The Casting Out (Wiesbaden, 2008)
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The Casting Out (Wiesbaden, 2008) Foto: Marcel Benoit © regioactive.de

Mit großer Spannung erwarteten die Fans von Boysetsfire die Europatour der Nachfolgeband The Casting Out. Außer einigen Demos war von denen bisher nicht viel zu hören gewesen. Zum Konzert ging es also mit einer gewissen Portion Ungewissheit, aber ebenso mit jeder Menge Neugierde und Vertrauen darauf, dass Frontmann Nathan Gray auch mit überwiegend neuer Band Brauchbares abliefern würde.

{image}Schwer vorstellbar, dass es gelingen könnte, ein größeres Chaos rund um Bandgründungen beziehungsweise -auflösungen, Besetzungswechsel und Veröffentlichungen anzurichten, als dies Boysetsfire, The Casting Out und die diversen mit ihnen verbundenen Projekte getan haben. In so manchem Interview kam zum Vorschein, dass sich die Beteiligten selbst nicht immer ganz sicher waren, wo sie denn nun eigentlich mitwirken und wo nicht. Doch oh Wunder, letztlich stand doch eine vollständige Band auf der Bühne der Räucherkammer im Schlachthof. Bedauerlicherweise kann Gitarrist Josh Latshaw bei der aktuellen Europatour nicht mit dabei sein, aber mit Nathan Gray und Bassist Chris Rakus sah man immerhin noch zwei Bekannte aus alten BSF-Zeiten. Zwar könnte man sich problemlos noch wesentlich länger darum bemühen, etwas Ordnung in das skizzierte Durcheinander zu bringen, doch soll der Auftritt in der hessischen Landeshauptstadt auch nicht gänzlich vernachlässigt werden.

Die Emo-Rocker von Dear Diary eröffneten dort den Reigen. Nachdem sie schon vor Coheed and Cambria randurften, war dies ihr zweiter Gig innerhalb weniger Wochen im Schlachthof. Für die Gießener ein Heimspiel, bei dem sie durchaus großen Eindruck hinterliessen, auch wenn das Publikum seine Begeisterung noch ein wenig aufzusparen schien.

{image}Gleich zu Beginn des Sets von The Casting Out bestätigte Nathan um was es hier ging: In intimer Clubatmosphäre wollte man sehen, wie das neue Material bei den Fans ankommt. Wie er selbst anmerkte, dürfte kaum jemand im Voraus an mehr als eine Hand voll Songs geraten sein, so dass dem Publikum eine zweistellige Anzahl an unbekannten Stücken präsentiert wurde. Die grobe Richtung, in welche die Reise gehen würde, war durch die Veröffentlichungen im Internet ja schon bekannt: In gewisser Hinsicht stellen The Casting Out die logische Folge der Entwicklung vom Hard- zum Emocore dar, die Boysetsfire durchlebten. Nun geht es eben einen Schritt weiter in Richtung Independent. Die größte – aber nicht die einzige – Gemeinsamkeit der beiden Bands besteht in der Person Nathan Gray, der auf CD durch seine typische Stimme und besonders auch live durch sein charismatisches Auftreten auffällt. Erwartungsgemäß nicht ganz so roh wie die Vorgänger, aber trotzdem kraftvoller als die Aufnahmen aus dem Netz vermuten ließen, zeigte sich die Band dann auch auf der Bühne. Screams oder Hardcore-Elemente gab es keine mehr; wobei man darüber spekulieren kann, ob sich das mit Josh – nach Angaben der Band für "random noises“zuständig – noch etwas ändern wird. Neu hinzu kamen dafür Piano und weibliche Vocals, die sich gut in das Gesamtbild einfügen.

{image}Der "Probelauf" in Wiesbaden kann als durchaus gelungen gewertet werden. Neben dem Musikalischen hat an diesem Abend besonders auch die Atmosphäre gepasst. Die kleine, ausverkaufte Räucherkammer des Schlachthofs vermittelte schon fast das Gefühl eines Wohnzimmerkonzerts. Bei seinem letzten Besuch sah sich Gray nebenan in der großen Halle noch zehn mal so vielen Besuchern gegenüber und diese sich bei diesem Mal dafür sehr viel näher an den Akteuren. Zur Belustigung (fast) aller Anwesenden sorgte die Eigendynamik des Konzerts teilweise auch für ungewollte intensivere Annäherungen zwischen Bühne und erster Reihe, die so nur schwer zu überbieten sein dürften. Die Band präsentierte sich äußerst gut gelaunt und noch publikumverbundener als ohnehin schon bekannt. Sie feierten auch noch noch im Anschluss an ihren Auftritt munter mit ihren Fans weiter. Das Mammutprogramm der Tour von 17 Konzerten an ebenso vielen Tagen merkte man ihnen jedenfalls nicht an.

Ob die neue Band das Potential dazu hat, eine ähnliche Anhängerschaft wie die Vorgänger zu gewinnen, lässt sich nur schwer vorhersagen. Man wird sehen, in wie weit es gelingen wird, einerseits die alten Boysetsfire-Fans – dem Stilwechsel zum Trotz – bei der Stange zu halten, andererseits aber auch neue Freunde in anderen Lagern zu finden. Pläne sind jedenfalls reichlich vorhanden: Nach der laufenden Europa- und der anschließend folgenden US-Tour geht es erst einmal ins Studio. Im September soll dann schon die nächste Europa-Tour folgen – vielleicht sogar mit einem Album im Gepäck.

Fotos: The Casting Out

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Fotos: Dear Diary

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