Agnes Obel (2020)

Agnes Obel (2020) © Alex Brüel Flagstad

Nachdem sich Agnes Obel für die Produktion ihres jüngsten Albums "Myopia" (2020) hermetisch in einem Studio in Berlin eingeschlossen hatte, geht sie anschließend direkt auf Tour: Eine Station, die sie mit ihrer ausgezeichneten Band besucht, ist das Mannheimer Capitol.

"Myopia" ist das mittlerweile vierte Album der dänischen Sängerin und Pianistin Agnes Obel, auf dem sie den Pfad in experimentell-elektronischer Gefilde weiter verfolgt, der sich bereits auf dem Vorgänger "Citizen of Glass" ankündigte. 

Auch Obels Live-Performance im ausverkauften Capitol Mannheim steht im Zeichen der (subtilen) Elektronik. Anfangs sind es aber nur einige Keyboards, die das mit Klavier, Streichern und Drumkit beinahe neoklassische Instrumentarium durchbrechen. 

Fortschritt

Doch spätestens nach dem von Agnes Obel solo auf dem Klavier vorgetragenen Opener, der noch stark dem reduzierten Sound ihres Debüts "Philharmonics" verhaftet ist, zeigt sich die neue Richtung: Die dreiköpfige Backing-Band der Musikerin sorgt dafür, dass sich unter Obels intensivem Pianospiel und ihren expressiven Vocals eine neue Welt voller instrumentaler Tiefe öffnet. 

Die Band schafft es, mit begrenzten Mitteln insbesondere durch ihr Live-Looping eine beeindruckende Atmosphäre zu schaffen. Dass sämtliche Musikerinnen auch als Background-Sängerinnen, mal mit "normaler", mal mit gepitchter Stimme fungieren, bereichert den Klangkosmos zudem ungemein. 

Alles nur geliehen?

Obwohl es einzig Obel ist, die sich in erstaunlich sicherem Deutsch an das Publikum wendet und auch während der Show durchaus als Anführerin im Vordergrund steht, trägt die Verbindung der Musikerinnen viel zur positiven Stimmung der Show bei. 

Nicht nur, dass die Band perfekt eingespielt agiert; sie scheinen einander alle auch freundschaftlich miteinander verbunden zu sein, und schaffen es so, nicht lediglich den Eindruck von hired guns im Hintergrund zu erwecken. 

Erfolg mit Emotion

Wenn es überhaupt etwas zu kritisieren gibt an diesem Abend, dann ist dies wohl der teilweise zu sehr auf klimaktischen Pomp angelegte Sound, dem im Live-Mix zusätzlich ein wenig Klarheit und Dynamik fehlt.

Agnes Obels Tendenz, den emotionalen Ausdruck ihrer Songs live mit treibendem Chorus und grandiosem Finale zu unterstreichen, nimmt den Songs ein wenig ihre Eigenheiten – was insofern schade ist, als die Musikerin durchaus Talent für abwechslungsreiche und spannende Kompositionen abseits gängiger Pop-Schemata besitzt.  

Angesichts von Obels ansteckender Energie, der hervorragend durchkomponierten Setlist und der instrumentale Klasse ihrer Band fällt diese Kritik jedoch nicht sehr ins Gewicht. Das Publikum feiert den Auftritt in jedem Fall mit Standing Ovations, und möchte die Dänin auch nach ihren zwei Zugaben nicht von der Bühne gehen lassen.

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