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The Specials (live beim Rolling Stone Park, 2019) © Frank Embacher

Die zweite Ausgabe des Rolling Stone Parks im Europapark Rust knüpft in vielerlei Hinsicht an die gelungene Premiere an, bevor dem Indoor-Festival am Abend des zweiten Tages etwas die Luft ausgeht.

Die zweite Auflage des Rolling Stone Parks lockt 2019 in etwa so viele Besucher in den Europa Park Rust wie bei der Premiere im Vorjahr.

Die von den Veranstaltern erhoffte Steigerung ist damit nicht eingetreten. Am Ambiente oder der Organisation kann es eigentlich nicht liegen, möglicherweise aber an der Bandauswahl, insbesondere am Samstag.

Zurück in die Swing-Ära

Das Festival beginnt am Freitagnachmittag mit dem aus der Serie Babylon Berlin bekannten Moka Efti Orchestra, das den Flair der späten 20er und frühen 30er verkörpern will. Die Musik ist jedoch deutlich wilder und vor allem lauter als damals.

Als Einstimmung für die ersten Besucher funktioniert das ganz gut und wer darauf nicht so abfährt kann in dem großen Angebot an Platten und CDs, die Glitterhouse feilbietet, nach Schnäppchen suchen.

Die erste Runde auf den drei kleineren Bühnen startet mit Alberta Cross im gediegenen Ballsaal Berlin. Ihr moderner Alternative Rock mit dezenter Roots-Note bietet einen angenehmen Einstieg in das kommende Programm.

Malik Harris – das Newcomerhighlight

Im wunderbar gemütlichen und stilvollen Traumpalast spielt derweil Malik Harris auf. Kaum einer kennt den jungen Mann aus Landsberg, der erst vier Songs online veröffentlicht hat, aber er gewinnt die Sympathien des Publikums im Nu. Seine Ansagen sind noch sehr ungeübt, aber gerade dadruch erfrischend und authentisch. 

Wie er "Like That Again", einen Song über seine Schwester, ankündigt, öffnet die Herzen der Zuhörer und als er danach eine starke Coverversion von "Hit Me Baby One More Time" (ja, von Britney Spears) mit Publikumspartizipation anleitet, lieben sie ihn und feiern seinen Auftritt!

Sein stärkster Song ist wohl das erfreulich düstere, aber gleichzeitig sehr melodiöse "Welcome To The Rumble", aber auch das frisch veröffentlichte "Home" ist ein hymnischer, aber nicht überproduzierter Popsong, bei dem Malik Harris die richtigen Töne trifft. Als sein größter Fan erweist sich sein Vater, der die erste EP seines Sohns anpreist und ihn als Feierbiest auf der Bühne unterstützt.

Jubiläum ohne viel Aufhebens

Vor der großen Arena-Bühne versammeln sich derweil die alten Mods, Madchester- und Britpop-Fans um eine der Bands zu feiern, die sich nie getrennt hat und stattdessen immer weiter Platten veröffentlicht hat und auf Tour gegangen ist: The Charlatans.

Die Band feiert dieses Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum, verfügt über genügend Selbstbewusstsein, das nicht zum Thema zu machen, sondern machen nach wie vor ihr Ding. Sie packen dem Anlass entsprechend alle Kracher in ihr Set, erweitert um einige Songs neueren Datums und die sich zunehmend füllende Arena zeigt sich begeistert ob ihrer Bühnenpräsenz.

Retro mit Gegenwartsbezug

Die nächste Runde zeigt Curtis Harding, der Soul auf die Bühne bringt, mehr Retro als Michael Kiwanuka, aber trotzdem gegenwärtig. Harding liefert eine gute Performance ab, die in dem immer voller werdenden Ballsaal Berlin auf wachsende Begeisterung stößt.

Im kleineren La Sala Bianca spielt währenddessen Amy Montgomery mit ihrer Band. Sie bewegt sich in Fahrwassern von Janis Joplin, aber sie bringt Energie und Dynamik und verzichtet – und das ist in diesem Genre ungewöhnlich – auf eine Leadgitarre. Daher gibt es keine Soli, sondern nur ihre kraftvolle Gesangsperformance.

