das Publikum mit der Ankündigung, nach dem Konzert am Merchstand anzutreffen zu sein und hebt die Stimmung, indem sie wortwitzelt, dass sie den gemeinsamen Abend sehr “enjoyed” habe.

“Bayar Tai”, so Enji, bedeute so viel wie “Tschüss” auf Mongolisch und behandele eine auseinander gegangene Freundschaft, an die jedoch ohne schwere Gefühle und stattdessen mit guten Wünschen und schönen Erinnerungen zurückgedacht wird. Bevor dann aber endgültig Abschied genommen wird, folgen – weil der Applaus nicht abbrechen mag – noch zwei Zugaben.

Letztendlich schließt Enji mit “I’m Glad There Is You” und sendet damit noch eine kleine Geste der Dankbarkeit in Richtung Publikum.