Die Hauptstadt präsentierte dem Punkrock-Barden Frank Turner zum sechsten Mal in diesem Jahr eine restlos ausverkaufte Location.

Die Hauptstadt präsentierte dem Punkrock-Barden Frank Turner zum sechsten Mal in diesem Jahr eine restlos ausverkaufte Location. © Erik Weiss

Wie macht der Mann das bloß? Frank Turner sieht wahrlich nicht aus wie eine durchtrainierte Sportskanone, und dennoch steht der Brite seit 2004 jedes Jahr aufs Neue mindestens 250 Mal auf der Bühne und bietet dabei jeden Abend in eineinhalb Stunden mehr Hochleistungssport, als so mancher Bundesliga-Kicker an einem Samstag-Nachmittag. Die Hauptstadt weiß das zu schätzen und präsentiert dem Punkrock-Barden zum sechsten Mal in diesem Jahr eine restlos ausverkaufte Location. Da lassen wir uns natürlich nicht lange bitten und stürzen uns mitten hinein ins Postbahnhof-Getümmel.

{image}Ein derartiges Pensum verlangt natürlich auch ein gewisses Maß an Disziplin. Demzufolge ertönen um Punkt 20 Uhr die ersten Klänge des schottischen Supports The Xcerts. Eine halbe Stunde später hat das Trio ausgedient, gefolgt von einer ebenso langen Umbauphase und einem – fast auf die Minute genau getimten – eineinhalbstündigen Gig des Haupt-Acts. Es gab Zeiten, da präsentierte sich die Punkrock-Attitüde noch wesentlich chaotischer als an diesem Abend im Berliner Postbahnhof. Doch der Reihe nach: The Xcerts kommen aus Aberdeen, haben mit Scatterbrain ein durchaus beachtliches Debut im Gepäck und geben sich wahrlich Mühe, für erste Zuckungen unter den Beteiligten zu sorgen. Ihr intensives Potpourri aus Emo-Grunge und Indie-Rock sorgt aber lediglich für standardisierten Achtungs-Applaus im bereits gut gefüllten Saal. Das ist schade, denn der Dreier hat einiges zu bieten. Sänger Murray McLead wirbelt wie ein Mix aus Kurt Cobain und Dave Grohl über die Bühne, der satte Sound sorgt auch in der hintersten Ecke für klanglichen Genuß und der vertrackte "Disturbed Pop" ihrer Songs kommt live um einiges eindringlicher daher als auf Platte. Leider interessiert das nur wenige. Die Meute will Singalong-Hymnen, vier Akkorde und das Recht auf einen tanzbaren Abend voller hochgereckter Bierbecher und heiserer Kehlen. Kurzum: Die Leute wollen Frank Turner.

Bitteschön! Die ersten DieHard-Fans gehen schon breitbeinig in Stellung, als um 21 Uhr die Lichter ausgehen und Eulogy durch die PA dröhnt. Alles ist angerichtet, und Frank Turner (→ Fotogalerie vom 10.6.11: Turner live im Huxleys) und seine Sleeping Souls laufen gleich zu Beginn zu Hochform auf. Spätestens bei den ersten Klängen von The Road gibt es unter der wilden Horde vor der Bühne kein Halten mehr. Die Fäuste in die Luft, die Augen zu und ab dafür. "Allet jut Berlin?" erkundigt sich der Protagonist überraschend akzentsicher nach dem Befinden seiner Augen- und Ohrenzeugen. Wie eine Meute hypnotisierter Jünger kleben die Fans an Turners Lippen und unterstützen den bestens aufgelegten Insulaner bei nahezu jeder gesungenen Silbe. Das Hauptaugenmerk liegt natürlich auf der aktuellen Scheibe England Keep My Bones. Doch auch ältere Kaliber wie Sons Of Liberty oder das grandiose Finale Photosynthesis werden vom Publikum abgefeiert, als gebe es kein Morgen.

{image}Dazwischen sorgt die Gegenwart für permanente Begeisterungsstürme: Wessex Boy, I Am Disappeared, Glory Hallelujah; kaum ein Vierminüter seines letzten Outputs wird ausgelassen. Auch ein komplett neuer Erguss wird der lechzenden Masse vorgetragen: Cowboy Chords dient im Mittelteil des Sets allerdings eher zur Beruhigung der ausschweifenden Szenerie. Neben der fehlerfrei dargebotenen musikalischen Komponente entpuppt sich der schlaksige Punkrock-Troubadour zwischen den Songs gewohnt sympathisch als Geschichtenerzähler, Comedian und Entertainer erster Klasse. "Seid ihr krank? Seid ihr müde? Oder seid ihr Österreicher?" Frank Turner weiß genau, wie er das Volk wieder zum Kochen bringt, wenn es dem Guten zu ruhig wird.

Dazu gehört auch ein immer wieder eingestreuter "Deutsch-für-Anfänger-Schlagabtausch" mit seinem Keyboarder Matt Nasir, den der Tastenhauer letztlich eindeutig für sich entscheidet. Mit dem Queen-Klassiker Somebody To Love erreicht die Veranstaltung kurz vor den Zugaben ihren ultimativen Höhepunkt, ehe die ausgelassene Party nach exakten eineinhalb Stunden ihr wohlverdientes Ende findet. Die hundertfache Gefolgschaft macht sich durchgeschwitzt und seelisch beglückt auf den Heimweg und nicht wenige summen am S-Bahn-Steig noch wie in Trance vor sich hin: "Now who would’ve thought that after all, something as simple as Rock’n Roll would save us all?" Tja, wer hätte das gedacht. Danke, Frank.

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