Immanuel Wilkins macht Jazz im Stil der 50er- und 60er-Jahre. Wenn er John Coltrane als eines seiner großen Vorbilder nennt, meint er "Lush Life" und "Ballads", aber ganz sicher nicht "Interstellar Space" oder gar "Ascencion".
Das muss keineswegs etwas Schlechtes sein, aber sein Auftritt bei Enjoy Jazz wirft die Frage auf, ob ein Konzept, das auf seinen ersten beiden Studioalben gut funktioniert, auch live reproduzierbar ist.
Viel Leerlauf
Reden wir nicht drumherum: Es gibt viel Leerlauf bei diesem Konzert. In diesen Phasen scheinen die Musiker fast wie in Zeitlupe zu spielen. Bassist Rick Rosato wirkt dann so, als sei er massiv unterbeschäftigt und unterfordert. Klavier und Saxophon-Linien bestehen aus so eindeutig identifizierbaren Tönen, dass ein im Notieren von Noten geübter Musiker sie problemlos mitschreiben könnte.
Auch das müsste nichts Schlechtes sein. Paul Desmond hat über sich selbstironisch gesagt, er sei der langsamte Alt-Sax-Spieler der Welt, aber Desmond besaß einen wunderbaren, ausdrucksstarken Klang, während Wilkins in diesen Momenten nur krachend langweilig wirkt.
Aber auch wenn die Band das Tempo anzieht, funktioniert das nicht immer: Drummer Kweku Sumbry erhält Gelegenheit zu einem Schlagzeugsolo, das nur unnötig lärmig wirkt. Und was die Hammond-Orgel genau bewirken soll, bleibt auch unklar. Es ist nicht nötig, ein Gegner von Orgelklängen zu sein, um festzustellen: Ein Klavier hätte ausgereicht.
Angedeutetes Potential
Ein vollkommenes Desaster ist das neunzigminütige Konzert aber keineswegs. Das liegt u.a. an der Zugabe, in der die Band endlich mal zupackend und konsequent zusammenspielt und den Raum mit der Art von Energie flutet, die im Bop eigentlich zu erwarten ist.
Die übrigen Stücke bieten immer wieder Momente oder Phasen, in denen sich alles gleichermaßen zusammenfügt und in denen Immanuel Wilkins sein Potential als Live-Künstler zu zeigen vermag. Aber es muss eindeutig festgehalten werden: Von einem überzeugenden Live-Act ist er meilenweit entfernt.
Gespaltenes Publikum
Wie reagieren aber die Zuschauer? Die Feuerwache ist an diesem Abend gut gefüllt, besonders zu Beginn sind die Stuhlreihen fast durchgehend komplett voll. Je länger das Konzert dauert, desto mehr lichten sich die Reihen. Diejenigen aber, die gelieben sind, applaudieren kräftig und ausgelassen.
Man kann also sagen: Die Reaktionen sind geteilt. Der Schreiber dieser Zeilen gehört zur Gruppe der Skeptiker. Wilkins sollte sich überlegen, ob er seine im Studio wirklich schöne und schön klingende Musik live mit etwas mehr Leidenschaft inszenieren möchte. Ansonsten droht, dass er in seichte Gefilde abgleitet.









