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Metallica (live in Köln, 2017) © Leonard Kötters

Nach längerer Abstinenz in deutschen Hallen feiern Metallica in der Kölner Lanxess Arena eine brachiale Rückkehr, die sich nicht nur aufgrund des regnerischen Wetters mehr als gewaschen hat.

Metallica-Fans mussten in den letzten Jahren geduldig sein, wenn sie ihre Helden hierzulande live erleben wollten. Zwar zeigten sich die vier Kalifornier regelmäßig auf größeren Festivals wie Rock am Ring, aber ein Hallenkonzert der Thrash-Legenden fand letztmals Ende der vergangenen Dekade statt.

Dementsprechend groß ist das Interesse, als sich Metallica dann endlich nach gefühlten Ewigkeiten einmal wieder in der Kölner Lanxess Arena präsentieren. Das Foyer und der Innenraum platzen bereits aus allen Nähten, als die Norweger von Kvelertak das Publikum mit ihrer Mischung aus Hardcore Punk, Rock'n'Roll und Metal in ihrer Muttersprache auf den Abend einstimmen.

Was lange währt…

Anschließend ist Warten angesagt. Metallica wissen um ihren Kultstatus und lassen sich auch angemessen feiern. Aus dem Rund ertönen nach und nach ein paar lautstarke Pfiffe, bei denen sich nicht klar beurteilen lässt, ob sie die Kalifornier lediglich vor ihrem Bühnengang unterstützen möchten oder ob sich allmählich ein leichter Unmut unter den Zuschauern breitgemacht hat.

Irgendwann wird dann doch alles gut. Wie bei Metallica bereits seit Urzeiten Usus, ertönen die Klänge von Ennio Morricones "The Good, The Bad & The Ugly" vom Band, und auf den Videowürfeln oberhalb der mitten in der Arena werden in VHS-Qualität die dazugehörigen Szenen aus dem Western "Zwei glorreiche Halunken" mit Clint Eastwood gezeigt. Kurz danach wird es sehr viel härter, wenn auch ähnlich atmosphärisch.

… wird endlich laut

Mit "Hardwired", dem Opener ihres aktuellen Doppelalbums, stürmen Metallica auf die Bühne und haben die Fans gleich ab der ersten Sekunde auf ihrer Seite. Hart, brutal, rotzig und energiegeladen ist das, was da transparent aus den Boxen über die Zuschauer hereinbricht. Auch knapp 35 Jahre nach ihrem Debüt sind die Mannen um Frontmann James Hetfield und Drummer Lars Ulrich anscheinend immer noch in der körperlichen Verfassung für Thrash und haben sichtlich Bock auf die brachiale Gangart. Die Fans in der prallgefüllten Lanxess Arena danken es ihnen.

Das war in den letzten zwanzig Jahren nicht unbedingt immer der Fall, veröffentlichten die Kalifornier, seitdem sie mit dem "Black Album" zu kommerziellen Höheflügen ansetzten, doch eine ganze Reihe etwas durchwachsener Platten. Wohlweislich haben Metallica die Periode von 1992 bis 2008 bei ihrer ersten Deutschlandshow auf dieser Tour dann auch komplett ausgeklammert. Was sie dem Publikum auftischen, ist ein stahllastiges Feinschmeckermenü aus Klassikern der Anfangszeit wie "Seek & Destroy", garniert mit diversen neuen Stücken des auch live überraschend guten "Hardwired… To Self-Destruct".

Bis die Wände wackeln…

Waren Megadeth rund um den einstigen Metallica-Mitstreiter Dave Mustaine über weite Strecken die etwas virtuosere Thrash-Combo, so machen James Hetfield und Co. das speziell auf der Bühne durch umso mehr rohe Energie wett. Die vier Kalifornier sind eine echte Urgewalt – was sie auch in Köln einmal mehr eindrucksvoll demonstrieren. Spätestens ab "Dream No More" muss man als Zuschauer den Erbauern der Lanxess Arena dafür danken, dass sie die Halle auf ein solides Fundament gestellt haben. Ansonsten würden die Tribünen wohl unter dem massiven Druck einfach zusammenbrechen.

Dazu passt ebenso eine in "Now That We’re Dead" integrierte Percussion-Einlage, bei der schließlich alle vier Bandmitglieder auf rund um Ulrichs Schlagzeug aus dem Boden hervortretenden Würfeln mit Drumpads sich überzeugend als Trommler versuchen dürfen. Metallica können es also auch beim neuen Ausgangsmaterial nicht nur knüppelhart, sondern ebenso groovig. Die Demonstration, dass Leadgitarrist Kirk Hammett und Basser Robert Trujillo zu zweit in der Lage sind, beispielsweise "Blackout" von den Scorpions anzuspielen, wäre hingegen verzichtbar gewesen.

