The Official Secret Act (live Immergut Festival, 2010)

The Official Secret Act (live Immergut Festival, 2010) © Nicole Richwald

Im Mecklenburgischen Seeland um Neustrelitz wurden zahlreiche Indianer gesichtet. Auf dem Gelände des anliegenden Bürgersees wurden rituelle Tänze veranstaltet, die dem Geiste der Musik gewidmet wurden. Ganz klar: Es war die Zeit des Immergut.

{image}Zum 11. Mal fand das Immergut Festival in den Wäldern um die Mecklenburgische Seenplatte bei Neustrelitz statt. Das von Daniel Kempf und Mirko Wegner 1998 in die Wege geleitete Liebhaberfestival musste in diesem Jahr ohne das einstige Gründungsmitglied Kempf auskommen. So wurde vom Immergut e.V. mit seinen 56 Mitgliedern auch in diesem Jahr wieder lange im Voraus gedacht, geplant und gezimmert, um dem etwa 5.000 Besucher fassenden Festivalkonzept gerecht zu werden. Unter dem Motto "alles Indianer" zog es Zuschauer aus ganz Deutschland zum Festival für junge Popkultur auf das Gelände an den Bürgersee. Mit fairen Preisen bildet das Festival eine gute Alternative zu den durchkommerzialisierten Blockbuster-Festivals. Beim Immergut Festival wird mit Liebe zum Detail viel Wert auf eine familiäre und persönliche Atmosphäre gelegt, die den "Indianern" ein entspanntes Wochenende mit ihren Lieblingsbands bieten will.

{image}Neben dem Plus an Kultur durch Installationen, Lesungen und Fotoausstellungen, wurde auch den kleinen Labels ein Zelt eingeräumt. Inmitten der malerischen Kulisse zwischen der mit Blumen verzierten Birkenhainbühne, der Zeltbühne und der Waldbühne ließen sich modische Gummistiefel in allen Farben sowie der mottobezogene Indianerschmuck finden. Wer eben jenen Kopfschmuck zu Hause gelassen hatte, war angehalten sich direkt vor Ort einen solchen zu gestalten. Die Qual, sich zwischen Acts entscheiden zu müssen, wurde durch den Umstand gemindert, dass die einzelnen Bühnen zeitversetzt bespielt wurden. Der Versuch jedoch, durch die Zeltbühne alternativ das Gelände zu bespielen, war dabei akustisch betrachtet nicht unbedingt die beste Lösung. Das Festivalpublikum nahm es gelassen und rockte sich musikbegeistert durch die Abende.

{image}Die Sportbegeisterten unter den Gästen konnten sich am Immergutstand für das am Samstag stattfindende Fussballturnier mit den Jungs von Vierkanttretlager und dem Amerikaner William Fitzsimmons qualifizieren. Denjenigen, die sich mit den Flensburgern von Turbostaat durch die Nacht rockten, sollte diese Freizeitveranstaltung wohl entgangen sein. Bereits um 7 Uhr morgens wurde man liebevoll mit Oasis' Don't look back in anger aus der frostigen Campingnacht geweckt und an das Treiben auf dem Festivalgelände erinnert, bevor dieses für den sonnigen Samstag für kurze Zeit geschlossen wurde. Einige entdeckten zu dieser Zeit den anliegenden Bürgersee oder ergatterten am Immergutstand eine Autogrammkarte des alten Vegetariers und deutschsprachigen Indie-Popmusikers Jens Friebe, der das Festival am Freitag auf der Birkenhainbühne eröffnen sollte.

Der Freitag auf dem Immergut

{image}Der Freitag begann für uns nach dem obligatorischen Zeltaufbau mit Francesco Wilking, dem Sänger der deutschen Band Tele, der nach dem australischen Duo An Horse die Birkenhainbühne mit seiner Akustikgitarre betreten sollte. Wilking gab den Ex-Freundin-Song Sarah zum Besten und übte sich mithilfe des Publikums im interaktiven Geschichtenerzählen. Der Sänger, der mit Marketing nicht viel am Hut hat, arbeitet gerade an zwei neuen Veröffentlichungen und wird sie in eigenen zynischen Worten "wohl im Herbst auf Rapidshare oder Megaupload rausbringen". Das Duo, das den weiten Weg über zwei Kontinente zum Immergut gemacht hat, konnte leider nicht wirklich überzeugen. Die blonde junge Frau mit Namen Kate Cooper und ihr Mitmusiker Damon Cox nennen sich An Horse. Ihre Musik wirkt einschläfernd und ohne jede Dynamik. Dennoch geht die Tour für die Beiden weiter, vielleicht schaffen sie es dort, zu überzeugen.