Routinierte Profis

Unterdessen beginnen in der großen Arena Maximo Park ihren Gig. Zuerst ist es noch leer im großen Rund, aber die Band lässt sich davon nicht beeindrucken und zieht ihr Ding konsequent durch. Und mit der Zeit füllt sich die Arena und die Livequalitäten der Band begeistern immer mehr Zuschauer!

Bei Blumfeld werden die überraschten Zuschauer Zeuge des Soundchecks, der nahezu nahtlos in die eigentliche Show übergeht. Der Snaresound über den Monitor ist etwas, das Jochen Distelmeyer nicht dem Zufall überlassen sein will und so wird das ganz genau so eingestellt, bis es ihm letztendlich gefällt.

Das Konzert bietet dann vornehmlich ein Best-Of-Set mit Klassikern wie "Liebeslieder" "Eintragung ins Nichts", "Weil es Liebe ist", "Tics", "Wir sind frei", aber auch zwei Distelmeyer-Songs, dem starken "Wohin mit dem Hass" und dem überflüssigen "Einfach so". Die Band zeigt, warum sie mal die einflussreichste deutschsprachige Band war. Und live funktioniert die Musik nach wie vor.

Ska-Legenden zum Abschluss

Headliner des Abends sind ohne Frage The Specials, die in den letzten Jahrzehnten hierzulande nahezu inaktiv waren, aber als wichtigste Ska-Band überhaupt über einen legendären Ruf verfügen.

Seit letztem Jahr sind The Specials wieder mit ihrem Original-Leadsänger Terry Hall unterwegs. Dieser sieht allerdings alles andere als gesund aus, zieht bei jeder Gelegenheit an der E-Zigarette und verweigert sich ansonsten vollständig der Rolle als Frontmann. Dennoch wird es ein tolles Konzert!

The Specials verfügen nicht nur die Klasse, ihre Hardcore-Fans zu begeistern, sondern auch das mittlerweile vollständig versammelte Festival-Publikum zu rocken. Nicht alle sind mit den Songs vertraut, aber die starke Performance der Band überzeugt und bei Hits wie "A Message To You (Rudy)" sind alle mit dabei. So geht der erste Festivaltag mit einer großen Party zu Ende und man freut sich auf das, was da noch kommt!

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Der Samstag beginnt mit Sonne, die zu einen Bummel über den zum (kleinen) Teil geöffneten Park einlädt. Ob man sich im Euro-Tower in 75 Meter Höhe dreht, die aufregende Eurosat-CanCan-Coaster-Achterbahn in einer dunklen Kuppel oder die kleine aber trotzdem aufregende Matterhorn-Blitz-Bahn fährt, ist den Zuschauern überlassen. Auch der virtuelle Flug im Volatarium steht zur Auswahl und das Beste ist: Es gibt keine Schlangen zum Anstehen, wie sonst im Europa Park üblich!

Im Programm geht es weiter mit Jens Balzer, der sehr unterhaltsam aus seinem Buch über die 70er Jahre liest. Im Anschluss gibt es im Karussell ein intimes Konzert des schwedischen Singer/Songwriters Meadows. Dazwischen kann man Whiskey testen, in den Plattenangeboten wühlen oder einfach Kaffee trinken.

Starke Acts am frühen Abend

Der Konzertreigen wird durch Joan As Police Woman eröffnet, die solo auf der Bühne steht. Sie wechselt zwischen Klavier und Gitarre und singt ihre Songs in einem Timing, das eine Band ob der Schwankungen zur Verzweiflung treiben würde, aber in einem Solosetting sehr stimmig daherkommt. Ihre Songs ähneln sich in Hinblick auf die Stimmung, aber dank ihrer Qualität als Songwriterin kehrt nie Langweile ein.

Mark Lanegan steht als erster Act auf der großen Bühne und meistert die Aufgabe mühelos. Mit seinem düsteren, intensiven Rocksong erschafft er einen durchdringenden Sog, der die Besucher mitreißt. Dabei schadet auch nichts, dass die gesamte Band fast im Dunkeln steht.

