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Coldplay (2016) © James Marcus Haney

Luftballons, Konfetti, Leuchtbändchen: Coldplay setzen in Hamburg auf massenkompatible Gimmicks – und feiern vor allem sich selbst.

Man könnte über vieles meckern an diesem Abend. Über die LED­-Armbänder zum Beispiel, die jedem Besucher eingangs umgeschnallt werden und die während der Show in unterschiedlichen Farben leuchten.

Über die Anbiederung von Sänger Chris Martin ans deutsche Publikum, wenn er sich eine Schwarz­-Rot­-Gold­-Fahne um die Schultern legt. Über das taktunsichere Dauerklatschen der Zuschauer. Über die vielen „Uhs“ und „Ohs“ in fast jedem Song. Oder über das vollkommen missglückte Cover von David Bowies „Heroes“.

Die Euphorie steckt an

Am Ende aber stünde man mit dieser Meckerei wohl allein auf weiter Flur und wäre der miesepetrige Partymuffel, den keiner braucht. Denn, das muss man bei aller berechtigten Kritik einräumen: Coldplay setzen positive Energien frei und machen die Masse glücklich.

Das ist auch im Hamburger Volksparkstadion so. Überall strahlende Gesichter, händchenhaltende Paare, euphorisierte Klein-­ und Großfamilien, die gemeinsam singen und klatschen und ihre Arme in die Luft recken. Selbst die Ordnungskräfte machen da keine Ausnahme. Das schaffen in dieser Größenordnung nur wenige Acts.

Von 0 auf 100 in 0 Sekunden

Anlauf brauchen die vier Briten dafür nicht. Kurz nachdem das Intro – „O mio babbino caro“ von Maria Callas – verklungen ist und Fans aus aller Welt von der Leinwand aus ihre Grüße gesprochen haben, legt das Quartett mit „A Head Full of Dreams“ los.

Begleitet wird der Titelsong des neuen Albums von Feuerwerkskanonen und buntem Konfettiregen. Chris Martin sprintet über den Catwalk ins Publikum, strahlt über das ganze Gesicht. Die Menge steht, klatscht, jubelt. Schon läuft die Party. Mit Vollgas von 0 auf 100.

Gekommen, um zu feiern

Mit „Yellow“ folgt der erste Hit der Band, der inzwischen fast 20 Jahre auf dem Buckel hat. Und hier zeigt sich das Grundproblem von Coldplay anno 2016. „Yellow“ ist – wie die anderen Songs ihrer ersten beiden Alben – ein fragiles Versprechen, ein sehnsuchtsvoller Schmachtgesang, schüchtern und bescheiden, gefühlvoll und glaubwürdig.

Er zeigt, woher die Band kommt und mit welchen Ambitionen sie ursprünglich gestartet war. Die Tiefe und Kraft ihrer ersten Songs haben Coldplay irgendwann aufgegeben und gegen Hymnen für die Massen getauscht.

Aus Intimität wird Kollektivrausch

Das wird später auch bei „The Scientist“ noch einmal klar, das für vier glorreiche Minuten aus dem ausverkauften Stadion einen intimen Club macht. Und man malt sich aus, was ein Konzert von Coldplay einst gewesen sein muss.

Heute aber bleiben solche Momente die Ausnahme. Coldplay sind zum Feiern gekommen. „Charlie Brown“, „Viva La Vida“; „Adventure of a Lifetime“ und „A Head Full of Dreams“ sind die Stimmungshöhepunkte in dieser auf Kollektivrausch angelegten Show.

Chris Martin gibt alles

Weil es seinen Bandkollegen an Profil fehlt, konzentriert sich alle Aufmerksamkeit auf Chris Martin, der sich redlich müht, das weite Rund zu füllen. Immer wieder reißt er die Arme in die Luft, läuft auf und ab, animiert. Dem Publikum nahe kommt die Band auch durch den Wechsel auf zwei kleinere Bühnen – eine in der Stadionmitte, die andere an der der Hauptbühne gegenübergelegenen Seite. Hier kommen eher ruhigere Stücke wie „Everglow“, „Magic“ und „Shiver“ zum Einsatz.

Nach knapp zwei Stunden und einem kraftvollen „Up & up“ verlassen Chris Martin & Co. schließlich die Bühne und werden von den 45.000 Zuschauern frenetisch in den Feierabend geschickt. Band und Publikum stehen sich applaudierend gegenüber. Meckern muss man nicht. Aber man könnte.

Setlist

A Head Full of Dreams / Yellow / Every Teardrop Is a Waterfall / The Scientist / Birds / Paradise / Always in My Head / Princess of China / Everglow / Clocks / Midnight / Charlie Brown / Hymn for the Weekend / Fix You / Heroes / Viva la Vida / Adventure of a Lifetime / Kaleidoscope / Shiver / Til Kingdom Come / Amazing Day / A Sky Full of Stars / Up&Up

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