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Orbit the Earth (live in Mannheim, 2015) © Johannes Rehorst

Es war wieder einmal ein Fest. Der Winteraward, den die Jungs und Mädels vom Brückenaward e.V. nun bereits zum vierten Mal auf die Beine gestellt haben, mausert sich von Jahr zu Jahr mehr zu einem festen und vor allem hochkarätigen Event im Mannheimer Kulturkalender. Und das ganz ohne den Charme des Alternativen zu verlieren, der die Reihe von Anfang an begleitet hat.

Vom freien Eintritt über das Freibier zu Beginn des Abends, das kalte Buffet, bei dem gegen eine kleine Spende keiner Hunger leiden muss, bis hin zur konsequent weiter fortgeführten "Bring-your-own-beverage"-Politik – eines ist klar: Reich werden will keiner am Winteraward, und das ist auch gut so. Vielmehr soll es im Forum um eines gehen: Um den Genuss guter Musik.

Rappelvolles Haus

Dass dieser gewährleistet ist, dafür hat das Team wieder mit einer exzellenten Bandauswahl gesorgt. Und so treffen auf der Programmliste alte Bekannte auf neue Gesichter, junge Wilde auf alte Hasen. Zwischendurch platzte das Forum übrigens aus allen Nähten, so dass die Veranstalter schon überlegten, kurzfristig eine Einlassbeschränkung einzuführen, glücklicherweise ging es dann aber doch ohne.

Als Stamm! um kurz nach 17 Uhr den Abend eröffneten, war davon noch nicht wirklich viel zu merken. Entspannt hatten sich die ersten Zuhörer eingefunden, um sich bei einem Freibier oder vier mit Klaus Stamm und seinen Mitstreitern an Schlagzeug und Bass auf eine Zeitreise in die Rockgeschichte zu begeben: Der Soundtrack dazu? Entspannter, handgemachter und bluesgetränkter Rock’n’Roll, genau das Richtige für den Einstieg in den Abend.

Gar nicht so düsterer Black Metal

Nicht ganz so entspannt ging es im Anschluss weiter und zwar mit einer Premiere. Monatelang geisterte auf youtube lediglich ein ebenso düsteres wie verworrenes Video herum, das die Existenz der Band bestätigte, nun also das Lebenszeichen. DVRTAL nennt sich das Trio, das in den entsprechenden Kreisen sicher in Zukunft noch des Öfteren von sich hören machen wird.

Die beteiligten Musiker machten schon unter dem Namen Rome Asleep von sich reden, unter neuem Namen und neuem Genre nun der Neubeginn. Zwei Gitarren und einen (unfassbar tighten) Drummer, mehr braucht es nicht, um mit Black Metal der neueren Schule eine Wand aus Lärm, Düsternis und Verzweiflung. Auch wenn die Gitarren manchmal noch etwas sehr durch das Schlagzeugbrett sägten: Das hat Potenzial, ist innovativ und machte Lust auf mehr.

Es darf getanzt werden

Go Get It! machten im Anschluss das nächste Fass auf: gefälliger Indie-Rock mit gelegentlichen Ausflügen in New Wave-Gefilde war geboten. Die Band hatte augenscheinlich eine breite Fanbase ins Forum gelockt und Sänger Klaus Häublein bliess mit seiner guten Laune noch den letzten Rest Düsternis der Vorgängerband von der Bühne.

Nach so viel Gitarren sorgen die elektronischen Beats von Pervarious für eine höchst willkommene Abwechslung. Statt Kopfnicken ist nun Mittanzen angesagt. Durch den dichten, hypnotischen Indie-Electronica-Sound erklingt die verführerische Stimme von Leadsängerin Yolanda Diefenbach, deren positive Ausstrahlung das Publikum mitreißt. Als es vorüber ist, weiß man gar nicht, wie man das Erlebte in Worte fassen soll. Dem Verkäufer am Merch-Stand reißen die Zuschauer die CDs nach dem Auftritt regelrecht aus den Händen. Auch ein Statement!

Von Stonerrock bis Hardcore

Eigentlich sollten auf Platz Fünf der Running Order ja Vivid Orchestra stehen und mit psychedelischem Stoner-Rock auch die Liebhaber dieses Genres glücklich machen, doch offenbar sorgten bandinterne Umstände für eine kurzfristige Absage. Dennoch: Fans von heavy riffs mussten nicht darben: Fewsel aus Wiesbaden hatten spontan den Job übernommen und erwiesen sich (mal wieder) als ein Glücksgriff. Mit ihrem versponnen arrangiertem Stoner-Rock mit Pop-Appeal erwiesen sie sich als mehr als adäquater Ersatz.

Nach so viel Komplexität und tat der erfrischend unkomplexe, aber dafür umso mitreißende Hardcore-Sound von Static Void gut, der mal eben kurz die letzten 10 Jahre Entwicklung in dem Genre ausblendete und mit Reminiszenzen an 90er-Größen wie Ignite oder die frühen Boysetsfire nicht geizte. Die Zuschauermassen hatten sich inzwischen etwas verteilt, so dass vor der Bühne genug Platz für Bewegung war. Auch Static Void waren eingesprungen, und zwar für BLCKWVS. Es ist ein Zeichen der Qualität der gesamten Veranstaltung, dass man den Absagen nicht nachtrauern musste.

Aggressiver Abschluss

Nachdenkliche Töne hatten die Jungs auch im Gepäck: So nahmen sie unter anderem auch Stellung zum aktuellen Geschehen in Frankreich und Deutschland und ernteten damit einen kleinen Zwischenapplaus. Ein dickes Lob von Sänger Daniel gab es übrigens an dieser Stelle auch an Projector Pearson, der den gesamten Abend über mit seiner analogen Lichtshow für atemberaubende und – fast immer passenden – Visuals sorgte.

Für den finalen Abriss sorgten zu schon vorgerückter Stunde dann Orbit the Earth. Die Münsteraner, die in Mannheim bereits bei ihrem Auftritt beim This Charming Man-Fest für Enthusiasmus gesorgt hatten, schafften es, dem Winteraward-Publikum nochmals alles an Energie zu entlocken. Bei ebenso melodiösem wie aggressivem Post-Hardcore bildete sich sogar nochmals der eine oder andere kleine Moshpit vor der Bühne. Ein würdiger Abschluss eines langen Festivalabends.

Immer besser, immer populärer

Ein liebenswerteres DIY-Indoor-Festival als den Winteraward wird man lange suchen müssen und trotz intensiver Reflexion darüber, ob nicht doch eine Nadel im Heuhaufen bzw. ein Haar in der Suppe zu finden wäre – es ließe sich beim besten Willen keines finden.

Ob das Attribut "bester Winteraward aller Zeiten" langfristig Bestand hat, ist allerdings fraglich, schließlich gibt es nächstes Jahr (hoffentlich) wieder einen. So lange bleibt dem gestrigen Abend das Attribut angehängt und seine Macher dürfen sich drüber freuen. Wenn die Popularität des Winterawards weiter so zunimmt, müssen sie sich bald eine neue Location suchen.

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