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Melt! Festival 2013: Babyshambles © Stephan Flad

Die Glitzerschminke wieder aufgetragen, die Federn ins Haar gesteckt und selbst wenn die Abendgarderobe erste Narben vom ersten Tag davongetragen hatte - gegen Abend strömten die Massen auch am Samstag wieder gen Ferropolis. Neben Acts wie Woodkid, Chvrches und Amon Tobin lautete diesmal die spannende Rock'n'Roll-Frage des Tages: Kommen sie oder kommen sie nicht, Mr. Doherty?

Mit Peter Doherty ist das so eine Sache. Musikalisch nah am Genie, nimmt er es mit Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit nicht ganz so genau. Seine Auftritte sind stets überschattet von der Hoffnung und der bangen Frage nach seinem Erscheinen. Auch so manch einer auf dem Melt!-Festival zittert, als am frühen Samstagabend bereits die gesamte Band im Backstage versammelt ist, aber von Doherty noch jede Spur fehlt.

Doherty bei bester Laune

Ist er noch im französischen Nancy, wo die Babyshambles ein Tag zuvor aufgetreten waren, schläft er noch oder ist er bereits auf dem Weg nach Ferropolis? Am Ende ist er doch pünktlich und bestens gelaunt. Mit gestreiftem T-Shirt und Kopfbedeckung kommt er mit viel Wein auf die Bühne, wankt mit für ihn typisch ausschweifenden Arm-und Körperbewegungen, wirft sich zu Boden, springt auf den Rücken des Gitarristen Mick Whitnall und lässt in gutem Deutsch seinen unzweifelhaften Charme beim Publikum spielen.

Im Hintergrund prankt derweil das von Damien Hirst kunstvoll entworfene Artwork der neuen Platte Sequel To The Prequel. Leichtfüßig wirkt das und spätestens als Doherty zu einem „Fuck“ ansetzt, singen auch alle vor der Bühne lautstark mit – Fuck Forever..!

Damit glückt Babyshambles etwas, was nicht allen an diesem Samstag gelingt. Sich mit Gitarrenmusik gegen die Übermacht an elektronischen Beats und Bässen zu behaupten. Wie zum Beispiel Kettcar, die zwar mit akustischen Klängen versuchen, so etwas wie Stimmung aufkommen zu lassen, das vor einer halbleeren Bühne aber nur mit mäßigen Erfolg schaffen.

In perfekter Harmonie

Das Publikum tanzt da lieber zur Musik vom französischen Musiker und Filmregisseur Yoann Lemoine aka Woodkid. Die für sich schon epische Musik löst dank einer vollkommenen Inszenierung, die es versteht einen ästhetischen Minimalismus fließend in die absolute Reizüberflutung zu überführen, die Grenze zwischen Publikum, Bühne und Band auf.

Dabei beseitigt sie nebenbei noch den sonst so penibel gepflegten Individualismus der Festivalbesucher. Schließlich wirkt alles in perfekter Harmonie und grenzenloser Ekstase einem alles erschütternden Höhepunkt entgegen, getrieben von urwüchsigen Drums und Yoann Lemoine als Orchestrator der kollektiven Euphorie. Was zurückbleibt ist – neben einer Gänsehaut und dem Kater des absoluten sensorischen Overloads – das unbeschreibliche Gefühl, Teil eines gewaltigen, sich aus Euphorie speisenden Kollektivs gewesen zu sein.

Im Hinterhof der Hauptstadt Floridas

Ähnlich erging es einem kurz zuvor schon vor der Desperados Modeselektor Stage. Hier verwandelt Otto von Schirach den Sandstrand am See in einen Hinterhof der Hauptstadt Floridas. Hart, schnell, laut und fern jeder Schamgrenze wird das Publikum verbal und akustisch defloriert und nach dem ersten Schock flippt die Meute kollektiv aus, sich zu jeder in Spanisch oder Englisch gebrüllten Vulgarität windend.

Dann nimmt Siriusmo diesen Faden auf, bis es wenig später so wirkt, als würde sich das komplette Melt! zur Abendsonne vor dieser Bühne versammelt. Dasselbe kann man später auch von Disclosure, Miss Kittin und Amon Tobin behaupten.

Bei soviel Euphorie darf es sich dann natürlich auch der Popeye der Musikbranche, Rummelsnuff, nicht nehmen, ein klein wenig an der Musikgeschichte des Melt! zu schreiben. Der Türsteher des berühmt-berüchtigten Berliner Clubs Berghain und selbst ernannte unbarmherzige Ordner des Artist-Bereichs wirkt mit seinem testorongepumpten Körper auf der Bühne wie aus einem Comic gefallen und zieht wohl eher aufgrund seines skurillen Äußeren als durch seine Musik die Menschen zur sonst spärlich besuchten "Phillips You Need To Hear"-Stage.

Das heutige Highlight werden Atoms For Peace. Der Auftritt um Radiohead-Frontmann Thom Yorke dürfte ein unvergessliches Erlebnis werden. Wir sind gespannt – morgen mehr dazu!

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