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Bilder: Dominic Pencz © Dominic Pencz

Wenn Rocklegenden altern, weiß der Zuschauer oft nicht, was ihn auf Konzerten erwartet. Bei Judas Priest sind solche Sorgen unbegründet. Die Mannen um "Metal God" Rob Halford zeigen sich in der Frankfurter Jahrhunderthalle in so bestechender Form wie schon lange nicht mehr.

Eigentlich waren Judas Priest ja bereits weg vom Fenster. Die ausgedehnte "Epitaph"-Tournee sollte ihre letzte sein, und noch vor deren Ende stieg Gründungsmitglied K.K. Downing wegen Differenzen mit der restlichen Band und dem Management aus. Doch dann kam alles anders, denn Totgesagte leben ja bekanntlich länger. Der wesentlich jüngere Gitarrist Richie Faulkner stieß als Ersatz zu den Metalheroen – und plötzlich war vom Rückzug aufs Altenteil keine Rede mehr.

Mit dem überraschend starken, nach klassischem Judas Priest klingenden Album "Redeemer Of Souls" meldete sich die Gruppe im vergangenen Jahr zurück und beehrte zunächst Nordamerika mit ihrer Präsenz. Nach einigen Auftritten in diesem Frühling kehren die gesetzten Herren aus dem englischen Birmingham zum Jahresausklang erneut zurück nach Deutschland. Die gut gefüllte Frankfurter Jahrhunderthalle ist die erste von zwei hiesigen Haltestellen der Band um Saitenmann Glenn Tipton.

Die Reaktion auf den Terror

Bei der Einlasskontrolle fallen dem geübten Konzertbesucher direkt die Konsequenzen aus den Ereignissen der letzten Tage auf. Die Sicherheitsbestimmungen scheinen um einiges strikter geworden zu sein. Taschen und Rucksäcke sind ungeachtet des Inhalts völlig tabu, ebenso Kompaktkameras, selbst wenn einige es dennoch irgendwie schaffen, ihre Mini-Fotoapparate hinein zu schmuggeln.

Zunächst betreten The Dead Daisies die Bühne. Das aktuelle Zugpferd der All-Star-Band ist Ex-Thin Lizzy-Basser Marco Mendoza, aber auch die restlichen Mitglieder sind allesamt etablierte Gesichter. Die Gruppe bietet bluesgetränkten Hardrock und mischt eigene Stücke mit Covers. Beim durch Deep Purple bekannten "Hush" machen die Zuschauer sogleich freudig mit. Große Resonanz erhält zudem die kraftvolle Version des Beatles-Klassikers "Helter Skelter", mit dem die Vorgruppe ihr Set beschließt.

Die Qual der Wahl

Nach der Umbauphase gibt es gleich zwei Intros aus der Dose. Der ewige Klassiker "War Pigs" der Birminghamer Kollegen von Black Sabbath macht den Anfang, bevor Judas Priests eigenes "Battle Cry" ertönt. Danach fällt der in blau gehüllte Vorhang mit dem Schriftzug der Gruppe und mit "Dragonaut", dem Opener der aktuellen Scheibe, beginnt die wilde Fahrt durch die Bandgeschichte. Denn der Fünfer aus der Stahlkochermetropole schiebt mit "Metal Gods" gleich den ersten Evergreen hinterher.

Wer derart viele Songs zur Verfügung hat wie Judas Priest, muss bei der Songauswahl immer wieder harte Entscheidungen treffen. Wünschenswert wäre etwas von "Defenders Of The Faith" oder "Sin After Sin" gewesen. Diese beiden Kultplatten werden allerdings am heutigen Abend ebenso sträflich ignoriert wie das Reunion-Album mit Rob Halford, "Angel Of Retribution", und die ambitionierte, aber unter den treuen Jüngern der Priester höchst umstrittene Metalloper "Nostradamus".

Hang zum Klassischen

Die Band konzentriert sich bei den aktuellen Terminen dafür lieber auf ihre goldenen Anfangsjahre von 1976 bis 1982. Es ist ihnen hoch anzurechnen, dass sie nicht, wie so viele andere etablierte Gruppen, einfach ihr Standardprogramm abspulen, sondern weiterhin mit jeder neuen Tour die Setlist komplett umkrempeln. Ihr vielleicht berühmtestes Frühwerk "Victim Of Changes" bleibt dabei aber eigentlich immer eine der tragenden Säulen ihres Liveprogramms, so auch in der Jahrhunderthalle.

