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Dee Dee Bridgewater (live in Hamburg, 2015) © Rainer Merkel

Wieder einmal wird das Hamburger Elbjazz Festival von Kälte und Regen geplagt, doch grandiose Musik kennt keinen Gefrierpunkt: neben bekannten Bands begeistert bei der sechsten Festivalausgabe der US-Amerikaner Vijay Iyer mit seinem atemberaubenden Piano-Trio und der finnische Trompeter Verneri Pohjola mit melodischem Souljazz und Hardbop.

Einfach mal zuhören. Verneri Pohjola macht es vor. Der finnische Trompeter zieht sich in den Hintergrund zurück und überlässt seinem Quartett minutenlang die Bühne – mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Wenn ein Bandleader auch nach jahrelanger Arbeit mit einer Gruppe den Sound seiner Mitmusiker so zu schätzen weiß, soll das etwas heißen. Solche Freude an der Musik ist herzerwärmend – auch bei gefühlt fünf Grad plus.

Ein Querschnitt des modernen Jazz

Das Wetter meint es nicht gut mit den Hamburger Jazzfreunden, bereits im dritten Jahr in Folge. Eisige Winde und Regenschauer bestimmen insbesondere den zweiten Tag des Elbjazz Festivals. Die noch im Vorjahr vom Autor dieser Zeilen belächelten Funktionsjackenträger sind deutlich im Vorteil.

Über 50 Künstler treten beim Elbjazz Festival an zwei Tagen rund um den Hamburger Hafen auf. Im sechsten Jahr seines Bestehens kommt das Festival vornehmlich ohne die ganz großen Namen auf. Junge Bands, markante Sounds und ungewöhnliche Musiker-Kombinationen bestimmen das Programm. Ob soulig, rockig, groovig oder elektronisch tanzbar: das Elbjazz bietet einen Querschnitt durch den Jazz von heute.

Kurze Probe, guter Auftritt

Der Star des Festivals betritt schon am Freitag um 20 Uhr die große Bühne auf dem Werftgelände von Blohm+Voss: Dee Dee Bridgewater. Die Jazzsängerin aus Memphis, Tennessee ist Auftritte mit großen Big Bands gewohnt. Ihr aktuelles Album "Dee Dee's Feathers" nahm sie mit dem New Orleans Jazz Orchestra unter der Leitung des Trompeter Irvin Mayfield auf. Von denen hat es nur Mayfield über den Teich geschafft, für den breiten Orchester-Sound sorgt nun die finnische National-Bigband, das UMO Jazz Orchestra.

Die Gruppe hatte insgesamt nur drei Stunden Zeit zum Proben mit Ms. Bridgewater – dafür ist es ein bemerkenswerter Auftritt. Dass der New-Orleans-Klassiker "Big Chief" live nicht den Punch der Studiofassung mit Pianist Dr. John hat – geschenkt. Nur die Kontaktversuche von Trompeter Mayfield mit dem Publikum wirken zuweilen anbiedernd.

Ed Motta und Enrico Rava

Umso besser beherrscht Sänger Ed Motta die hohe Kunst des Entertainments. Der Brasilianer betont gleich, welche Ehre ein Auftritt direkt nach Dee Dee Bridgewater sei, und überzeugt restlos mit groovigem Smooth Jazz, Soul und Pop. Nebenbei ist der Drei-Zentner-Mann ein hervorragender Instrumentalist am Fender Rhodes Piano und reüssiert auch im Beatboxing.

An Trompete und Flügelhorn ist Enrico Rava zuhause. Der Mann ist bereits 75, die Mitglieder seines Quartetts sind allesamt um Jahrzehnte jünger. Mit Zottelhaaren und Lederjacke wirkt der Italiener, der das Trompetenspiel einst nach dem Hören von Miles Davis aufgriff, wie ein Relikt aus den 70er Jahren. Doch wer die Augen schließt, kann keinen Altersunterschied feststellen. Die Band fegt durch einen abenteuerlustigen Fusion Jazz und begeistert an der kleineren Open Air-Bühne auf der Elbinsel Kuhwerder nicht nur Kenner.

