The Libertines (Pressefoto, 2014)

The Libertines (Pressefoto, 2014) © MLK

Zehn Jahre nach ihrer Auflösung und drei Monate nach ihrem Reunion-Gig im Londoner Hyde Park zelebrierten die Libertines ihre Brüderlichkeit in Berlin. Mit viel Leidenschaft, Emotionen, Küssen, Bierduschen und noch viel mehr Liebe.

Pete, Carl, John und Gary – das waren vier Brüder in spe, die als The Libertines Anfang der 2000er-Jahre fulminant die britische Rockszene eroberten. Doch nach nur zwei Alben 2002 und 2004 zerbrach die Band tragisch am plötzlichen Ruhm und den exzessiven Drogenexzessen Dohertys.

Zehn Jahre ist das nun her und seitdem waren Pete Doherty und Carl Barât solo und mit ihren eigenen Bands Babyshambles und Dirty Pretty Things zwar immer wieder unterwegs gewesen, doch kaum einer hätte geahnt, dass sie nach ihren beiden einzelnen Reunion-Gigs auf den Reading- und Leeds-Festivals 2010 tatsächlich nochmal längerfristig als ehemalige "best friends" zusammenfinden würden.

Auf zu neuen Ufern!

Bereits im Londoner Hyde Park hatten sie im Juli 2014 dementsprechend eine Ode an die Wiederbelebung ihrer engen und kurzzeitig abhanden gekommenen platonischen Freundschaft zelebriert und sich in den Armen gemeinsam über den Boden gewälzt, in Berlin küssten sich beide Musiker am vergangenen Samstag dann sogar herzhaft und setzten damit ein weiteres Zeichen: The Libertines sind back, wieder als Freunde vereint! Freigeister dieser Welt, brecht mit uns zu neuen Ufern auf!

In der Berliner Arena strahlt Doherty wie ein Honigkuchenpferd, trägt ein schwarzes cap-sleeve-Shirt und scheint wie beim Londoner Hyde Park und entgegen aller Befürchtungen und den Erinnerungen vergangener Tage ausgeschlafen , aufmerksam und bei allen Sinnen. Er isst Käsebrötchen auf der Bühne, lässt sich Schuhe, BHs und Hüte zuwerfen und spricht als derzeit in Deutschland lebender Wahl-Hamburger auch immer ein paar Worte Deutsch. Mit einem "Guten Morgen, mein Liebling" richtet er sich an die Zuschauer, zählt ein anderen Song mit "Drei, Zwei, Eins" an.

Uniformen und BHs

Barât trägt eine rote Uniformsjacke und lässt sich als wichtigste Vertrauensperson Dohertys immer wieder auf seine Spielereien ein, singt mit ebensolcher Inbrunst und Leidenschaft die Hits der Libertines wie Gary Powell oberkörperfrei auf sein Schlagzeug eindrischt und John Hassall als unscheinbare Ruhepol sein Bass in Perfektion bedient.

Im Hintergrund rauschen Bilder der Londoner U-Bahn als Videoclip an einem in Eiltempo vorbei, später im Schnelldurchlauf auch Archivbilder aus der Schatzkiste der Bandgeschichte. Dazwischen leicht zeitversetzt auch immer wieder Live-Bilder des Auftritts, einen lachenden Doherty, einen konzentriert blickenden Barât und auch einen kurzzeitig BH tragenden Powell auf Testosteron-Trip.

Küsse für die Freundschaft

Die bewegendsten Szenen spielen sich aber ab, wenn Doherty und Barât gemeinsam an ein Mikrofon treten, sich küssen, Mund zu Mund ihren Gefühlen und Emotionen Freilauf geben. Und das wild tanzende und sich mit vollen Bierbechern bewerfende Publikum lautstark die Hits wie "What Katie Did", "Don’t Look Back Into The Sun" und "What Became Of The Likely Lads" mitsingt.

Natürlich darf bei dem knapp zweistündigen Gig auch "Can’t Stand Me Now" nicht fehlen und wenn Doherty zunächst solo – später mit Band – das Babyshambles-Cover "Albion" anstimmt und Barât in einer Akustikversion sein eigenes Stück "The Ballad Of Grimaldi" performt, dann wird auch klar, dass beide ihre Solokarrieren durch die Wiedervereinigung nicht unter den Tisch kehren wollen.

Die Zukunft kann warten

Bei all den Gefühlen vergisst man fast, dass der Ort dieses Wiedertreffens ein denkbar ungünstiger ist. Die Arena Berlin hat den Charme einer verlassenen, trostlosen Brache, der Sound ist besonders am Anfang ein desaströses Wummern.

Aber die Leidenschaft und Euphorie wiegt an diesem Abend alles auf. Hey, Pete geht es scheinbar wieder richtig gut, Barât hat ihn wieder lieb und The Libertines wollen nächstes Jahr bereits vielleicht ein neues Album aufnehmen. Meckern kann man immer, nur jetzt sollte man erst einmal feiern gehen.

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