{image}Den ersten Act, der die Waldbühne einweihen durfte, stellten die Jungs aus der einstigen Geburtsstadt der Joy Division-Legende Ian Curtis dar: Everything Everything. Die Vier beim Label Geffen beheimateten Musiker machen Electro-Pop-Rock mit starkem R&B-Einfluss. Sänger Jonathan und Co. hatten es hier noch etwas schwer, die noch nüchterne Menge zu bewegen. Im gnadenlos überfüllten Zelt ging es weiter mit We Were Promised Jetpacks. Die Indie-Rock-Band aus Schottland veröffentlichte 2009 ihr Debütalbum These Four Walls auf Fat Cat Records. Die Band, bestehend aus Adam Thompson (Gesang, Gitarre), Michael Palmer (Gitarre), Sean Smith (Bass) und Darren Lackie (Schlagzeug), brachte mit ihrem rohen und krachigen Sound die Zeltbühne zum Beben. Anspieltipp für die Daheimgebliebenen ist die erste Singleauskopplung Quiet Little Voices.

{image}Zurück zur Hauptbühne, denn da poste bereits Tom Charge Burke von der in London ansässigen New Wave Band The Official Secrets Act. Neben The Girl from the BBC wurde der an die 80er Jahre angelehnte Hit Bloodsport des Debüts Understanding Electricity auf der Bühne in dazugehöriger Pose präsentiert. Das aufgetaute Publikum übte sich an dieser Stelle im Stagediving, während die Fotografen im Bühnengraben mal wieder die Sicht versperrten. Die Musiker sollten später die Seiten wechseln und sich vor die Bühne unter das pogende Volk mischen. Passend zum Indianerkonzept des Festivals sind die Platten der Band beim One little Indian-Label erschienen – ein echtes Highlight dieses Tages.

{image}Im Zelt konnte man anschließend die 1996 an der Uni in Bristol gegründete Band mit dem verrückten Namen Chikinki genießen. Die Bühne war im Nebel verborgen, als die mittlerweile fünf Bandmitglieder diese betraten. Sänger Rupert Browne gab sich etwas verärgert über soundtechnische Probleme, die während des Festivalverlaufs immer wieder auftreten sollten. Wenig schillernd gekleidet und in gewohnt affektierten Gesten gab er seine Songs zum Besten. Den Gästen, die sich mittlerweile in wilden Tanzeinlagen übten, waren die Soundprobleme herzlich egal. Der abhanden gekommene Bassist sollte auch für die Show auf dem Immergut Festival nicht zurückkehren. Zwei Keyboards, Leadgitarre und Drums bilden den elektronischen Pop-Rock mit Glam-Einflüssen. An vorderster Front die Fans, die die surfigen Songs Hello, Hello und You said textsicher mitschreien konnten. Für die Band ging es im Anschluss gleich weiter, denn Chikinki wurden bereits auf dem nächsten Festival erwartet.

{image}Das international zusammengestellte Line-Up, das sich mit Acts aus Kanada, Amerika, Dänemark, Österreich, UK und natürlich auch aus Deutschland zusammensetzte, wurde durch eine weitere Band von der Insel bereichert. The Go! Team standen Punkt 22.10 Uhr auf der bunt angestrahlten Bühne, bzw. besprangen diese. Dabei fiel auf, dass die Musikwelt noch deutlichen Männerüberschuss hat und es an Frauenpower oftmals mangelt. Wo sind denn die ganzen Riot Grrrl Acts, fragt man sich da. The Go! Team konnten an diesem Abend die Damenquote verbessern und brachten den Ladyflash auf die Bühne. Erinnerte an die Power von Elasticas Mad Dog – und das durchgehend. Da wurde wild rumgehüpft und gerappt, das Bauch-Beine-Po-Programm kann da nicht mithalten. Das Publikum reagierte begeistert, die Verbindung von Musikern auf der Bühne und Publikum vor der Bühne funktionierte fabelhaft. Die Multikulti-Band aus London gab Titel wie Titanic Vandalism und Ladyflash zum Besten. Während die Mädels sich abwechselnd die Mikros teilten, sprang Bassist Jamie Bell immer wieder ins Bild. Definitiv ein weiteres Highlight des Abends.

{image}Der in Berlin ansässige "Vielvölkerstaat" Bonaparte konnte sich ebenfalls nicht um Nachfrage beklagen. Die groß angekündigte Zirkusshow der rebellischen Bandformation sollte sich jedoch als planlose Freakshow entpuppen. Eine bunte Mischung aus teils fantasievollen Kostümen bis hin zu klischeehaften Charakteren; visueller Trash mischte sich unter die Texte des Sängers Tobias Jundt. Überzeugendstes Element auf der Bühne war die bedingungslose Ausgelassenheit und der absolute Hedonismus, der auf so manchen Immergut-Gast überzuspringen schien. Der Karreraclub begleitete die Partyfront anschließend noch durch die Nacht.

