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Einstürzende Neubauten (live in Ludwigshafen, 2015) © Johannes Rehorst

Mit ihrem Programm "Lament", das sich ausschließlich mit dem 1. Weltkrieg beschäftigt, gastieren die Einstürzenden Neubauten in Ludwigshafen und bieten ein nicht immer überragendes, aber stets faszinierendes Konzerterlebnis.

Welches weltgeschichtliche Ereignis würde sich besser dazu eignen, von den Einstürzenden Neubauten vertont zu werden als der Erste Weltkrieg? Brachte der Krieg in bis dahin ungekanntem industriellen Format nicht nur unsagbaren Schrecken, sondern auch eine große Zahl von neuen, bis dato ungehörten Geräuschen hervor.

Das Pfeifen der Artilleriegeschosse, das Rattern der Maschinengewehre, der Lärm der Panzer, Granateneinschläge und Schmerzensschreie, das faszinierte und traumatisierte die Soldaten in ungeheurer Weise. Die Einstürzenden Neubauten können diese Erfahrungen (zum Glück) nicht nachvollziehbar machen, aber sie können ihre Interpretation des 1. Weltkriegs inszenieren. Genau das tun sie im gut gefüllten Theatersaal des Pfalzbaus in Ludwigshafen.

Ohrenbetäubend

Unter dem Titel "Lament" haben sie ein Doppel-Album aufgenommen, das versucht die Gewalt, aber auch die Absurdität des Krieges darzustellen. Man kann den Schrecken nicht nachempfinden, die Lächerlichkeit und Falschheit der Motive aber sehr wohl.

Schon das einleitende "Kriegsmaschinerie" spricht auf großen Tafeln, die Blixa Bargeld in die Höhe reckt, von "Enttäuschungen, zerfetzten Hoffnungen, falschen Schuldzuschreibungen, herumdümpelnden Religionslügen und Resten geschichtlichen Mülls". Dazu erklingen ohrenbetäubende perkussive Klänge von Ketten und anderen metallischen Gegenständen.

Selten waren auf einer Bühne so viele Stagehands zu sehen, die metallische Gegenstände jeder Art auf- und wieder abbauen. Viel Selbstgebasteltes haben die Neubauten dabei, klobige und feine Instrumente. Das aber ist nur die eine Seite der Inszenierung: der industrielle "Lärm", Geräusche, Perkussion, Schlagzeug, der unablässige Strom an geräuschvoller Musik. Die andere Seite ist der Humor, die Absurdität, beispielsweise im nächsten Stück "Hymnen", das "God Save The King" und "Heil dir im Siegerkranz" genial verknüpft – ein Leichtes, da beide Stücke die gleiche Melodie teilen.

Absurdes Theater entlarvt

"The Willy-Nicky Telegrams" greift die auch heute noch schaurig wirkende Inszenierung der Telegramme zwischen Kaiser Wilhelm II. ("Willy") und Zar Nikolaus II. ("Nicky") kurz vor Ausbruch des Krieges auf. Der telegraphische Austausch der beiden Cousins spielte sich in englischer Sprache ab und diente nur vorgeblich dem Versuch, einen Krieg zu verhindern. Vor allem auf deutscher Seite waren die Zeichen auf Krieg gestellt.

Das absurde Theater erklingt in einem Dialog zwischen Alexander Hacke und Blixa Bargeld, in dem sich beide Stimmen jeweils übertönen und so nur Fetzen oder Bruchstücke des Gesagten zu vernehmen sind. Obwohl das die Unfähigkeit zur Kommunikation zwischen den kriegsbeteiligten Mächten verdeutlicht, erschwert es natürlich das Stück ohne Vorkenntnisse zu erfassen.

Jeder Schlag ist ein Tag

Das liegt auch daran, dass der basslastige Klang die Stimmen, insbesondere von Bilxa Bargeld, etwas verschluckt. Ein weiterer Grund ist die Komplexität der Texte, die sich erst durch das (sehr schön gestaltete) Programmheft wirklich erschließen lassen. "Lament" ist keine leichte Kost, das hat von den Neubauten auch niemand erwartet, sondern verlangt mehr Beschäftigung, als zwischen Performance und der Besprechung am darauffolgenden Tag zu leisten ist.

