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Molotow (Bilder aus dem gleichnamigen Buch von Sebastian Meißner) © Marco Sensche

St. Paulis berühmtester Kellerladen und einer der wichtigsten Rockclubs Europas wurde 2015 25 Jahre alt. Grund genug für den Kulturwissenschaftler Sebastian Meißner, einen eindrucksvollen Bildband mit Fotos, Anekdoten und Interviews zu veröffentlichen.

Keine emporgereckten Gitarren, keine stagedivenden Sänger: auf dem Titelbild von "Molotow" sind die Zuschauer zu sehen. Ekstatisch feiernde, verschwitzte junge Menschen, die einen typischen Abend in Hamburgs rauestem Club zelebrieren. Auch wer das Buch aufgeklappt auf die Seiten legt, erkennt nicht gleich, wer hier bejubelt wird. Es ist die deutsche Band Madsen, die am 14. Dezember 2013 das vermeintlich letzte Konzert im Kellerclub an der Reeperbahn gab.

Doch die Geschichte des Molotow sollte weitergehen.

Die Chronik eines besonderen Clubs

Sebastian Meißners "Molotow – das Buch" nimmt das 25jährige Bestehen des Clubs zum Anlass, mehr als 300 ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Fotos neben klug eingestreuten Anekdoten und Hintergrundinformationen zu versammeln. Der Journalist und promovierte Kulturwissenschaftler Meißner, selbst seit mehr als einem Jahrzehnt St. Paulianer, hat erfahrene Konzertfotografen wie Stefan Malzkorn tief in ihren Archiven wühlen lassen, und in mühevoller Kleinarbeit zusätzlich Amateurfotografien zusammengetragen.

Vom ersten Konzert im ehemaligen Flamenco-Café gibt es keine Bilder: Teenage Fanclub spielten am 4. Juni 1990 vor zwölf zahlenden Zuschauern. Überhaupt sind kaum Fotos aus den ersten zehn Jahren zu sehen, einige der ältesten zeigen die Toten Hosen beim Kickern.

Bands mit Helm auf der Bühne

Niedrige Decke, hohe Temperaturen, keine Absperrung vor der Bühne: wenn es noch heißer wäre, würde der Beton von der Decke tropfen, beschreibt Deniz Tek von der australischen Punkband Radio Birdman die Atmosphäre. Im Molotow gaben Bands wie The Hives, The White Stripes, Mando Diao oder Mumford & Sons ihre ersten Deutschlandkonzerte überhaupt.

Die Nähe zu den Fans und die einmalige Lage auf dem Kiez beschreiben fast alle Bands in ihren kurzen Würdigungen neben den Fotos. "Finally a fucking Rock'n'Roll Club in Germany", ist der Kommentar von Peaches, die hier 2001 auftrat. Auf der ersten Bühne im noch jungen Molotow traten einige Bands mit Helm auf, so groß war die Stoßgefahr am Beton. Der Backstage-Bereich war jahrzehntelang eine umgebaute Toilette ("claustrophobic, but cozy" laut Friska Viljor).

Einmal Reeperbahn, immer Reeperbahn

Die Kurz-Zitate der Protagonisten sind stets von erfrischender Offenheit, die Band Trümmer oder Rick McPhail von Tocotronic haben sogar kleine Aufsätze geschrieben. Letzterer nimmt, ungewöhnlich in der Branche, kein Blatt vor den Mund, wenn es um schlechte Konzerterfahrungen geht: "I remember seeing The Killers there with about 20 people. I thought they sucked then and still suck."

Nur Minuten nach dem Gig von Madsen 2013 wurden die sogenannten "Esso-Häuser" wegen angeblicher Einsturzgefahr geräumt. Die Boulevard-Presse spekulierte zu Unrecht, Madsen seien für die Risse im Fundament verantwortlich. Im Mai 2014 wurden die Gebäude abgerissen, die Zukunft des Molotow schien ungewiss. Doch der Indie-Club bezog ein vorübergehendes Exil in der Holstenstraße, und im September 2014, pünktlich zum Reeperbahn Festival, fand man eine langfristige Heimat in den Räumen der ehemaligen China Lounge am anderen Ende der Reeperbahn.

Das Molotow: eine Hamburger Institution

All das kommt in einem Interview zur Sprache, das der Autor mit dem langjährigen Betreiber Andi Schmidt führte. Dessen Widerborstigkeit würdigt Oke Göttlich vom benachbarten FC St. Pauli in einem Gastbeitrag, und die Molotow-Booker Fred und Mario berichten über den Kampf um jeden Zuschauer und das veränderte Live-Geschäft. Dass Meißner nicht nur der Club, sondern auch Live-Musik in ihrer verschwitzten, dreckigen Gesamtheit am Herzen liegt, beweist die Sektion "Brüder im Geiste", die in kurzen Portraits verwandte Läden wie das CBGB in New York City und den 100 Club in London vorstellt.

Das angemessen schlichte Layout von Daniel Behrens, der nur die Farben schwarz, weiß, und Molotow-Rot verwendet und das schöne, feste Papier machen das Buch zu einem Pflichtkauf für jeden, der ästhetische Rockfotografie schätzt. "Hamburg ohne Molotow ist wie ein Matjesbrötchen ohne Fisch – NIX WERT!" schreiben die Sportfreunde Stiller auf ihrer Seite. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Sebastian Meißner: Molotow – das Buch, Junius Verlag, 160 Seiten, ca. 300 Abbildungen, 22,90 Euro.

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