 

Hier gibt es die gesamten Fotos vom Immergut-Freitag: Francesco Wilking, Jens Friebe, Everything Everything, The Official Secret Act, We Were Promised Jetpacks, Chikinki, The Go! Team und Bonaparte.

 

Der Samstag auf dem Immergut

{image}Der Samstag startete – nach einer frostigen Nacht – mit Sonnenstrahlen. Wieder wurden allerorts Indianer gesichtet. Das noch überschaubar gefüllte Bühnenzelt wartete mit der aus Dänemark stammenden Bandformation The Kissaway Trail auf. "10 Pfund für einen Kuss" war da auf dem Keyboard zu lesen – ein Schnäppchen. Die fünf Dänen aus Odense gaben 110% und lieferten eine super Show ab. Zu den selbstgenannten Einflüssen der Band zählen der ebenfalls sehr verehrte Daniel Johnston, Sunny Day Real Estate, SLUT, The Polyphonic Spree und natürlich Sonic Youth. Der Sound der Band bewegt sich in einer Mischung aus den Klangsphären der genannten Lieblingsbands. Anspieltipp hier mit sehr gelungenem Musikvideoclip obendrauf ist Smother+Evil=Hurt vom aktuellen Album Sleep Mountain.

{image}Als nächstes erwartete die Gäste auf der kleinen blumenverzierten Birkenhainbühne der amerikanische Sänger und Songwriter William Fitzsimmons. Der studierte Psychologe ist bereits seit einiger Zeit in Deutschland unterwegs und hat sich hierfür Bandbegleitung mitgenommen. Die melancholischen, meist gehauchten Songperlen erzählen überwiegend persönliche Erlebnisse. Die Liverperformance Williams' sollte sich jedoch zu einer Geduldsprobe entwickeln, da die Mischer verzweifelt versuchten, die anfänglichen Soundprobleme in den Griff zu bekommen. Die nach Bitten der Soundtüftler in ein Sitzkonzert übergegangene Masse bestritt den Rest des Konzertes in begeisterter, wenn auch sitzender Position. Die aus München angereiste Electro/Indieformation Lali Puna um Sängerin Valerie Trebeljahr performte ohne viele Gesten ihren eingängigen Sound. Mit im Boot: das Notwist-Member Markus Acher. Präsentiert wurden Songs des mittlerweile vierten Albums Our Invention, das beim Morr Musik Label erschienen ist.

{image}Die Dänen der seit Jugendzeit befreundeten Band Efterklang lieferten im Anschluss einen einzigartigen Gig mit ästhetischem visuellen Konzept und sphärischen Klängen. Völlig zu Recht wurden hier von Band und Publikum gegenseitiges Lob ausgesprochen. Efterklang sahen nicht nur alle gut aus, sondern lieferten auch eine gewaltige Show ab, die um eine Zugabe ergänzt wurde. Im Hintergrund wurden die Banner durch eine effektvolle Lichtshow angestrahlt. Verantwortlich für das inspiriernde Stagedesign ist das in Dänemark ansässige Art Studio "Hvass&Hannibal". Die vier Dänen Mads Brauer, Casper Clausen, Thomas Husmer & Rasmus Stolberg bilden den Kern der Gruppe, die live durch Gastmusiker unterstützt wird. Die Musik gestaltet sich durch den Einsatz klassischer Elemente. Hinzu mischen sich Trompeten, Geigen und Chorgesänge.

{image}Das Schlusslicht der Vorstellungsrunde des Immergut Festivals bildet der Garage Sound des Tokyo Police Clubs aus Kanada. Nachdem vorerst alle Eurposhows gecancelt werden mussten, bestritt die Band – sehr zur Freude aller Anwesenden – ihr vorerst einziges Konzert. In der von Nebel eingehüllten Bühne tauchten die vier Kanadier um David Monks punkt Mitternacht auf und trugen den tanzbaren Ohrwurm Your English is Good vor. Sowohl vor als auch auf der Bühne ging es mit Stagediving, Gitarrenposen und wilder Ausgelassenheit äußerst wüst zu. Die mittlerweile vom legendären Saddle Creek Label behütete Band stieg auf die Bühne, rockte sich durch die Setlist und verschwand nach einer Zugabe. So soll's sein.

In diesem Jahr gab es einige Schmankerl auf dem Immergut und die Vielzahl an Bands sorgte wohl dafür, dass jeder Gast sein persönliches Highlight mit nach Hause nehmen konnte. Der Platz im Kalender für das Immergut im kommenden Jahr ist jedenfalls schon markiert.

 

►Hier gibt es die gesamten Fotos vom Immergut-Samstag: William Fitzsimmons, The Kissaway Trail, Two Door Cinema, Lali Puna, Efterklang und Tokyo Police Club.

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