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HEAVEN 17 (live in Mannheim 2019) © Rudi Brand

Heaven 17, die Pioniere des britischen New Wave Synth-Pops ziehen mit ihrer Best-Of Show das Publikum im Mannheimer Capitol komplett in ihren Bann und beweisen sowohl mit eigenen Hits als auch mit ausgesuchten Coverversionen ihre Relevanz für die Gegenwart.

Fragt man heute den durchschnittlichen Musikhörer ob er Heaven 17 kennt, antwortet dieser zu 95% mit "Nein". Fragt man nach dem Song "Temptation" und stimmt den Hit von 1983 kurz an, heißt es hingegen: "Ja, klar!"

Der Hit der Band aus Sheffield, die sich einst von Human League abspaltete und über B.E.F. (British Electric Foundation) schließlich zu Heaven 17 wurde, brachte es 1983 auf Platz 2 der UK-Charts und darf seither auf keiner 80er-Revival-Party fehlen.

Seit etlichen Jahren halten Martyn Ware (Keyboards) und Sänger Glenn Gregory die Erinnerung an diese Zeit mit ihren Live Shows am Leben. Dennoch war es eine große Überraschung, als Heaven 17 nach etlichen Jahren Liveabstinenz für Ende 2019 zwei Konzerte in Frankfurt und Mannheim ankündigten.

Die Anfänge zu Beginn

Disco-Nebelschwaden liegen in der Luft: Frenetisch feiern die 50-Somethings im sehr gut gefüllten Rund des Mannheimer Capitols den Einzug der beiden noch aktiven Gründungsmitglieder des einstigen Trios.

Verstärkt um eine Keyboarderin und die obligatorische Background-Sängerin eröffnen sie mit "Circus Of Death", einem sperrigen frühen Stück vom Human League, dessen Mitbegründer Martyn Ware in den späten 70ern war. Der kalte Elektrowalzer dreht sich krude, als Glenn Gregorys markanter Bariton erklingt. Ein stilvoller Einstieg mit Referenzen an den Ursprung der Band.

Die Verbindung zu Human League

Die Verbundenheit und Verstrickung der beiden Bands Human League und Heaven 17 bleibt auch im Verlauf des weiteren Abends immer wieder Thema und wird mit Anekdoten angereichert.

So klärt Glenn Gregory auf, dass Heaven 17 ihr Debütalbum zur gleichen Zeit im selben Studio aufnahmen, in dem Human League gerade auch ihr Hitalbum "Dare" produzierten.

Zwei Platten für die Ewigkeit

Das heute leider wieder aktuelle "(We Don’t Need This) Fascist Groove Thang" sowie das quirlige "Play To Win" vom Debüt "Penthouse & Pavement" zeigen dann auch, dass Martyn Ware dem kalten analogen Synthie-Sound seiner ersten Band eine Brise mehr Soul und Funk einhauchen wollte, um 1981 die Dancefloors zu erobern.

"Crushed By The Wheels Of Industry" vom kommerziell erfolgreichen Nachfolgealbum "The Luxury Gap", das die drei glühenden Labour-Anhänger auf dem Höhepunkt des Thatcherismus 1983 veröffentlichten, schlägt in die gleiche Kerbe und die heizt der Menge ordentlich ein.

Die Chemie von Heaven 17

Die Chemie des Duos der beiden über Sechzigjährigen harmoniert auch in Mannheim prächtig. Martyn Ware ist mit Glitzerjacket und senfgelbem Hemd der Grandseigneur und Elektropionier an den Tasten, während Glenn Gregory die Rampensau gibt und die Menge unentwegt zum Mitklaschen auffordert.

Das hat dann schon auch mal was von Schinkenstrasse, wenn er sein schwarzes Jackett auszieht und auf den Fußboden stampft. Das Mannheimer Publikum aber will das so, liebt es und der Funke springt völlig über. Beide sind sichtlich angetan von der gewaltigen Resonanz der Zuschauer auf lange nicht gehörte Evergreens wie z.B. "Geisha Boys & Temple Girls".

Coverversionen

Während sich Martyn Ware im Duett mit seinem Sänger am übergroßen "You’ve Lost That Lovin’ Feelin’" versucht, was einen ganz eigenen Charme besitzt, zeigt Gregory, wie wichtig David Bowie als Inspiration für Heaven 17 war.

Der Sänger tourt seit Jahren im UK mit verbliebenden Bowie Musikern und bietet mit Heaven 17 eine groovende Version von "Let’s Dance", was die Stimmung im Saal nur noch mehr gegen den Siedepunkt treibt.

Seltenes und Großartiges

"And That’s No Lie", ein eher unbekannteres Stück vom Album "How Men Are" (veröffentlicht 1986, als ihr Stern kommerziell schon am sinken war), zieht sich etwas in die Länge. "Let Me Go" war 1982 die erste Single nach dem Debütalbum und stellt einen Quantensprung in der Entwicklung der Band dar.

Musikalisch gereift und mit noch mehr Popappeal feiern Heaven 17 Gregorys Lieblingsstück und man kann in den strahlenden Gesichtern der Zuschauer sehen, dass dies ein ganz besonderer Moment ist. Das majestätische Popstück über Liebe und Trennung ist gleichzeitig Highlight des Abends.

Furioses Finale

"Penthouse & Pavement", der fetzige Titelsong des Debuts, der so gekonnt das damalige Yuppietum Londoner Banker aufs Korn nimmt, bereitet den Weg zum großen Finale mit "Temptation", das durch die Backgroundsängerin ein langes Intro erhält bevor Glenn Gregory die denkwürdigen Zeilen "I’ve never been closer" anstimmt um den Song um ein paar Eurodance-Beats verstärkt, publikumswirksam zu zelebrieren. 

Der feine Phillysound der 83er Studioversion geht dabei leider etwas verloren, wäre aber mit Streichern live sicher schwierig zu reproduzieren gewesen.

Überraschende Zugaben

Das Capitol steht dennoch Kopf und wird mit "Being Boiled" als Zugabe belohnt. Noch einmal hört man den Einfluss, den die Analog-Synthesizer von Kraftwerk auf den jungen Martyn Ware hatten und ob nun Human Leagues Phil Oakey oder Glenn Gregory "Listen to the voice of Buddah" schmettern, spielt an diesem Abend keine Rolle.

Bei den Mittfünfzigern werden dadurch Erinnerungen an Wave Discos der frühen 80er nahezu greifbar. Die Band beschließt bei ihrem letzten Gig 2019, anders als in Frankfurt einen Tag vorher, noch ein Stück anzuhängen und rundet mit "We Live So Fast" diesen famosen Nostalgieabend ab.

Die Deutschlandtournee wird 2020 fortgesetzt.

Setlist

B.E.F Ident Intro / Circus Of Death / (We Don’t Need This) Fascist Groove Thang / Crushed By The Wheels Of Industry / Play To Win / Come Live With Me / Geisha Boys & Temple Girls / You’ve Lost That Lovin' Feelin' / Let's Dance / And That’s No Lie / Let Me Go / Penthouse And Pavement / Temptation / Being Boiled / We Live So Fast

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