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Westernhagen (live in Mannheim 2017) © Rudi Brand

Die 69-jährige deutsche Rock'n'Roll Legende zeigt sich bei seiner MTV Unplugged Show in der SAP Arena in Mannheim abgeklärt und demütig. Dabei schafft es Westernhagen sein Publikum immer noch von den Sitzen zu reißen, ihm die Seele zu streicheln und Trost zu spenden.

Marius Müller-Westernhagen zögerte kein zweites Mal, als er dieses Jahr nochmals eine Einladung zu MTV Unplugged erhielt. Auf der Volksbühne Berlin sichtete und arrangierte der Düsseldorfer sein musikalisches Lebenswerk neu, lud Freunde ein und brachte eine Auswahl seines Schaffens der letzten 40 Jahre auf den heutigen Stand seines "Verständnisses von guter Musik".

Traditionell ist dieses erfolgreichste aller MTV Formate immer noch lukrativ für eine anschließende Tournee, die kurz vor Weihnachten – nach krankheitsbedingter Absage Ende Oktober – nun auch die mit rund 7.000 Zuschauern gut gefüllte SAP Arena Mannheim erreicht.

"Geiler is schon" zu Beginn

Zu den vertrauten Klängen seines 83er Hits "Geiler ist schon" senkt sich der Vorhang und legt den Blick auf die mit riesigem Hut, Lederhose und einer Art Torero-Jacke gekleidete Legende frei. Die sitzt auf einem Bürodrehstuhl über der akustischen Gitarre kauernd und erzählt die wunderbare Geschichte von der großen Lust nach mehr Leben.

 Auch "Hass mich oder lieb mich" von 1980 zeigt, als knarziger Blues verpackt, das Selbstverständnis des unbeugsamen linksrheinischen Outlaws. Das ganze Ambiente und sein Auftreten als "elder statesman" passen sehr gut zum gereiften Westernhagen.

Das System MTV Unplugged

Gleich nach "Mit Pfefferminz" erklärt der Mann, der einst als talentierter Jungschauspieler "Theo gegen den Rest der Welt" war, was MTV an Auflagen für die Konzertreihe gemacht habe. Das Konzert sollte im Sitzen stattfinden, was aber nicht bedeuten solle, dass das Publikum es ihm gleichtun müsse. Fortan sind seine Fans auf den Beinen und feiern das geschickt gestaltete Best Of- Programm.

Egal ob der für MTV Unplugged obligatorische neue Song "Luft zum Atmen", den er mit seiner Lebenspartnerin Lindiwe Suttle interpretiert, "Weil ich dich liebe" mit Streichern – immer noch eines der schönsten deutschen Liebeslieder – oder seine herrlich überholten Zeilen über Michael Jackson in "Es geht mir gut": Die Fans lieben ihn noch immer dafür, dass er Ihnen aus der Seele spricht und direkt sagt was er denkt und fühlt.

Songs aus 40 Jahren in neuem Gewand

Der Bo Diddley-Rhythmus und die Mundharmonika bei "Nur ein Traum" lassen den 69-Jährigen nun richtig heiß laufen. Die Kultzeilen "Rock’n Roll stirbt wieder mal" verneint er auch dementsprechend vehement in "Lass uns leben", das bei den Tausenden in der SAP Arena Gänsehaut erzeugt und zum Mitsingen animiert.

Beim starken Titelsong seines letzten Studioalbums "Alphatier" steht er erstmals von seinem Stuhl auf und wackelt mit dem Hintern. Das wollen die Leute sehen.

Eine schwierige Karriere

Noch immer hat Westernhagen die Anziehungskraft, die ihn Ende der Achtziger zum deutschen Megaseller und Superstar machte, dem kein Fußballstadion für Konzerte zu groß erschien. Er ist neben Grönemeyer und Udo Lindenberg immer noch einer der wenigen nationalen Künstler, den ungefähr jeder zweite Deutsche über 40 am liebsten im Formatradio hören möchte.

Diese Rolle war ihm aber irgendwann zuwider, aber der Massengeschmack seines Publikums verlangte nach dem alten Westernhagen und seinen Mitsinghits. Nach dem offiziellem Abschied von den Brettern, die bekanntlich die Welt bedeuten, folgten der Rückzug ins Private und ins Ausland sowie die anschließende Rückkehr in den 00er Jahren. Heute ist Marius Müller Westernhagen entsprechend demütig und dankbar, dass sein Publikum immer noch da ist und ihn verehrt.

Hochkarätig besetzte Band

Westernhagen verneigt sich hochachtungsvoll während des Verlaufs des Konzerts bei seiner riesigen Band, die neben zahllosen Gitarren, Bass, Schlagzeug & Percussion, zwei Pianisten, Bläser, Flöte und Geige auch drei Backgroundsänger beinhaltet. Der Sound in der SAP Arena wäre einer der besten in den großen deutschen Hallen, lobt der Meister.

