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Iced Earth (live in Wiesbaden 2018) © Torsten Reitz

Iced Earth bieten im Schlachthof Wiesbaden eine Show auf musikalisch hohem Niveau, die aber leider nicht mitreißen kann. Daran nicht ganz unschuldig sind große Fußstapfen und ein ohrenbetäubendes Bass-Drum-Gewitter.

Der heutige Support-Act Freedom Call scheint die positive Stimmung von Helloween-Klassikern wie "Future World" und "Dr. Stein" verdichtet und verstärkt zu haben, um das ganze Fröhlichkeitsgebräu anschließend der Band als Konzept zugrunde zu legen.

Gleich beim Opener "Union of the Strong" zeigt sich Sänger und Rhythmus-Gitarrist Chris Bay bester Laune und steckt damit auch sogleich das Publikum an.

Metal für den Weltfrieden

Der sympathische Frontmann zieht Grimassen und nutzt seine Pausen an der Gitarre für wilde Gestik, animiert das Publikum bei Songs wie "United Alliance" und "Heart Of A Warrior" zum Mitsingen und gibt mit viel Witz und Selbstironie seine Metal-Weisheiten zum Besten.

So macht er vor "Warriors Of Light" deutlich, was wir intuitiv alle längst wussten: Ansagen auf Englisch klingen im Metal irgendwie cooler als deutsche ("Haben wir hier heute Abend einige Krieger des Lichts?"). Daneben plädiert er vor dem Song "Metal Is For Everyone" für Metal als ultimatives Mittel für Völkerverständigung und "Friede auf Erden".

Obgleich der Happiness-Overkill vielleicht nicht jedermanns Sache sein mag, bietet die in Nürnberg gegründete Band eine absolut runde und überzeugende Show mit jeder Menge Entertainment – und das obwohl aufgrund "kommender familienplanungs-technischer Gründe" Schlagzeuger Ramy Ali ersetzt werden musste.

Laut, lauter, Iced Earth

Als Iced Earth mit "Great Heathen Army", dem Opener des aktuellen Albums "Incorruptible", die Bühne stürmen, wird schnell vor allem eines klar: Iced Earth sind laut – gefühlt doppelt so laut wie Freedom Call. Ein fettes Riff, ein hoher Schrei – und los geht's. Rhythmusgitarrist und Iced Earth-Mastermind Jon Schaffer zeigt sich in gewohnter Optik mit Bandana, langem Bart und breitbeiniger Pose, während er mit beachtlicher Präzision seine Les Paul bearbeitet.

Auch Sänger Stu Block lässt sich nicht lumpen und gibt stimmlich Vollgas. Aufgrund der hohen Ähnlichkeit seines Baritongesangs zu dem seines Vorgängers Matthew Barlow, dessen ausdrucksstarke Stimme Iced Earth maßgeblich prägte und stark an dem Erfolg der Band beteiligt war, ist ein Vergleich nahezu unumgänglich – obwohl Stu Block bereits vor mehr als sechs Jahren das Ruder übernommen hat.

Block vs. Barlow

Bereits beim zweiten Song, dem großartigen "Burning Times" vom 1998er Meilenstein "Something Wicked This Way Comes", zeigt sich, dass ihm die Barlow-Kopie weitgehend gelingt, seine Stärken jedoch eigentlich ganz woanders liegen: So singt er jeweils den zweiten Teil der Strophen in kraftvoller Kopfstimme und schafft es dadurch, dem Song seine eigene, interessante Note zu verpassen.

Immer wieder setzt er gekonnt diese Technik ein und erreicht bei Songs wie "Dystopia" oder auch am Ende des weiteren Barlow-Klassikers "I Died for You" zwischenzeitlich Tonhöhen, bei denen sogar ein junger Rob Halford neidisch werden könnte.

Ungenutztes Potential

Zwischendurch wechselt er immer wieder zu einem tieferen, aggressiveren Ton, der fast wie ein Fauchen klingt. Auffällig ist dabei, dass der technisch versierte Block umso mehr überzeugt, je weiter er sich stimmlich von seinem Vorgänger entfernt – die Imitation des Originalgesangs bleibt eben immer nur Imitation.

Häufig hat man das Gefühl, der eher drahtige Sänger müsse sich zu sehr bemühen, den kraftvollen, voluminösen Sound Barlows zu kopieren. Auf der Strecke bleibt dabei leider auch das gleichzeitig melancholisch-leidende und bedrohliche Feeling, das Barlows Stimme transportierte.

Rhythmus-Ikone Jon Schaffer

Auch sonst krankt der Auftritt der US-Amerikaner in Wiesbaden etwas an mangelndem Feeling. Dabei gibt es musikalisch gesehen wenig zu meckern: Die Band spielt richtig tight, und Jon Schaffer ist als Rhythmusgitarrist nach wie vor über jeden Zweifel erhaben.

Sowohl bei neuen Songs wie "Seven Headed Whore" als auch Bandklassikern ("old-school shit") wie dem von Schaffer selbst gesungenen "Storm Rider" und "Travel in Stygian" erreichen Schaffers Hände eine Geschwindigkeit, die seine präzisen Anschläge eher wie ein kaum wahrnehmbares Zittern aussehen lassen.

Eisige Bandchemie

Was jedoch eindeutig fehlt, ist die Magie, das Feuer, die Leidenschaft der Band. Stu Block ist zwar sichtlich bemüht, das willige Publikum immer wieder zum Klatschen und Mitsingen zu animieren; die ganz große Euphorie will sich jedoch nie so recht einstellen. Zu sehr scheint es dem Frontmann an starker, vereinnahmender Bühnenpräsenz zu mangeln; zu sehr wirken seine heruntergeratterten Ansagen, als habe er sie bereits zigmal auf der Tour wortgleich wiederholt.

Auch dem Rest der Band gelingt es nicht, eine über die Dauer des Konzerts mitreißende Show abzuliefern. Eine besondere Chemie kommt zwischen den zusammengewürfelt wirkenden Mitgliedern zu keiner Zeit zum Vorschein, und die musikalische Darbietung wirkt bei aller Professionalität eher wie Arbeit als das Ausleben einer Leidenschaft. Wo kein Funke ist, kann eben auch leider keiner überspringen.

Ende der Eiszeit?

Als ungünstig erweist sich für den Gesamteindruck des Auftritts auch die zu hohe Lautstärke – obwohl man sich mit einer solchen Aussage bezüglich einer Metal-Band womöglich auf dünnes Eis begibt. Gegen Ende ist nicht ganz klar, ob die Band ungünstig abgemischt ist oder sich das eigene differenzierte Hörvermögen beim ununterbrochenen Double-Bass-Gewummer zwischendurch einfach verabschiedet hat. 

So hinterlassen Iced Earth einen zwiespältigen Eindruck, als sie sich nach den Zugaben "Clear the Way" und "Watching Over Me" vom Publikum verabschieden. Vielleicht wird die Band in Zukunft wieder auf ganzer Linie überzeugen können – falls die etwas neueren Mitglieder irgendwann tatsächlich in die Band hineingewachsen sind und Stu Block die Gelegenheit erhält, seine eigenen Stärken mehr zum Einsatz zu bringen.

Setlist Iced Earth

Great Heathen Army / Burning Times / Dystopia / Black Flag / Seven Headed Whore / I Died for You / Vengeance Is Mine / Brothers / Last December / Raven Wing / Prophecy / Birth of the Wicked / The Coming Curse / Stormrider / Angels Holocaust / Travel in Stygian //
Clear the Way (December 13th, 1862) / Watching Over Me

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