Rock und Folk

Vor dem Auftritt der Villagers ist der Ballsaal Berlin lang verschlossen und die Fans müssen draußen ungewöhnlich lang warten. Doch als es losgeht, ist der Sound wunderbar und das Publikum feiert die vielfältige und abwechungslreiche Musik der Iren zu Recht ab. 

Wer bei den Villagers bis zum Ende bleibt, verpasst allerdings den Auftritt von The Blue Stones, die im für sie viel zu kleinen Traumpalast die Zuhörer vollends begeistern. Das Duo aus Schlagzeuger und Gitarrist holt einige Sounds von mitlaufenden Spuren, aber die Dynamik und Leidenschaft, die sie in ihre Performance legen, macht sie zu einem starken Live-Act.

Traditionsbewusst und modern

Nick Waterhouse spielt als nächstes im Ballsaal Berlin und sein Auftritt ist ein Höhepunkt des Festivals. Musikalisch orientiert er sich an den späten 50s/frühen 60s, aber neben der Retroattitüde hat er auch Gegenwartsbezug.

Das gilt zum Beispiel für seinem Song "Katchi", der in der Kooperation mit dem französischen DJ-Duo Ofenbach bekannt wurde, die daraus einen sehr tanzflächentauglichen Remix produzierten. Sein Gig ist ein Triumph, der von dem Publikum frenetisch gefeiert wird.

Zu wenig Abwechslung

Etwas zugespitzt könnte man sagen, dass damit die Höhepunkt des Samstags abschließend beschrieben sind, denn der Rest des Abends verläuft eher mittelmäßig. Verantwortlich dafür ist die Programmzusammenstellung.

Auf den kleineren Bühnen treten am Samstag zu viele Singer/Songwriter auf: Billie Marten, Nathan Ball, Micah P. Hinson, JC Stewart und Jessica Pratt bedienen allesamt ein ähnliches Klientel.

Mehr stilistische Abwechslung wäre besser gewesen: mehr Rock unterschiedlicher Coleur, aber vielleicht auch mal Country, modernen Jazz oder Electronica. Man hätte auch einer regionalen Band eine Chance geben können, die weiß, wie sie die Besucher an einem Samstagabend mitreißt.

Eine Nummer zu groß

Außerdem passt die Auswahl der Acts auf der großen Arena-Bühne nicht. Jon Spencer & the Hitmakers sind dort völlig deplatziert. Das liegt nicht nur an ihrem lärmigen Rock, der fast in eine Industrial-Richtung geht, da die Band neben dem Schlagzeug auch noch einen Perkussionisten dabei haben, der auf Metall trommelt. Extrem gewöhungsbedürftig das Ganze!

Teenage Fanclub spielen ihre grundsympathischen Songs überzeugend, aber im Verlauf ihres Konzerts zeigt sich, dass die Arena auch für sie eine Nummer zu groß ist. Vor einer zu einem Drittel gefüllten Halle zu spielen, ist selbst für eine sehr gute und routinierte Band eine Herausforderung.

Vielleicht ist das Programm des Rolling Stone Parks noch zu sehr an Norddeutschland orientiert, wo Britpop über eine deutlich größere Anhängerschaft verfügt als im Süden des Landes. Jedenfalls gelingt es auch Elbow nicht, dem Festival noch eine Wende zu geben und ihr elegant gespielter, aber nicht wirklich aufregender Brit-Pop stößt nur bei einem harten Kern an Fans auf Resonanz.

Das Fazit

Wer ein Festival neu etabliern möchte, muss einen langen Atem haben. Der als Vorbild dienende Rolling Stone Weekender (jetzt: Rolling Stone Beach) war ja in den ersten Jahren auch nicht ausverkauft.

Der Rolling Stone Park überzeugt auch in seiner zweiten Auflage aufgrund der Infrastruktur vollends, aber die Programmplanung des Samstags kann nicht an das im Vorjahr etablierte (und am Freitag weitgehend gehaltene) Niveau anknüpfen. Das ist kein Grund, am Konzept des Festivals zu zweifeln, es gilt nur, die vorhandenen Möglichkeiten etwas besser auszuschöpfen.

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