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Einstürzende Neubauten (live in Hamburg, 2017) © Claudia Höhne

Die Elbphilharmonie kann auch Avantgarde-Rock: die Einstürzenden Neubauten brillieren in einer zweistündigen Tour de Force mit perfekt austariertem Klang und exotischen Instrumenten: Bohrmaschinen, Metalleimern, bösartigen Schuhputzmaschinen und dem Anzünde-Geräusch einer Zigarette.

Ist es schon legitim, von der Feuertaufe eines Gebäudes zu sprechen, wenn es sich um das Anzünden einer Zigarette handelt? Blixa Bargeld dürfte jedenfalls der Erste gewesen sein, der im vielgerühmten Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie die Flamme eines Feuerzeuges entzündet hat. Johlen im Publikum, aber Bargeld schüttelt sachte den Kopf, ein angedeutetes Lächeln.

Klar, was das bedeutet: wenn ihr das macht, werdet ihr rausgeschmissen, wenn ich das mache, ist es Kunst. Denn das Geräusch des nahe am Mikrofon entflammenden Tabaks ist Bestandteil des Songs "Silence is Sexy", den Bargelds Band Einstürzende Neubauten als erste Zugabe nach einem grandiosen Abends im frisch eröffneten Opernhaus gibt.

Metallische Wucht

Die fünf Neubauten nehmen am zweiwöchigen Eröffnungsfestival mit einem Programm namens "Greatest Hits" teil, was recht lustig klingt für eine Band, die in den 80er Jahren mit infernalischem Lärm für Aufsehen sorgte und nie einen Song in den Top 100 der deutschen Charts hatte.

Bis 1989 gehen sie in ihrer Chronologie zurück während des zweiten Konzerts an diesem Abend mit dem Titelsong des Albums "Haus der Lüge". Der Song eröffnet das Konzert nach dem minimalistischen "The Garden" mit der vollen metallischen Wucht dieser sechsköpfigen Band, die live von einem zusätzlichen Keyboarder unterstützt wird. Die Einstürzenden Neubauten machen ihrem Ruf als Vorreiter des Industrial-Genres alle Ehre.

Warm eingepackt

Und wie klingt sie nun, elektrisch verstärkt, die Elphi? Von "brutal durchkalkulierter Studioakustik" war die Rede, "bedrohlich trocken" sei der Klang beim Eröffnungskonzert gewesen. Doch für das erste Pop-Konzert wurde vorgesorgt: Heimkinoleinwandgroße Stoffquadrate, die sich von den beigefarbenen Gipsplatten kaum abheben, bedecken die Wände und sorgen für weniger Hall und wärmeren Klang.

Und so wird kaum jemand von den bereitgestellten Ohrenstöpseln Gebrauch gemacht haben: hier klirrt und stört nichts, jedes Instrument, und insbesondere der Gesang von Blixa Bargeld, ist klar vernehmbar.

Ein Arsenal

Für jeden Song werden neue Gegenstände als Percussion-Instrumente auf die Bühne geschafft, Metalleimer, Bohrmaschinen, Wasserkanister, Plastiktonnen, metallene Erzeugnisse, die wie ein Abtropfgestell aussehen oder eine bösartige Schuhputzmaschine. Einmal entleert Perkussionist N.U. Unruh eine Baggerschaufel klirrender Chromstifte. Dennoch: die  Neubauten machen längst keinen Lärm mehr, sie spielen Songs. Ihre Klangexperimente werden nie zum Selbstzweck, insbesondere die aneinandermontierten Plastikrohre von Drummer Rudolf Moser erzeugen einen verblüffend warmen, Drone-artigen Sound. Der trockene Kommentar von Blixa Bargeld dazu: "Das normale Baumarkt-Rohr ist nahe am E".

Der Sänger der vor 37 Jahren gegründeten Band strahlt tiefe Gelassenheit aus. Im eleganten, dunkelblau glänzenden Dreiteiler steht er am Bühnenrand, untermalt den Klang seiner sonoren Stimme mit langsamen, überlegten Handbewegungen. Die unglaublich hohen, spitzen Schreie, die einen Song wie "The Garden" beschließen, hätte man ihm kaum zugetraut.

Zentrale Rolle für den Bass

Wo bei anderen die Gitarre die zweitwichtigste Rolle spielt, ist es bei den Neubauten der Bass. Alexander Hacke spielt und bearbeitet ihn mit ungeheurer Energie, melodiös und mit brachialer Wut. Die Akustik des Konzerthauses ist unglücklicherweise nicht dafür ausgelegt, den Klang des Instrumentes im Raum zu verbreiten oder gar den Boden vibrieren zu lassen – dennoch bleibt für jeden nachvollziehbar, wie wichtig Hacke für diese Band ist.

Der barfuß auftretende Berliner sieht aus wie ein Wiedergänger von Lemmy Kilmister: beeindruckender Schnauzer, das Hemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, Schweißbänder an den Handgelenken. All das suggeriert: hier wird gearbeitet.

Die Elphi kann Pop

Körperlichen Einsatz zeigen auch die beiden Perkussionisten Unruh und Moser. Nur schade, dass Live-Keyboarder Felix Gebhard so wenig machen darf – viele der Synthie- und Streicher-Parts stammen aus dem Laptop. Für den zweiten Zugabenblock raschelt Unruh mit der laut Bargeld "besten Brandschutzdecke ever". Mit dem beinahe jazzigen "Ein leichtes leises Säuseln" und "Redukt"“ schließt die Band und beweist einmal mehr, dass sie in ihren leisen Momenten am stärksten ist. Songs, die sich unerbittlich über einem grummelnden Basslauf anschleichen, Songs, die von Blixa Bargelds außerordentlichem Charisma getragen werden. Bis unter das 30 Meter hohe Dach ist seine Stimme in allen Verästelungen, von Flüstern bis Schreien, vernehmbar.

Dass die Einstürzenden Neubauten ungewöhnliche Orte bespielen können, haben sie mit Konzerten auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände und im ehemaligen Berliner Palast der Republik schon vor Jahrzehnten gezeigt. Nun hat auch die Elbphilharmonie den Beweis erbracht: der Konzertsaal kann Pop-Musik. Insbesondere dann, wenn sie mit Pop im traditionellen Verständnis kaum etwas gemein hat. Ein brillanter Abend.

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