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Ed Sheeran (live in Frankfurt, 2014) © Manuela Hall

Kleiner Mann, ganz groß: Ed Sheeran gastiert zum Abschluss seiner Deutschlandtour in der ausverkauften Frankfurter Festhalle, loopt sich alleine durch den gesamten Abend und sorgt dabei reihenweise für offene Münder und wippende Köpfe.

2011 eroberte ein unscheinbarer britischer Singer-Songwriter mit seinem Song "The A Team" die Charts im Sturm. Wer ist der Rotschopf mit der Samtstimme und dem Lausbubenlächeln? Diese Frage dürfte sich mittlerweile erübrigt haben.

Spätestens mit seinem aktuellen Doppelplatin-Album "X" und den Auskopplungen "Don't" oder dem Hobbit-Soundtrack "I See Fire" ist Ed Sheeran in der Oberliga des globalen Popgeschäfts angekommen.

Ein Mann und eine Gitarre

Wenn nur ein einziger Mann mit seiner Gitarre vor tausenden Menschen steht, würde man ihn wahrscheinlich belächeln. "Der kann das doch nicht ein ganzes Konzert durchziehen?! Das ist doch total langweilig ohne Band", würden die Einwände lauten.

Und so ganz will man es auch nicht glauben, vor allem im Hinblick auf die Alben des smarten Briten, auf denen eine Band stets vertreten ist. Doch es braucht nicht lange, bis in der Festhalle Frankfurt alle Zweifel verstummen.

Ein-Mann-Band

Wieso sich von einer Band begleiten lassen, wenn es auch anders geht? Selbst ist der Ed Sheeran! Ein essentieller Bestandteil seiner Show ist eine Loop-Station, die wie ein Aufnahmegerät funktioniert und bei Bedarf die Aufnahme in Dauerschleife abspielt. Dabei lassen sich beliebig viele Spuren loopen.

Beim Opener "I'm a Mess" beispielsweise singt Sheeran einen mehrstimmigen Chor ein, klopft den Beat auf dem ziemlich mitgenommenen Gitarrenkorpus und legt selbst darüber Akkorde. Das alles passiert live – davon gehen wir jedenfalls aus – und erfordert exaktes Timing sowie saubere Intonation.

Neues Klangerlebnis

Ein grober Fehler und schon kann man wieder von vorne anfangen. Aber Ed Sheeran hat die Kunst des Loopens für sich perfektioniert. Das Ganze ist so tight und so melodisch, dass man es kaum fassen kann. Mit dieser Technik baut Sheeran so ziemlich jeden seiner Songs auf und es ist immer wieder beeindruckend, wie locker er das in sein Programm einfließen lässt.

Das führt dazu, dass alle Songs seiner Platten, in denen man mehr als eine Gitarre hört, live vollkommen anders klingen. Das Überraschende ist dabei, dass der Großteil der Live-Versionen so clever arrangiert ist und sich teilweise dynamisch so stark aufbaut, dass man die restlichen Instrumente nicht vermisst. Dennoch verliert ein "Don't" ohne den verzerrten Bass etwas an Fülle und Punch. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Tanzende Blumen und schlagende Herzen

Visuell bleibt das Konzert ebenfalls minimalistisch, bis auf die vierzehn LED-Bildschirme, die jeweils wahlweise zum Einsatz kommen und entweder ihn selbst, kleine Videoclips oder Animationen zeigen. Vereinzelt wird auch mitten ins Publikum gefilmt. Bei "The A Team" verwandelt sich die Halle in ein riesiges Lichtermeer aus Smartphones und Feuerzeugen.

Auf der Bühne selbst gibt es nicht viel zu sehen. Rings um Sheeran sind Kameras aufgebaut, die ihn von allen Seiten filmen. Viel Spielraum hat der Brite also nicht. Somit steht er entweder vor seinen zwei Mikrofonen oder stellt sich auf die Stagebox in der Mitte.

Volle Kontrolle

Natürlich ist Ed Sheeran's Show reine Routine und selbst wenn etwas nicht ganz nach Plan läuft, ist er immer Herr der Lage. Er muss sich ja nur auf sich selbst verlassen können. "I love the German audience, because you are only there for the music", erzählt der 23-Jährige.

Deswegen spielt er jetzt ein Stück, welches er sonst nie spielen würde, da es ein sehr ruhiges und auch sein persönlichstes sei. Jubelschreie würden hier nur stören. Auf der Platte wird er bei "Afire Love" vom Piano begleitet. Live ist es der intimste Moment des Abends. Die Jubelschreie kann er auch beim deutschen Publikum nicht unterdrücken und so beginnt er den Song einfach nochmal, bis es in der Halle wirklich totenstill wird.

Im zweiten Leben Rapper

Langweilig wird es dem euphorisierten Publikum nicht. Immer wieder bezieht Sheeran die gesamte Halle mit ein, lässt sie ganze Refrains, obligatorische "Ahhhs" und "Ohhhs" singen oder zum Beat klatschen. Bei "Bloodstream" darf sogar gebounct werden.

Ja, eine Ed Sheeran-Show hat auch einen beträchtlichen HipHop-Anteil. Im zweiten Leben wird der Gute wahrscheinlich Rapstar. Von diesem Flow, diesem Groove und der Tightness können sich manche Kollegen einige Scheiben abschneiden. Sogar mit Doubletime-Raps hat MC Sheeran keine Probleme. Respekt! Das Instrumental zur Zugabe "You Need Me, I Don't Need You" spielt und klopft er wie gewohnt mal eben kurz selbst ein und rappt sich durch den Song, als gäbe es kein Morgen.

Einer für Tausende

Egal wie man es dreht und wendet, Ed Sheeran ist ein absolutes Ausnahmetalent. Wer dabei nur an den Schmusesänger mit der Samtstimme denkt, der hat die anderen Seiten dieses Mannes noch nicht kennengelernt. Wie ein Dompteur im Zirkus hat der 23-Jährige das gesamte Publikum bis hin zu den hinterletzten Ecken und höchsten Rängen von Anfang bis Ende fest im Griff.

Alles, was er dazu braucht, ist eine Gitarre, eine Loop-Station, eingängige Popsongs und einen ganzen Sack voll Talent. Eine Band gehört live jedenfalls nicht dazu. Kaum zu glauben, aber wahr.

Setlist

I'm a Mess | Lego House | Don't | Drunk | Take It Back | One (Last Christmas) | Bloodstream | Tenerife Sea | Runaway (Everybody (Backstreet's Back) | Afire Love | Thinking Out Loud | I See Fire | The A Team | Give Me Love || You Need Me, I Don't Need You | Sing

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