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Der Auftritt von FJORT war eines der Highlights beim Winteraward 2014 © Johannes Rehorst

Das Konzept "umsonst & drinnen" geht voll auf. Der dritte Mannheimer Winteraward, das Pendant zum sommerlichen Brückenaward, lockt mit einem überwiegend lautstarken Lineup knapp vierhundert Besucher in das Jugendkulturzentrum Forum in Mannheim. Einige hatten sogar weite Entfernungen auf sich genommen, um die Lebendigkeit der Mannheimer Underground-Szene hautnah mitzuerleben.

Mit einem gut gelaunten Publikum, motivierten ehrenamtlichen Helfern und musikalischer Vielfalt ist der Mannheimer Winteraward eine echte Bereicherung für die junge Kulturszene in der Rhein-Neckar-Region.

Dafür sorgt nicht nur der freie Eintritt, sondern auch die Möglichkeit, eigene Getränke und Speisen mitzubringen. Die Einnahmen aus freiwilligen Spenden der Besucher kommen darüber hinaus gemeinnützigen Organisationen zugute. Auf der Bühne dominieren härtere Klänge, und so kracht es musikalisch ordentlich an diesem Abend.

Wonderprinz: zwischen Trance und Ekstase

Schon am späten Nachmittag erwartet die erste Band ein gut gefüllter Raum, der sich im Laufe des Abends noch weiter füllen wird. Die Mannheimer Newcomerband Wonderprinz entführt das Publikum zum Auftakt mit ihrem kunstvollen Psychedelic Rock in die bunte und berauschende Musikwelt der 60er Jahre.

Im grünen Prinzenumhang gehüllt präsentiert uns Sänger Roman Ole mit seinen Bandkollegen eine Mischung aus chilligen Jam-Parts und ebenso effektreichen wie stimmgewaltigen Ausbrüchen. Dazu sorgt er mit seinem Theremin für ungewöhnliche Klänge, die den Zuhörer in einem Science-Fiction-Abenteuer wähnen lassen. Passend untermalt von Projektor Pearsons analoger Lichtshow scheinen die experimentellen und effektreichen Sounds einem magischen Auge entsprungen zu sein.

Pissed Onion: eine Hommage an den Grunge der 90er

Die zweite Band des Abends, Pissed Onion, werfen dem Publikum rotzigen Grunge der 90er entgegen. Die Einflüsse von Nirvana, Melvins und Black Flag sind erkennbar, jedoch hüllen die vier jungen Musiker aus Mannheim und Umgebung ihre emotionalen Sounds in ein neues Gewand.

Nach eigener Aussage versuchen sie irgendwo auf dem schmalen Grad zwischen Punk und Metal zu wandeln. Mit ihrer ganzen Wut und Energie, die sie in ihre Lieder legen, animieren sie ihre überwiegend jungen Fans im Forum zum Pogen.

Colaris: stimmungsvoll ohne Stimmen

Die Brachialromantiker Colaris aus Pirmasens verwöhnen ihre Zuhörer mit instrumentalem und progressivem Post Rock à la Mogwai, Long Distance Calling und God is an Astronaut. So versetzen sie die Besucher zwischen den eher härteren Klängen des heutigen Abends in andere Sphären.

Wie eine Autofahrt auf einer langen, einsamen Straße klingt beispielsweise der Song Futile. Härtere Riffs wechseln sich mit betörenden Symphonien ab – und das alles mit nur drei Instrumenten. Entsprechend begeistert und geflasht verlassen die Zuschauer nach dem Auftritt den Saal und stürmen den Merchandise-Stand dieser großartigen Band.

Demontage mit FJØRT

FJØRT, das klingt nach wilden, malerischen, einsamen und idyllischen Naturlandschaften in Norwegen, ist aber emotionsgeladener Post-Hardcore. Das Aachener Trio durfte bereits am Freitag drei neue Songs ihrer kommenden Platte live im Rahmen der Melting Butter Sessions im RAMA Tonstudio aufnehmen. In ihren deutschen, poetisch angehauchten und emotionalen Texten erzeugen die Jungs dunkle, beklemmende Stimmungsbilder, die Raum für Interpretationen lassen.

Beim Winteraward begrüßen sie uns mit der brachialen Gewalt von Demontage, dem Titelsong der gleichnamigen Debüt-EP. Mal druckvoll, basslastig und chaotisch, mal melodisch und rhythmisch errichten die drei Instrumente mit scheinbar einfachsten Mitteln Soundwände, die Gänsehaut erzeugen und im nächsten Augenblick wieder eingerissen werden.

Rekordpublikum

Neben weiteren Stücken des Minialbums wie Ruthschreiter, Glasgesicht und das eingängige Kleinaufklein spielen FJØRT mit Hallo Zukunft auch einen Song des Ende März erscheinenden Albums.

Alles, aber auch alles passt hier zum nass-kalten Wetter draußen. Innen aber geht es heiß her: David (Bass) und Chris (Gesang, Gitarre) fegen über die Bühne und schreien ihre ganze Wut heraus. Damit reißen Sie das nach eigener Aussage größte Publikum, vor dem sie bislang aufgetreten sind, mit sich.

SuperPancho: mit Kriegsbemalung durch den Großstadtdschungel

Bereits seit 2006 machen SuperPancho rund um Winteraward-Mitorganisator Joachim von Hunnius unter den verschiedensten musikalischen Einflüssen gemeinsam Musik. Auch an diesem Abend paaren die wie Braveheart bemalten Mannheimer groovige Gitarrenriffs mit wilden und lauten Soundelementen.

Und so manches Mal kann man sich vorstellen, wieso sie ihre Musik selbst als Hardcore Pop bezeichnen. Projector Pearson gibt bei seinen Lichtanimationen noch einmal alles, um die Kriegsbemalung auch wirklich bedrohlich wirken zu lassen. Letztlich vergeblich, stellen sich die Drei doch als zahm und umgänglich heraus.  

Einsturzgefahr bei Planks

Den emotionalen und akustischen Höhe- und Schlusspunkt bilden Planks aus Mannheim. Bei der Mischung aus Sludge, Doom, Black Metal und Hardcore wird es noch mal so richtig laut. Kurzum: eine Band mit Hörsturzpotenzial. Das Bühnenlicht ist auf ein Minimum reduziert und passt sich so dem ohrenbetäubenden Lärm der lokalen Hardcore-Größen an.

Der Boden bebt und die Wände zittern, wenn Drummer Benny mit dem Double Pedal seine Bass Drum verprügelt. Respekteinflößend wirkt Sänger und Gitarrist Ralph mit seiner hünenhaften Statur während Bassist Marcel sein Gesicht stets hinter seinen langen schwarzen Haaren versteckt und so zum Headbangen animiert.

Nachdem die Zuschauer das Noise-Gewitter heil überstanden haben, können sie bei der Aftershow-Party im Teufel weiterfeiern. Und Grund genug gab es dafür, knüpfte der dritte Brückenaward in seiner Klasse doch nahtlos an die exzellenten Vorgänger an. Wenn es so weitergeht, müssen die Veranstalter bald in eine größere Halle ausweichen.

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