Dem New Yorker Multiinstrumentalist Kevin Bent fällt die Aufgabe zu, die Band ausgiebig & augenzwinkernd vorzustellen. Musikinteressierte erkennen mit Aaron Comess den Schlagzeuger der Spin Doctors oder mit Martin Ditcham einen der weltbesten Perkussion-Spieler. Alle zusammen transportieren die Westernhagen Kompositionen analog mit "gezogenem Stecker" in neue Dimensionen, und das MTV Unplugged-Konzept geht voll auf.

Westernhagen zeigt Haltung

Westernhagen frotzelt mit Gitarrist Carl Carlton über mangelnden Erfolg der einen oder anderen Platte. Er zeigt klare Haltung wie in der Ansage zum politischen "Liebe (um der Freiheit Willen)", das er benutzt, um über die narzisstischen Anführer der Welt zu sprechen (Trump!). In diesem Song erklärt er die Demokratie, ist sich aber auch der Schwierigkeiten bewusst ist, diese anzuwenden. "Heute dafür einzustehen obwohl es uns nicht anerzogen wurde, ist schwer. Ich weiß!". Auch "Rosen", das er nach 9/11 schrieb und das auf dem Album "Wahnsinn" erschien, zeigt den Künstler an diesem Abend sehr politisch. Westernhagen war nie bequem oder angepasst.

Das hat er sich bewahrt. "Fertig" von seinem überaus erfolgreichen Album "Hallelujah" und "Willenlos", im irischen Folk-Gewand neu gestaltet, zeigen nochmals seine mittlere, sehr kommerzielle Phase. "Wir klingen hier wie die Kelly Family", scherzt er.

Die Stones als großer Einfluss

Der Endspurt des regulären Sets wird mit einer deutlichen Verneigung vor den Stones eingeläutet. Überraschend und ungeplant interpretiert Westernhagen nach einem Zwischenruf "Tumbling Dice" von den Rolling Stones. Die Roadtrips "Mit 18" und "Taximann" mit seinem "Salt of the earth"-Outro krachen immer noch so wie vor fast 40 Jahren. Die typischen Geschichten vom Außenseiter auf der Straße, dem Verlierer und dem Trinker waren in den Anfangstagen das Lebenselexier des Rheinländers.

Noch immer hat Westernhagen diese kehlige und einzigartige quäkende Stimme, die seinem Rock’n‘Roll die nötige Authentizität verleiht und der Funke springt über. "Sexy" wird heftig abgefeiert und der Meister stolziert wie ein Pfau über die Bretter. "Ich bin wieder hier" beschließt das reguläre Set unter riesigem Applaus seiner Fans.

Furioser Zugabeblock

Zu den Regeln von MTV Unplugged gehört es, auch eine Coverversion zu servieren. Für die Volksbühne Berlin kam ihm da kein geringerer als David Bowie in den Sinn, dessen symbiotische Beziehung zur geteilten Hauptstadt Ende der Siebzigerjahre bekanntermaßen hohes Kreativitätspotential freisetzte.

Ehrfürchtig interpretiert er mit seiner Band "Heroes" und mischt geschmackvoll die deutsche und englische Version zu denen sich der "Thin White Duke" damals entschlossen hatte. Die unverwüstliche Alkoholballade "Johnny W(alker)" wird lauthals Wort für Wort mitgesungen und Westernhagen ist sichtlich gerührt.

Trostspender

Nach einem weiteren Kurzabgang kommt das große Finale mit "Freiheit", das sich 1990 in der Liveversion im Zuge der Wiedervereinigung in das kollektive deutsche Gedächtnis gebrannt hat. Mit Flöte und Streichern ist dieser kurze Geniestreich immer noch ein Tränenzieher, der kurz vor Weihnachten seine Wirkung nicht verfehlt.

In einem Meer von Handy-Lichtern (früher Feuerzeuge) tritt der ewige Junge mit dem schelmischen Grinsen ab und hinterlässt ein überglückliches Publikum in die letzte Arbeitswoche vor Weihnachten. Westernhagen spendet auch 2017 immer noch allen Trost.

Setlist

Geiler is schon / Hass mich oder lieb mich / Mit Pfefferminz / Halt mich noch einmal / Luft zum atmen / Es geht mir gut / Weil ich dich liebe / Nur ein Traum / Lass uns leben / Alphatier / Liebe (um der Freiheit Willen) / Liebeswahn / Willenlos / Fertig / Rosen / Durch deine Liebe / Mit 18 / Taximann / Sexy / Wieder hier / Heroes / Unter meinem Fingernagel / Johnny W. / Freiheit

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