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Harry Styles (live in Mannheim 2018) © Rudi Brand

Harry Styles bezeichnet sich in der Mannheimer SAP-Arena als Entertainer - und liefert ab! Er überzeugt mit seinem neuen Sound, Style, Authentizität und einer Band ganz ohne Boy.

Es ist der letzte Abend seiner vier Zusatzkonzerte in Deutschland – und wieder stehen tausende junger Fans in unendlich wirkenden Schlangen vor der Halle, glücklich, dass es doch noch eine Möglichkeit gibt, ihr Idol live zu sehen. Wie sehr es um seine Musik geht und wie sehr um Harry Styles wird sich zeigen.

Sowohl von Kritikern als auch von Ü16-Musikfans wurde Harry Styles' Neuanfang als Solokünstler positiv angenommen. Dank seines musikalisch und stilistisch durchweg überzeugenden Debüt-Albums finden sich am Donnerstagabend in der SAP Arena auch Fans, die von One Direction wohl nur am Rande gehört haben.

Tip oder top?

Leider wird die Chance, One Direction als abgeschlossenes Kapitel zu betrachten, nicht konsequent genutzt. So kann bereits die Wahl des Opening Acts als klare Fehlentscheidung bezeichnet werden. 

Die junge R&B-Newcomerin Mabel glänzt mit technischer Perfektion, eingeöltem Bauch und einer durchweg stimmigen Performance. Als Support für One Direction wäre sie ein idealer Fit gewesen – die "neuen" Harry Styles-Fans dagegen holten sich lieber noch ein Bier. 

Pflegeleicht

Bereits in der Umbaupause zeigt sich, woher der Wind weht. Markerschütterndes Kreischen erfüllt die Arena, weil ein One Direction-Song gespielt wird. Aber keine Sorge: Harry Styles verfügt aufgrund seiner Zeit mit der erfolgreichen Boyband über ausreichend Erfahrung mit hysterischen Teenagern.

So ist "Only Angel" mit seinem epischen Intro der perfekte Beginn, um die Kids zu beruhigen, bevor es mit Mick Jagger-Moves richtig rockig losgeht. Styles zieht vom ersten Ton an mit seiner Präsenz das komplette Publikum in seinen Bann. 

Hello, my name is Harry

Die Chemie stimmt: hier ein Lächeln, da ein Handkuss. Während das Publikum kurz zuvor noch draußen im kalten Regen stand, wird der Sänger direkt mit einem Blumenregen bedacht. Harry Styles im Humphrey Bogart-Style: sein Boyband-Dasein wirkt lange vergangen, wenn er mit seiner eingegroovten Band jeden Song wie von der Platte abliefert. Playback ist für Anfänger.

Nicht nur sein Selbstverständnis als Entertainer, sein handwerkliches Können und sein Verantwortungsbewusstsein als sozial engagierter Star zeugen von seiner Reife: gleich zwei Frauen begleiten ihn auf seiner Tour als Teil der Band. Nicht hinter das Mikrophon gepackt als schön anzusehende Sängerinnen, sondern erhöht platziert an Tasten und Schlagzeug. 

Kann das funktionieren?

Nach fünf durchweg überzeugenden Nummern seines aktuellen Albums mit rockigen Gitarrenriffs, starken A-Capella-Parts und sanften Akustikgitarrenklängen sollen endlich die alten Fans auf ihre Kosten kommen. Doch wie können die One Direction-Hits zum Sound des neuen Harry Styles passen?

Ein Kompromiss soll das Problem lösen: mit alten Wurlitzer-Tonfarben und verzerrten Gitarren versuchen die Musiker ein bisschen Kante in die Songs zu bringen und so passend zu machen, was einfach nicht passen mag.

Spätestens mit Einsatz der poppig-glatten Refrains der insgesamt drei One Direction-Songs, die an diesem Abend gespielt werden, ist klar, dass dieses Experiment nicht funktioniert. Weder die alten, noch die neuen Fans können sich für diese Versionen begeistern. So ist der Jubel vor den Songs meist größer als danach. 

Höhepunkte

Dennoch bekommt die Band die Kurve und schafft es mit neuen, unveröffentlichten Rocknummern wie "Medicine" oder "Anna" und emotionalen Highlights wie "Sweet Creature" das Publikum in seiner Diversität wieder abzuholen.

Das ganze Programm steuert dann unweigerlich auf den von allen gleichermaßen ersehnten Höhepunkt des Abends zu: die Erfolgssingle "Sign Of The Times". Zum Handy-Lichtermeer in der Arena bringt Styles auch diesen Song gesanglich so überzeugend rüber, dass man ihm das Wegschummeln des gesanglichen Höhepunkts am Ende des Songs gerne verzeiht. Schließlich ist er seit September 2017 auf Tour!

Die Fans mitnehmen

Eine emanzipierte, hinter dem Drumset rackernde Frau, ein Cover von Fleetwood Mac, stilistische Bezüge auf fünfzig Jahre Rock- und Popgeschichte: Die Erziehung seines Publikums zu Rockfans scheint Harry Styles sehr am Herzen zu liegen.

Trotzdem wählt er nicht die berühmte "Bob Dylan-Strategie". Er will seine alten Fans nicht vor den Kopf stoßen, er will dass sie mitkommen und auf seinem neuen Weg begleiten. Der erste Schritt ist getan.

Setlist

Only Angel / Woman / Ever Since New York / Two Ghosts / Carolina / Stockholm Syndrome / Just A Little Bit Of Your Heart / Medicine / Meet Me In The Hallway / Sweet Creature / If I Could Fly / Anna / What Makes You Beautiful / Sign Of The Times // From The Dining Table / The Chain / Kiwi

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