Turbostaat (live beim Berlin Festival 2013)

Turbostaat (live beim Berlin Festival 2013) © Julian Reinecke

Das Konzert der Punkrocker aus Friesland im Bahnhof Langendreer markiert das zweite ihrer Herbsttour 2014. Dass trotzdem jeder Handgriff sitzt, haben sie vielleicht diversen Generalproben während des Festivalsommers zu verdanken. Wie dem auch sei, es läuft gut für Turbostaat in Bochum.

Willi Fog: "Ich bin hier alles, nur nicht glücklich"

Es ist schwer, klar zu definieren was die Vorband Willy Fog aus Dortmund genau falsch macht. Ein paar Fans, die kräftig mitklatschen und mitschreien, haben sie dabei, aber den Rest des Publikums können sie mit ihrem deutschen Emo-Punk nicht überzeugen. Niemand scheint die Texte so zu fühlen wie der Bassist, der mit geschlossenen Augen jedes Wort voll Inbrunst Richtung Himmel schreit.

Den Emo-Bogen überspannen Will Fog allerdings in dem Moment, in dem der Sänger das Mikro zur Seite legt und, nur von einer Gitarre begleitet, getragen und gefühlsbetont in die Menge vor der Bühne schreit. Der Pathos ist nicht auszuhalten – und draußen vor dem Gebäude suchen nicht wenige Menschen aus dem Publikum lieber im Oktoberregen Schutz vor den ganzen Gefühlen.

Gute Laune von Beginn an

Eine halbe Stunde später stehen Turbostaat auf der Bühne. Anders als auf ihrem ausverkauften Konzert in Münster eine Woche zuvor hat das gesamte Publikum sofort gute Laune. Der Stimmung ist sicher auch zuträglich, dass die Band stark an ihrer Setlist geschraubt hat, so dass diese auch für eingefleischte Fans einige Überraschungen bereithält. Zudem liegt der Fokus nicht auf dem aktuellen Album "Stadt der Angst", sondern auf den Perlen aller fünf Turbostaat-Platten.

Natürlich kann man es in anderthalb Stunden nicht jedem Recht machen, doch auch da wissen die Husumer Abhilfe zu schaffen: Im Dezember und Januar 2014/2015 werden sie in sieben verschiedenen Städten jeweils zwei Abende im gleichen Club residieren und alle Alben in voller Länge komplett durchspielen. Noch bis zum 29. September kann man Kombitickets für beide Abende und eine exklusive 10inch-Platte bestellen – die Garantie, jeden persönlichen Lieblingssong zu hören, gibt es oben drauf.

Stagediving – eine Punkrock-Kontroverse

Zugegeben, bis Mitte der Show läuft das Konzert fast ein wenig zu rund – die Stimmung im Publikum ist hervorragend, die Band zwar wortkarg aber dennoch gut gelaunt und der Abend fließt viel zu schnell dahin. Es läuft so rund, dass die Autorin kurz befürchtet, im Prinzip nicht viel Spannendes über das Konzert zu berichten können.

Ein Konzertbesucher kann diese Befürchtung allerdings in Luft auflösen. Denn, so amüsant es beim erstem, zweiten und für manche vielleicht auch noch beim dritten Mal ist, ihm dabei zuzusehen, wie er gnadenlos versuchte zu stagediven, leider aber nie aufgefangen wird, so nervig wird es bei den folgenden acht bis fünfzehn Malen. In der Tat wird der junge Mann so lästig, dass Sänger Jan ihn irgendwann zur Seite nehmen muss, um ihn zu bitten damit aufzuhören – was ihn aber nicht davon abhält, weiter auf die Bühne zu klettern und sein Glück zu versuchen.

Man kann vom Stagediven halten was man will – dass das Thema zu einer Kontroverse im Punkrock geworden ist, sieht man zum Beispiel an dem Shitstorm, den die amerkanische Band Joyce Manor mit ihrem klaren Statement gegen das Surfen auf den Publikumshänden vor kurzem auf sich gezogen hat. Was aber klar sein sollte: Wenn niemand Lust hat einen aufzufangen, dann sollte man ganz einfach nicht springen.

Überraschend: zwei Zugaben

Dennoch endet der Abend entspannt, niemand wird verletzt und der Zorn einiger Konzertbesucher auf den anstrengenden Stagediver löst sich in Belustigung auf. Auch das Ende der Setlist hält wieder eine Überraschung bereit, denn wo das Konzert auf den letzten Touren meist mit einem alten Klassiker "Schwan" endete, bekommen die Fans am heutigen Abend gleich zwei Zugaben kredenzt.

Zweimal verlassen Turbostaat die Bühne, spielen dann jeweils noch drei Songs und beenden mit dem betagten "Vormann Leiss" und "Fresendelf" vom neuen Album das Set genauso durchmischt wie es begonnen hat.

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