Daher beeindrucken vor allem die langen Stücke, die den Krieg in maßgeschneiderter Form präsentieren. Beispielsweise in Form von Plastikrohren aus dem Baumarkt, die passend zurechtgesägt als Perkussioninstrumente dienen, um die gewaltige Länge des Krieges von vier Jahren zu illustrieren. Jeder Schlag auf die Rohre steht für einen Tag des Krieges, wobei die Rohre die kriegsbeteiligten Länder repräsentieren. Klingt akademisch, entfaltet aber im Spiel der drei Perkussionisten eine unheimliche Wirkung, die mit tosendem Applaus belohnt wird.

Berührende Kompositionen

Ebenso beeindruckend ist eine Komposition der Marching Band der Harlem Hellfighters*, eines aus Afro-Amerikanern bestehenden US-Infanterie-Regiments, das es durch Mut und Kampfesstärke zu Berühmtheit brachte. Dieses Regiment besaß eine Band, die nach Ende des Krieges einige Tonaufnahmen machte, darunter "On Patrol In No Man's Land", das von Alexander Hacke in einer stimmlichen Mischung aus Captain Beefheart und Tom Waits gesungen wird.

Mit "How Did I Die?" gelingt den Neubauten zum Abschluss des regulären Sets eine berührende Komposition, die in aller Schlichtheit die Sinnlosigkeit des massenhaften Sterbens thematisiert. Das gleiche Ziel verfolgt die Performance von "Sag mir wo die Blumen sind", das Marlene Dietrich zu ihrem Lied machte. Wie Dietrich stammt Bargeld, so merkt er schelmisch an, aus Schöneberg und hat sich, um die Illusion perfekt zu machen, in eine weiße Schleppe (oder Stola?) gehüllt.

Die Waffen des Humors

Eine ganz andere Wirkung erzielt "Let's Do It a Dada", eines von nur zwei Liedern, die nicht auf der neuen Platte "Lament" enthalten sind. Mit seiner dadaistischen Verknüpfung von Begriffen, einer charmanten Wildheit und allerlei Anspielungen ("Aaah! Signore Marinetti! Back from Abyssinia? How is the Duce?") erzielt das Stück eine große Wirkung.

Nicht minder beeindruckend ist die kabarettistische Parodie des Kriegsausbruchs von einem heute vergessenen Schauspieler namens Joseph Plaut, der 1926** die Ereignisse des Juli und August 1914 mit Tierstimmen imitierte. Das Ganze kulminiert in langgestreckten "HIIIIITLER"-Rufen. Nach dem abschließenden "Ich gehe jetzt" ist die Performance vorbei. Manche Stücke funktionierten besser als andere, aber insgesamt war die Aufführung von "Lament" ein eindrucksvolles Erlebnis, das die Zuschauer mit Standing Ovations feiern.

 

*Im Gegensatz zu den Aussagen im Programm trug das Regiment (und nicht die Band) den Namen Harlem Hellfighters.

**Blixa Bargeld spricht von 1921, aber das ist de facto unmöglich, denn 1921 kannte kaum jemand Adolf Hitler. Im Programmheft steht 1926, ein wesentlich plausibleres Datum.

Setlist

Kriegsmaschinerie / Hymnen / The Willy - Nicky Telegrams / In De Loopgraaf / Der 1. Weltkrieg (Percussion Version) / Achterland / On Patrol in No Man's Land / Lament: 1. Lament, 2. Abwärstsspirale, 3. Pater Peccavi / How Did I Die? // Sag mir, wo die Blumen sind / Let's Do It a Dada / All of No Man's Land Is Ours // Der Beginn des Weltkrieges 1914 (Dargestellt unter Zuhilfenahme eines Tierstimmenimitators) / Ich gehe jetzt

 

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