Zwischenzeitlicher Cliff-Hanger

Dieses Duett ist der Beginn eines ersten kleinen Durchhängers, der Gott sei Dank allerdings nicht lange andauert. Metallica sind zwar alteingesessene Coverveteranen, aber Queens "Stone Cold Crazy" mag in Köln irgendwie nicht so recht zünden und erweist sich an diesem Abend als leichter Rohrkrepierer inmitten des restlichen hochexplosiven und beinahe nobel(preis)verdächtigen Gemischs. Dem Stück geht in der Lanxess Arena nicht nur die Finesse der ursprünglichen Version vom britischen Quartett um Freddie Mercury ab, sondern ebenso der bratzige Charakter von Metallicas eigener Studiovariante.

Mit dem anschließenden "Creeping Death" und seinen pyrotechnischen Salven sind die Kalifornier dann aber endgültig wieder auf der (richtigen) Überholspur. Beschränkten sich die Effekte bis zu diesem Zeitpunkt fast nur auf die Einblendungen der Videowürfel, so greifen Metallica nun auf mehr Gimmicks zurück. Bei "Moth Into Flame" schwirren beispielsweise Dutzende kleiner Leuchtdrohnen wie die Motten aus dem Songtitel über der Band umher, und mit dem Anspielen von "Anesthesia (Pulling Teeth)" huldigt Trujillo seinem längst verstorbenen Vorgänger Cliff Burton.

Eine große metallische Familie

Zugute kommt Metallica bei der ganzen Geschichte, dass die beinahe wie ein Landefeld aussehende Bühne dabei mitten im Publikum aufgebaut ist und die vier Musiker sich in alle Himmelsrichtungen bewegen können. Diese Konstruktion steigert das Fan-Erlebnis merklich, denn die Zuschauer im Innenraum sind – im wahrsten Sinne des Wortes – "mittendrin statt nur dabei". Mal begibt sich Trujillo hinunter zu ihnen und spielt direkt am Zaun Bass. Dann wiederum adressiert Hetfield mit einem 12-jährigen Jungen namens David ein neues Mitglied der "Metallica Family", das er zufällig in der ersten Reihe entdeckt hat.

Auch das Publikum auf den Tribünen kann sich allerdings nicht beschweren, sind doch gerade die drei Saitenmänner Hetfield, Hammett und Trujillo ständig auf der oktagonalen Bühne unterwegs. Somit kommt eigentlich jeder im Rund in den Genuss, seine Heroen einmal aus der Nahansicht zu Gesicht zu bekommen. Singen kann Frontmann Hetfield beispielsweise in jede Richtung, sind doch speziell zu diesem Zweck auf jeder Seite des "Landefeldes" Mikrofone aufgebaut. Da sind dann auch weitere visuelle Spezialeffekte, wie etwa knallbunte Farben, beinahe überflüssig – Metallica selbst fungieren als solche.

Energiegeladener Endspurt

In dieser Hinsicht ist es verzeihbar, dass die Kalifornier an manchen Stellen, wie beispielsweise dem Intro zum Klassiker "One", leichte Abstimmungsprobleme zu haben scheinen. Irgendwie passt das Timing zwischen Hetfield und Hammett kurzzeitig nicht so richtig. Dafür sitzt der maschinengewehrartige Teil des Stückes umso besser, und als Metallica dann direkt zu "Master Of Puppets" übergehen, kennt die Euphorie der Zuschauer sowieso praktisch keine Grenzen mehr. So gut wie jeder Einzelne in der Lanxess Arena singt aus voller Kehle den Text mit.

Diese Energie verlässt die Halle auch nicht mehr, bis Metallica sich schließlich mit "Blackened" und dem obligatorischen Doppelschlag aus "Nothing Else Matters" und "Enter Sandman" verabschieden, wobei die Powerballade im Rahmen des sonstigen stählernen Feuerwerks beinahe schon etwas deplatziert wirkt. Hätten die Kalifornier sie allerdings weggelassen, wären sie vermutlich von Teilen ihres Publikums gesteinigt worden. So bleibt "Nothing Else Matters" ein kurzer Verschnaufmoment in einer mehr als zweistündigen Show, die über weite Strecken dem ursprünglich für das Debütalbum "Kill ‘Em All" geplanten Titel mehr als gerecht wird – "Metal Up Your Ass".

Setlist

Hardwired / Atlas, Rise! / Seek & Destroy / Through The Never / The Day That Never Comes / Now That We’re Dead (mit Lars Ulrich Schlagzeugsolo und Percussion-Einlage) / Dream No More / For Whom The Bell Tolls / Halo On Fire / Kirk Hammett & Robert Trujillo Duett / Stone Cold Crazy / Creeping Death / Moth Into Flame / Sad But True / One / Master Of Puppets // Blackened / Nothing Else Matters / Enter Sandman (mit The Frayed Ends Of Sanity-Outro)

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