REM

REM © Warner Music Group

Am vergangenen Mittwoch spielten REM ein Konzert in ganz besonderer Atmosphäre. Auf der Loreleyer Freilichtbühne zeigte die Band in herrlicher Kulisse einmal mehr, warum sie seit Jahren zu den größten Bands der Welt zählt. Im Kontrast zur beschaulichen Umgebung zeigte sich die Band von ihrer rockigen Seite und unterstrich damit den musikalischen Weg des aktuellen Albums Accelerate.

"Ich glaube nicht, dass wir hier schon einmal gespielt haben, jedenfalls kommt mir der Ort überhaupt nicht bekannt vor", ruft Michael Stipe von R.E.M. dem Publikum zu: "Als ich heute Mittag zur Klippe ging, dachte ich, dass das einer der schönsten Orte ist, den ich jemals gesehen habe." Die Rede ist natürlich von der Loreley, einem Ort, der seit Heinrichs Heines Gedicht Die Heimkehr aus dem Jahr 1824 tief im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert ist.

Und was für eine Überraschung ist es, als der zweite Gitarrist Scott McCaughey die ersten beiden Strophen des Gedichtes nach Aufforderung von Michael Stipe in mehr als passablem Deutsch singt. Was könnte man sich Besseres wünschen, als einen solchen, überraschenden Augenblick, der einen Konzertbesuch zu einem besonderen Erlebnis macht?

Wechselspiel aus Pop und Rock

R.E.M. präsentieren sich an diesem Abend – wie auf ihrem aktuellen Album Accelerate – von ihrer rockigeren Seite. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich der Gesamtsound der Band gegenüber früheren Tourneen dramatisch verändert hätte. Auffällig ist allenfalls der weitgehende Verzicht auf Keyboards und die stärkere Akzentuierung der Rocksongs innerhalb der Setlist.

R.E.M. verzichten jedoch keineswegs auf die poppigeren Elemente ihres Schaffens. Im Gegenteil, das Wechselspiel zwischen Rock und Pop sorgt für die nötige Abwechslung. Zu dem wunderbar schwerelosen Pop von "Electrolite" und "The Great Beyond" gesellen sich das aggressiv anklagende Ignoreland und das hymnische "These Days".

Immer eine politische Band

Das Konzert lässt klar erkennen, wie stark sich R.E.M. immer als politische Band verstanden haben und bis heute verstehen. Bewusst haben sie jedoch stets jede Form der Aufdringlichkeit vermieden. Michael Stipe ist kein in Selbstdarstellung geübter Prediger, sondern ein bescheidener, unprätentiöser Aktivist, der seine politischen Ansichten stets in kodierter, metaphorischer und mehrdeutiger Form äußert.

Jemandem, der nicht weiß, wonach er Ausschau halten muss, dürften die Aussagen kaum auffallen. Man kann ein Lied wie "Driver 8" in ganz verschiedener Weise verstehen und müsste es nicht zwangsläufig für einen Kommentar zur Lage der Vereinigten Staaten im Jahr 1985 halten, wenn Stipe es nicht ausdrücklich so bezeichnen würde.

Ein Fremdkörper als Highlight

Allerdings haben R.E.M. auch explizit politische Lieder wie "Bad Day" und "Ignoreland" geschrieben. Letzteres ist fast eine Anklageschrift gegen den politischen Gegner, in diesem Fall die amerikanische Partei der Republikaner zur Zeit Reagans und des älteren Bush, so wütend und durchdringend wie sonst nur wenige Songs im R.E.M.-Kanon.

Auf dem eher ruhigen, introspektiven "Automatic For The People" war "Ignoreland" eher ein faszinierender Fremdkörper, mit dem die Band im Nachhinein nicht glücklich zu sein schien. Inzwischen scheinen R.E.M. Gefallen an diesem ungewöhnlich direkten Lied gewonnen zu haben – vielleicht auch weil ihre Verärgerung mit der politischen Lage der USA einen Höhepunkt erreicht hat und sie fühlen, dass dieser Song nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Erinnerung an Kurt Cobain

Zu den Highlights des Auftritts gehört eine akustische Version von "Let Me In", das Michael Stipe zu Ehren seines Freundes Kurt Cobain komponiert hat. Auf Monster wurde "Let Me In" von gespenstischen Schichten aus Orgel- und Gitarrenspiel umwoben, so dass der Gesang gewollt in den Hintergrund gedrängt wurde. Im Konzert ist es hingegen ein intimes, berührendes Lied, in dessen Mittelpunkt der Gesang steht. Michael Stipe singt es mit dem Rücken zum Publikum, während er sich mit den anderen Musikern auf der linken Seite der Bühne versammelt.

Eine besondere Freude ist es auch, "(Don’t Go Back To) Rockville" von dem Mann gesungen zu hören, der es geschrieben hat, nämlich Mike Mills. Er hätte durchaus das Zeug zum Leadsänger einer zweitklassigen Bar-Band. Wie alle anderen Mitgliedern von R.E.M. ist es ihm jedoch glücklicherweise bewusst, dass es das große Glück seines Lebens war, in dieser Band zu spielen, denn nichts, was die einzelnen Musiker in Soloprojekten auf die Beine stellen würden, wäre jemals halb so gut wie die Musik von R.E.M.

Kein besserer Ort

Einen idealeren Veranstaltungsort als die Freilichtbühne an einem lauen, regenfreien Sommerabend wie dem vergangenen Mittwoch, kann man sich kaum vorstellen: Durch die steil abfallenden Tribünen kann man von fast überall die Bühne einsehen. Der Sound ist ebenfalls ausgezeichnet, so dass es etwas erstaunt, dass das zahlreich erschienene Publikum (angeblich 16.000) in der ersten Hälfte des Konzertes seltsam lethargisch ist.

An den Performances kann es nicht liegen, denn die sind kraftvoll, energetisch und mitreißend. Erst mit dem fiesen Anti-Liebeslied "The One I Love" verfliegt jede Lethargie und die Zuschauern feiern endlich ausgelassen.

Künstlerische Integrität bewahrt

Als Zugabe können die Zuschauer dann endlich mit dem genialen "Losing My Religion" das Lied bejubeln, das R.E.M. weltweite Popularität einbrachte und sie zu Superstars machte. Sieben Jahre zuvor hatten sie auf ihrem zweiten Album Reckoning das Lied "7 Chinese Brothers" veröffentlicht. Damals waren R.E.M. eine obskure Band aus einem kleinen Südstaaten-Städtchen namens Athens und spielten vor einigen dutzend oder einigen hundert Zuschauern.

Niemand hätte vermutet, dass sie mehr als zwei Jahrzehnte später zu den bekanntesten Bands der Welt gehören würden. Ihre größte Leistung ist es vermutlich, dass es ihnen gelungen ist, ihre künstlerische Integrität trotz des Erfolges zu wahren. Ihr Auftritt in St. Goarshausen lieferte den Beweis dafür.

Setlist

Living Well Is The Best Revenge | These Days | What’s The Frequency, Kenneth? | Drive | Man Sized Wreath | Driver 8 | Ignoreland | Hollow Man | Fall On Me | Electrolite | (Don’t Go Back To) Rockville | The Great Beyond | Walk Unafraid | Begin The Begin | Country Feedback | The One I Love | I’ve Been High | Let Me In | Horse To Water | Bad Day | Orange Crush | Imitation Of Life ||  Supernatural Superserious | Losing My Religion | 7 Chinese Brothers | I’m Gonna DJ | Man On The Moon

Alles zum Thema:

r.e.m.

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