Vincent Peirani und Émile Parisien

Vincent Peirani und Émile Parisien © JP Retel

Es ist eines der letzten Konzerte bei Enjoy Jazz 2020 vor dem Lockdown. Vincent Peirani und Émile Parisien öffnen mit ihrer Musik in der Christuskirche in Mannheim die Herzen der Zuschauer und beweisen in eindrucksvoller Weise, was Livemusik leisten kann.

Die Konzerterfahrung beginnt schon, bevor überhaupt die ersten Töne erklingen. Fast einen ganzen Block entlang steht die Schlange, auf der Zielgeraden ist der Abstand von 1,5 Metern mit neonpinken Klebestreifen eingezeichnet.

Nachdem alle Besucher vom Enjoy Jazz-Team auf ihre Plätze geleitet wurden, dankt Festivalleiter Rainer Kern in einer Begrüßungsansprache den Musikern, aber auch dem Publikum, das sich trotz der schwierigen Situation eingefunden hat.

Moderner Mix

Schon als die beiden französischen Ausnahmetalente Vincent Peirani (Akkordeon) und Émile Parisien (Sopransaxofon) die Bühne betreten, haben sie die Zuschauer für sich gewonnen. Ihr unaufdringlicher Humor sorgt auch zwischen den Stücken immer wieder für aufrichtige Lacher aus dem Publikum.

Das erste Stück, "Temptation", zeigt bereits, was das Duo ausmacht: Sensuelle Spannungen und unbeirrbarer Rhythmus, ein Genremix, der mühelos Tango, Klassik, Klezmer und französische Chansons verbindet.

Einflüsse aus aller Welt

Hier werden die diversen musikalischen Wurzeln der Musiker offenbar: Peirani etwa erhielt schon früh Auszeichnungen im klassischen Bereich während Parisiens erstes Quartett von europäischen Größen wie Arnold Schönberg oder Richard Wagner, aber auch von amerikanischen Jazzlegenden wie John Coltrane oder Wayne Shorter inspiriert wurde.

Voller Einsatz

Die beiden Musiker spielen mit vollem Körpereinsatz und das nicht nur während der virtuosen Solopassagen und schnellen Läufe, sondern auch in ganz unerwarteter Weise; etwa wenn Peirani Schnalzen als perkussives Element einsetzt oder Parisien gemeinsam mit den Zuschauern im Takt schnipst.

Die Stimme ihrer Instrumente wiederum ist so vielseitig wie ihre Einflüsse. So säuselt Parisiens Saxofon wie die Winde, die Namensgeber von "A Bebernos los Vientos" sind und erinnert mit seinem intensiven Vibrato an das Timbre einer Édith Piaf.

In "Nouchka", das Peirani für seine Frau geschrieben hat, entlockt er dem Akkordeon Töne, die liebevoll und warm klingen wie ein Cello, dann wieder schallen die sphärischen Bordunquinten durch die Kirche wie eine Orgel.

Eingespielt

Das Duo weiß wahrhaftig den gesamten Raum zu füllen, sodass es einem schwer fällt, zu glauben, dass wirklich nur zwei Personen diesen Sound erzeugen. Sie harmonieren so perfekt miteinander, dass gar keine Rhythm-Section vonnöten ist.

Ob bewegt und dynamisch oder kontemplativ, alle Tempo- und Lautstärkewechsel nehmen die beiden gemeinsam und es wird klar, warum sie über den Lauf ihrer Karriere immer wieder zueinander gefunden und auch mehrere Alben gemeinsam aufgenommen haben.

Standing Ovations

Nach dem vorerst letzten Stück bebt die Christuskirche vom Stampfen der Füße, als die Musiker die Bühne verlassen. Das Publikum ist sichtlich begeistert und bewegt die Künstler gar dazu, noch ein Stück zu spielen, obwohl die Lichter bereits wieder an sind.

Peirani und Parisien werden mit Standing Ovations verabschiedet, ein Zuschauer beschreibt das Konzert im Anschluss als "die schönsten zwei Stunden dieses Jahres".

Am Ende war der Name des neusten Albums der Jazzmusiker tatsächlich Programm – "Abrazo" – eine musikalische Umarmung.

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