Südlich der Elbe

Das Elbjazz Festival konzentriert sich anno 2015 auf Locations südlich der Elbe. Erst spätabends öffnen zentrumsnähere Spielorte wie das ehemalige Fischereischiff Stubnitz oder die St. Katharinen-Kirche ihre Pforten. Angesagte Läden wie Mojo, Golem oder Musikbunker sind Gastgeber für die Clubnacht.

Wer Muße hat, schippert mit einer der Barkassen von Bühne zu Bühne. Dank einer verbesserten Logistik kommt man aber mit dem Bus in weniger als 15 Minuten vom Werftgelände von Blohm + Voss zum Hansahafen. Dort wird der erste Tag des Festivals um Mitternacht von Vijay Iyer beschlossen.

Vijay Iyer: Inspiriert von Monk und Hendrix

Der indischstämmige US-Pianist tritt im gut gefüllten Hafenmuseum zwischen Ankern und Schiffsmodellen auf. Iyer zeigt sich gleichermaßen inspiriert von Jimi Hendrix, elektronischer Musik und den Jazz-Übervätern Thelonious Monk und John Coltrane. Zusammen mit Kontrabassist Stephan Crump und Drummer Marcus Gilmore sprengt Iyer alle Grenzen des Trio-Jazz, wenn er Stücke wie "Mystery Woman" mit Elementen afrikanischer Polyrhythmik interpretiert und im stakkatohaften "Hood" Techno-Pionier Robert Hood Tribut zollt.

Teils gehen die Songs ohne Pause ineinander über; Iyer spielt dabei elegant und technisch perfekt. Die Musik dieses fabelhaften Trios ist zu komplex, um je das ganz große Publikum für sich zu gewinnen. Dennoch wird man die Band beim nächsten Mal für eine größere Halle buchen müssen: ein absoluter Höhepunkt des Festivals.

Barfuß im Regen

Monty Alexander ist da in deutlich entspannterer Mission unterwegs. Der Jamaikaner zog bereits im Alter von 16 Jahren von Kingston nach Florida, ohne je seine Wurzeln zu verleugnen. In New York City reifte er zu einem gefeierten Pianisten heran, der einen Oscar-Peterson-inspirierten Bebop zu einem eigenen Stil entwickelte. Live mit sechsköpfiger Band betont Alexander seine Reggae-Seite mit hohem Wiedererkennungswert: Bob Marleys "No Woman No Cry" lädt das Publikum zum Schunkeln ein.

Die Performer des Elbjazz Festivals gehen ganz unterschiedlich mit der norddeutschen Kälte um. Zu sehen sind Finnen in Wintermänteln, Jamaikaner in kurzen Hemden und barfüßige Bayern: es sind die Blasmusik-Punks von Labrassbanda, die auch bei niedrigen einstelligen Temperaturen ohne Socken über die große Bühne auf dem Blohm + Voss Gelände hüpfen.

Das Highlight am Samstag

Verneri Pohjola, der gut gelaunte Trompeter aus Finnland, spielt sein Instrument mit Handschuhen. Es ist die pure Freude, seinem famosen Quartett zusehen zu dürfen. Pianist Aki Rissanen und Drummer Teppo Mäkynen zählen seit Jahren zur Crème de la Crème der finnischen Jazzszene und sind auf beinahe jedem wichtigen Release der letzten zehn Jahre zu hören. Zwischen Souljazz, Hardbop und Rockfragmenten spannt die Band große melancholische Melodiebögen, vom ohrwurmtauglichen "Cold Blooded" bis zum Latin-beeinflussten "Girls Of Costa Rica".

Seine CDs seien nicht beim Elbjazz Shop angekommen, bedauert Pohjola. Dem Mann ist nur zu wünschen, dass die Festivalgäste dennoch sein aktuelles Album bestellen, denn "Bullhorn" ist schon jetzt eines der Highlights des Jazzjahres 2015. Es ist Musik zum Zurücklehnen. Zum Zuhören. Bis zum nächsten Jahr, bei hanseatisch unterkühltem Wetter.

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