Dieses erste große Highlight bietet dann auch augenblicklich Rob Halford die Gelegenheit, zu demonstrieren, wie gut seine stimmliche Verfassung derzeit ist. Während er sich anfangs auch beim Singen dezent im hinteren Bereich der Bühne aufhält und nicht lange um den heißen Brei herumredet, lässt seine Leistung am Mikrofon keinerlei Kritik zu. Der Metal God schreit sich stellenweise so die Seele aus dem Leib, dass die Zuschauer einander das ein oder andere Mal ungläubig anschauen.

Der Metal God erwacht zu alter Stärke

Je länger die Show dauert, desto mehr taut Halford auf. Zu jedem Song taucht er in neuer Montur auf, sei es eine silberfarbene Jacke wie bei "Turbo Lover", ein metallisch-glitzerndes Outfit oder, wie zu besten Zeiten passend zu "Hell Bent For Leather", auf einem Motorrad sitzend in Lederkluft. Ganz allmählich wagt er sich auch immer wieder in die Nähe des Publikums, streut kurze Ansagen ein und beweist sukzessive, dass sein Ruf als einer der weltbesten Frontmänner nicht von ungefähr kommt.

Zum Ende des regulären Sets reihen sich die Klassiker schließlich nur so aneinander. Auf das langsam und sanft beginnende, später aber geradezu explodierende "Beyond The Realms Of Death" folgt sofort "Screaming For Vengeance", welches das aktuelle Zeitgeschehen mehr als treffend zu charakterisieren scheint. Nach der obligatorische Hommage an alle Rebellen wider Willen, "Breaking The Law", und "Hell Bent For Leather" verabschieden sich Judas Priest dann kurzzeitig von der Bühne.

So jung, wie man sich fühlt

Vom Band erklingt dann das kurze Instrumental "The Hellion", begleitet von den enthusiastischen Gesängen der Fans, und schon sind die metallischen Hohepriester mit "Electric Eye" wieder zurück auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Danach liefert sich Rob Halford erst einmal einen gesanglichen Schlagabtausch mit dem Publikum in bester Freddie Mercury-Gedächtnismanier. Rein äußerlich mag man dem Metal God sein Alter zwar ansehen, seiner Bühnenpräsenz tut dies jedoch keinen Abbruch.

Beim darauffolgenden ausgedehnten "You’ve Got Another Thing Comin‘" darf dann Frischling Richie Faulkner beweisen, in welche Regionen der Flitzefinger-Dimension er vordringen kann. Ihm ist deutlich anzusehen, wie viel Spaß er bei der ganzen Sache hat. Immer wieder interagiert er mit dem Publikum. Das Nesthäkchen hat der Gruppe nicht nur altersmäßig eine deutliche Frischzellenkur verpasst und erweist sich als würdiger Nachfolger des beinahe nicht wegzudenkenden Urgitarristen K.K. Downing.

Das beste Schmerzmittel

"Painkiller" mitsamt dem brachialen Schlagzeugintro von Drummer Scott Travis leitet die zweite Runde Zugaben ein, und erneut reiben sich die Zuschauer verwundert die Augen ob der stimmlichen Leistung von Rob Halford. Es wirkt fast, als hätte er die Zeit um Dekaden zurückgedreht. Jeder Ton in diesem Speed Metal-Feuerwerk sitzt und wird frenetisch bejubelt. Mit "Living After Midnight" entlassen Judas Priest ihre Fans schließlich, obwohl das letzte Stündlein des Tages gerade erst geschlagen hat.

Das begeisterte Publikum dürstet nach mehr. Minutenlang lassen sich die fünf Bandmitglieder von den Zuschauern für ihre Performance feiern und erhalten von den Rängen Standing Ovations. Wenngleich der Wunsch nach weiteren Zugaben unerfüllt bleibt, kann jeder der Anwesenden mehr als zufrieden nach Hause gehen. Judas Priest sind in der jüngeren Vergangenheit wohl in einen Jungbrunnen gefallen und haben in der Jahrhunderthalle in knapp über 90 Minuten wirklich alles gegeben, was möglich war. Mit einer Performance wie in Frankfurt können Rob Halford und seine Mannschaft so manches verlorengeglaubte Schäfchen in den Schoß der Gemeinde zurückholen.

Setlist

Dragonaut / Metal Gods / Desert Plains / Victim Of Changes / Halls Of Valhalla / The Rage / Turbo Lover / Redeemer Of Souls / Beyond The Realms Of Death / Screaming For Vengeance / Breaking The Law / Hell Bent For Leather // Electric Eye / You’ve Got Another Thing Comin‘ // Painkiller / Living After Midnight

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