Abbas Khider (Pressebild, 2016)

Abbas Khider (Pressebild, 2016) © Peter-Andreas Hasspien

"Ohrfeige", das neueste Werk des Schriftstellers Abbas Khider steht im Mittelpunkt der Lesung im Rahmen von lesen.hören 10 in der Universität Mannheim. Gleich zu Beginn stellt der Schriftsteller fest: "So aktuell ist das Thema Flüchtlinge wirklich nicht."

Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, war selbst einmal Flüchtling und kam nach Jahren auf der Flucht im Jahr 2000 nach München. Wie kaum ein anderer versteht er es deshalb, die Schicksale von Flüchtlingen einzufangen und auf Papier zu bannen.

Am Abend des 27. Februars liest er in einem Hörsaal der Universität Mannheim im Rahmen des Literaturfestivals lesen.hören aus seinem bislang vierten Roman "Ohrfeige". Zwischendurch stellt ihm Jenny Friedrich-Freksa, Chefredakteurin der Zeitschrift Kulturaustausch, Fragen zur Geschichte und zur derzeitigen Lage in Deutschland.

Alte Bekannte

Friedrich-Freska und Khider kennen sich bereits seit zehn Jahren, denn im Jahr 2006 erschien im "Kulturaustausch" ein Artikel über den Autor, der mittlerweile einen deutschen Pass besitzt. So ist auch das Gespräch ein freundschaftlicher Austausch, der fast wie zufällig vor den fast ausverkauften Rängen des Hörsaals stattfindet. 

Zu Beginn stellt Khider seinen Roman "Ohrfeige" kurz vor. Er handelt von einem jungen Flüchtling, der zwar in Deutschland angekommen ist, nun aber viele Probleme mit den Behörden hat und sich nicht zurechtfindet. Bei einem weiteren zermürbenden Termin im Ausländerbüro fesselt er kurzerhand seine Sachbearbeiterin und zwingt sie so dazu, ihm endlich einmal zuzuhören. Der Autor liest voller sprudelnder Gefühle vor, was sich nicht nur in seiner Stimme, sondern vor allem in den wilden Gesten ausdrückt, mit denen er die Geschichte und seine Dialoge ausschmückt.

Mittendrin und doch unendlich weit entfernt

Thema der Lesung ist beispielsweise das größte Problem des Flüchtlings in Bayreuth, nämlich die boshafte europäische Winterkälte. Ihr kann man nur mit dem sogenannten "Wärmetankstellenprinzip" entgegentreten, das darin besteht, dass man von Laden zu Laden geht, um sich dort immer wieder aufzuwärmen.

Der beste und interessanteste Ort für die Bayreuther Flüchtlinge ist das große Shoppingcenter, in dem man sich nicht nur aufwärmen, sondern auch die normalen Leute beobachten kann. So schlägt man Zeit tot und träumt davon, so zu sein wie die Deutschen. Man ist mitten unter ihnen und doch meilenweit von ihnen entfernt.

Humor als Waffe gegen die Verzweiflung

Obwohl das Thema des Abends ein ernstes ist, brechen die Anwesenden immer wieder in Gelächter aus. Der Roman ist aus der Sicht des Protagonisten geschrieben und sehr lustig, obwohl es sich eigentlich um eine Geschichte der Hilflosigkeit handelt. 

Khiders Werk ist eine Einführung in die Welt des Schubladendenkens, eine Erklärung dafür, wie und warum die Flüchtlinge es so schnell schaffen in dieser Welt anzukommen und mehr oder weniger unbehelligt durchs Leben zu kommen. Dass dabei eine Parallelgesellschaft mit ganz eigenen Regeln entsteht, ist sowohl selbstverständlich als auch höchst bedenklich.

Zwischen Himmel und Hölle

Der Autor erfuhr am eigenen Leib, wie es ist, in Deutschland Flüchtling zu sein. Die Unterlegenheit ist ständig zu spüren und wer unterlegen ist, dem wird nicht zugehört. Lügen gehört zum Alltag, denn wer die Wahrheit erzählt, verliert im schlimmsten Fall alles. 

Der Hausmeister des Flüchtlingsheims trägt den Spitznamen Ezrael, denn so heißt der Todesengel mit den zwei Gesichtern. Wenn der Hausmeister die Post der Ausländerbehörde bringt, zeigt er eines der beiden Gesichter und führt den jeweiligen Flüchtling entweder ins Paradies oder in die Hölle.

Klare Meinung

Auf die Frage, ob es wirklich so schrecklich sei als Flüchtling in Deutschland, möchte Khider zunächst nicht antworten und eine Meinungsbildung den Lesern überlassen. Dann kann er sich aber doch nicht zurückhalten: "Ja, es ist unglaublich schrecklich."

Am schlimmsten sei für die Asylbewerber die monatelange Ungewissheit, ob sie bleiben können oder nicht. Integration sei schwierig bis unmöglich, wenn man in der ständigen Angst lebe, abgeschoben zu werden. 

Silvester in Köln als Stunde Null

Obwohl er das Buch bereits im Jahr 2012 begann, wird es nun mit dem Hintergrund der Silvesternacht in Köln gelesen. Dies behagt dem Autoren nicht gerade. "Buch der Stunde, was soll das heißen? Dass das Buch von 18 bis 19 Uhr aktuell ist und dann nicht mehr? Ich schreibe literarische Werke, die zeitlos gelesen werden sollten."

Das Bild des Arabers hat sich jedoch schon viel früher gewandelt, nämlich seit 9/11: "Früher war das Bild des Arabers das eines Mannes, der im Kreis von Bauchtänzerinnen sitzt und mit Geldscheinen wirft, seit dem 11. September sind die Frauen verschleiert und der Mann wirft mit Bomben. Der wichtigste Ausdruck für Araber ist "verdächtig" geworden."

Das Publikum kann die widersprüchlichen Gefühle des Schriftstellers nachempfinden, diese Mischung aus Verzweiflung und Humor. Ein bereichernder und lustiger Abend, der nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Mitfühlen anregt.

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