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Leonard Cohen bestätigt in Mannheim seinen Ruf als herausragender Livekünstler. © Dominique Issermann

Vor ausverkauftem Haus in der SAP Arena beweist Leonard Cohen erneut, warum er zu den großen Entertainern der Gegenwart zählt: Charmant und humorvoll führt er durch einen epischen, aber stets kurzweiligen mehr als dreistündigen Auftritt, den er auch zur Würdigung eines großen, jüngst verstorbenen Sängers benutzt.

Vor einigen Jahren stellte Leonard Cohen fest, dass seine langjährige Vertraute und Managerin seine Konten akribisch geplündert und ihm nur einen Bruchteil seines beträchtlichen Vermögens belassen hatte. Um seine finanzielle Lage zu verbessern, entschied sich Cohen nach fünfzehnjähriger Abstinenz wieder auf Tour zu gehen.

So bedeutend finanzielle Erwägungen für das Comeback gewesen sein mögen, niemand zwingt Cohen bei seinen regelmäßigen Tourneen ab 2008 stets drei Stunden und länger auf der Bühne zu stehen. So geschehen auch in Mannheim, wo er von 9.000 Zuschauern in der ausverkauften SAP-Arena begeistert gefeiert wurde.

Mehr als drei Stunden Musik

Von ungefähr 20:15 bis 23:40 spielt Cohen mit kurzer Pause zwei Sets und drei Zugaben, die zahlreiche Klassiker aus allen Teilen seiner Karriere und einige neue Songs bieten. Von letzteren erzielt Going Home mit den vom Publikum heftig bejubelten Textzeilen "I love to speak with Leonard / He's a sportsman and a shepherd / He's a lazy bastard / Living in a suit" mit Abstand die größte Wirkung.

Ansonsten bietet der Abend viele Gelegenheiten alle von Cohens Facetten kennenzulernen. Man kann bei dem gefühvollen So Long, Marianne einander in den Armen liegen, die verführerische. leicht ironische Eleganz von I'm Your Man bewundern oder in die Düsternis des Tower of Song eintauchen. Das immer noch rätselhafte First We Take Manhattan zeigt indessen Cohens kämpferische Seite, während The Future und Everybody Knows Abscheu und Enttäuschung mit der Welt thematisieren.

Als Kontrapunkt gibt es die etwas zu aufdringliche Esoterik von Come Healing und das vielumjubelte Lover, Lover, Lover – Cohens größter Hit in Deutschland. Zudem ergreift Cohen die Gelegenheit an den im April verstorbenen Country-Sänger George Jones mit dessen Hit Choices zu erinnern.

Prominent: Violine und Banduria

Cohen rauchige Stimme trägt auch ein langes Konzert ohne erkennbare Probleme, vor allem wenn sie kongenial durch so exzellente Sängerinnen wie Sharon Robinson und die Webb Sisters ergänzt wird. In den letzten Monaten scheint sie aber ein wenig an Volumen eingebüßt zu haben. Vielleicht lag das auch an der Abmischung, die ansonsten aber wie meistens in der SAP-Arena exzellent war.

Die sehr gut miteinander harmonierende Band spielt sanft und gefühlvoll, aber differenziert. Eine wichtige Rolle übernimmt der prominent eingesetzte Violinist Alexandru Bublitchi, der zahlreiche Gelegenheiten erhält, seinen balkanesken Stil einzusetzen. Cohens langjähriger Begeiter Javier Mas spielt hauptsächlich Banduria, wohingegen die zu Beginn seines Comebacks gelegentlich verwendeten Bläser vollkommen abwesend sind.

"Macht ihr euch über mich lustig?"

Wie gewohnt zeigt sich Cohen als ebenso charmanter wie humorvoller Gastgeber. Gleich zu Beginn dankt er den Zuschauern auf den Oberrängen, dass sie ganz nach oben geklettert sind. Anschließend würdigt er das Publikum am Boden, damit alles fair bleibt.

Als das Publikum Cohens rudimentäres Keyboard-Spiel bei Tower of Song enthusiastisch bejubelt, entgegnet er: "Macht ihr euch über mich lustig?" und fährt fort, mehr seiner Tricks am Keyboard vorzuführen. Das folgende "I was born with the gift of a golden voice" wird dann natürlich ebenso gefeiert.

Einzigartiger Abend

Bei allem Charme sollte sich Cohen allerdings vor exzessiver Verwendung einiger Angewohnheiten hüten. Er sollte nicht bei jedem Lied in die Knie gehen oder bei jedem Solo eines Begleitmusikers den Hut abnehmen. Das ruiniert vielmehr die Wirkung dieser Gesten und reduziert sie zu einer leeren Pose.

Die Gesamtwirkung des Konzerts beeinträchtigen diese Marotten kaum. Gegen Ende des regulären Sets stürmt das Publikum im Innennraum zur Bühne, um während der Zugaben so weit vorne wie möglich zu sein.

Als das beschwingte Closing Time vom nachdenklichen I Tried to Leave You abgelöst wird, ist der richtige Zeitpunkt, um festzustellen, wie unendlich wertvoll Leonard Cohens Musik ist – damals und heute noch viel mehr. Man muss seiner Ex-Managerin fast ein wenig dankbar sein – wer weiß, ob er ansonsten überhaupt noch touren und seinen Fans diese einzigartigen Erlebnisse bieten würde.

Setlist

Dance Me to the End of Love | The Future | Bird on the Wire | Everybody Knows | Who by Fire | Darkness | Choices (Billy Yates cover) | Amen | Come Healing | Lover Lover Lover | Anthem || Tower of Song | Suzanne | Sisters of Mercy | Heart with No Companion | Waiting for the Miracle | The Partisan | Alexandra Leaving (Gesang: Sharon Robinson) | I'm Your Man | Hallelujah | Take This Waltz

Zugaben: So Long, Marianne | Going Home | First We Take Manhattan | Famous Blue Raincoat | If It Be Your Will (Gesang: Webb Sisters) | Closing Time | I Tried to Leave You

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