Westernhagen (live in Frankfurt, 2018)

Westernhagen (live in Frankfurt, 2018) © Peter H. Bauer

Mit seiner Unplugged-Konzertreise tourt Marius Müller-Westernhagen derzeit erneut durch die Lande – und das Konzept geht auf: In der Frankfurter Festhalle reitet die Rocklegende auf einer Welle der Euphorie und erntet völlig zurecht stehende Ovationen.

Konnte man die Auftritte von Marius Müller-Westernhagen im Rahmen seiner "Alphatier"-Tour vor drei Jahren mit Fug und Recht noch als relativ durchwachsen bezeichnen, so erlebt der inzwischen 69-jährige Düsseldorfer mit seinen momentanen Unplugged-Konzerten gerade seinen x-ten Frühling. Die Shows der deutschsprachigen Rocklegende im vergangenen Jahr waren derart erfolgreich, dass er seinen zahlreichen Fans in diesem Sommer noch einen Nachschlag verpasst.

Ein Fest in der Halle

Die Frankfurter Festhalle, die Westernhagen im Rahmen seiner "Alphatier"-Tour noch beherzt wegen ihrer miesen Akustik an den Pranger gestellt und der er eigentlich für immer abgeschworen hatte, ist gut gefüllt, als sich der Vorhang öffnet und der Meister sitzend auf der Bühne erscheint. Gleich ab der ersten Sekunde reitet der Altrocker auf einer vom Publikum entfachten Welle der Euphorie, die ihn mühelos durch das erste Stück "Für ‘ne bess’re Welt" trägt.

Die Karten neu gemischt

Im Vergleich zu den Auftritten im vorherigen Winter und sogar der aktuellen Tour haben Westernhagen und seine hochkarätig besetzte Band die Setlist gehörig umgekrempelt. "Fertig" beispielsweise hat seinem Namen alle Ehre gemacht und ist genau wie "Willenlos" aus dem Programm geflogen. Dafür gibt es an diesem Abend Songs wie "Ladykiller" und "Wir haben die Schnauze voll" in neuem – im doppelten Sinne – akustischen Gewand auf die Ohren.

Alles im grünen Bereich

Die Band klingt gut an diesem Abend in der verpönten Festhalle – was Westernhagen selbst dann nicht ganz unkommentiert so stehen lassen kann. Wer Probleme mit dem Sound habe, solle sich gefälligst beim Mischer beschweren, scherzt er nach den ersten Songs. An dem, was bei seinem Frankfurter Konzert so aus den Boxen dröhnt, gibt es aber nur wenig zu bemängeln – weder in klangtechnischer noch musikalischer Hinsicht.

Exotische Akustik

"Liebe (Um der Freiheit Willen)", eines der wenigen Lieder von "Alphatier", das die vergangene Tour in der Setlist des Altmeisters überlebt hat, überzeugt etwa mit exotischen nah- und fernöstlichen Klängen. Da stört es dann auch kaum, dass man sich über Westernhagens ausufernde gesangliche Wiederholungen vortrefflich streiten kann. Er trägt den Song dafür mit einer Inbrust vor, die ihresgleichen sucht – genau wie seine bissige Trump-Kritik vor dem Stück.

"Alphatier" als Klassiker

Wirkte das neuere "Alphatier"-Material auf der Tour zum Album an manchen Stellen beinahe noch wie ein Fremdkörper, so fügt es sich in den neuen Arrangements deutlich besser in den Gesamtkontext ein als noch vor einigen Jahren. Gleiches gilt für die Resonanz auf die drei verbliebenen Lieder der Platte, die nun von den Zuschauern ähnlich wohlwollend beurteilt werden wie Klassiker à la "Sexy", "Es geht mir gut", "Wieder hier", "Mit 18" oder "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz".

Hochkarätiges Personal

Einen nicht unerheblichen Anteil dazu trägt die zahlenmäßig und musikalisch stark besetzte Band bei: So hat Westernhagen für seine Akustikshows neben seinem langjährigen Bandleader Kevin Bents unter anderem Peter Maffays Stammgitarristen Carl Carlton, den renommierten New Yorker Studiobassisten Jack Daley, Udo Lindenbergs Backgroundsängerin Nathalie Dorra und den aus der ersten "The Voice Of Germany"-Staffel bekannten Charles Simmons um sich versammelt.

Themen, die die (Westernhagen-)Welt bewegen

Mit diesen Hochkarätern an seiner Seite widmet sich Westernhagen seinen beiden Lieblingsthemen, "Freiheit" und "Liebe". Ersteres sorgt als finale Zugabe, die vom inzwischen beinahe komplett stehenden Publikum aus voller Kehle mitgesungen wird, weiterhin für Gänsehaut. Bei Zweiterem sieht man über die eine oder andere kitschige Textpassage gerne hinweg, weil die musikalische Umsetzung der Stücke an diesem Abend einfach von vorne bis hinten stimmig ist.

Durstige "Helden"

Dazu gehört auch das Cover der deutschen Version von David Bowies "Heroes", das sich im letzten Zugabenblock zur Hymne "Freiheit" gesellt. Der Ex-Schauspieler Westernhagen kanalisiert unter der Hutkrempe sein inneres Chamäleon und gibt eine der besseren Imitationen des verstorbenen britischen Superstars, die man in der letzten Zeit gehört hat. Zusammen mit dem obligatorischen Mitsingstück "Johnny W." gehört die "Helden"-Interpretation zu den heimlichen Highlights.

Das Konzept geht auf

Nach etwa zwei Stunden feinster musikalischer Unterhaltung schließt sich der rote Vorhang wieder, während die insgesamt fünfzehnköpfige Band sich noch in den letzten Klängen von "Freiheit" befindet. Das Unplugged-Konzept scheint Westernhagen und seiner Truppe geradezu auf den Leib geschneidert. Bluesige Klänge beherrschte der Düsseldorfer Sänger schon Zeit seines Lebens, aber ohne allzu viel Elektrizität wirken seine Stücke beinahe noch elektrisierender.

Setlist

Für ‘ne bess’re Welt / Hass‘ mich oder lieb mich / Ladykiller / Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz / Weil ich dich liebe / Wir haben die Schnauze voll / Luft um zu atmen (mit Lindiwe Müller-Westernhagen) / Es geht mir gut / Lass‘ uns leben / Bandvorstellung durch Kevin Bents / Alphatier / Liebe (Um der Freiheit Willen) / Liebeswahn / Sexy (inklusive Power Of Soul) / Taximann / Mit 18 / Wieder hier / Halt mich noch einmal // Unter meinem Fingernagel / Auf ‘ner einsamen Insel / Johnny W. // "Heroes" ("Helden") / Freiheit

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