The Beatles würdigen "Abbey Road" in verschiedenen opulenten Editionen

The Beatles würdigen "Abbey Road" in verschiedenen opulenten Editionen © Universal Music

"Abbey Road", das dritte Remix-Projekt des Beatles-Katalogs schafft eine deutlich differenzierter klingende Alternative zum Original und bietet in (je nach Edition) weiteren Mehrwert in Forum von alternativen Takes und hochauflösenden Audioformaten.

Wie zuvor "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" und auch "The Beatles" (White Album) erfährt jetzt "Abbey Road" eine Neuauflage. Wie bei den früheren Veröffentlichungen hat Giles Martin, der kompetente Sohn von Beatles-Produzent George Martin, die Aufnahmen neu abgemischt.

Dazu gibt es in verschiedenen Fassungen auch Bonusmaterial in Form von Outtakes und hochauflösenden Audioformaten auf Blu-ray sowie auf Vinyl. Nicht wiederveröffentlicht werden Versionen, die bereits auf "Anthology 3" erschienen sind – abgesehen von einigen Ausnahmen.

Remix von hochwertigen Quellen

Was kann der Fan von dieser Veröffentlichung erwarten? Wir haben die "große Box" mit drei CDs und einer Blu-ray herangezogen, um den Mehrwert dieser ca. 90 Euro teuren Version zu beleuchten. Der Kern des Reissues ist natürlich der neu angefertigte Mix des Albums, bei dem auf alle zur Verfügung stehenden Mehrspurbänder der damaligen Produktion zugegriffen wurde.

Die Original-Tonbänder sind bereits in den späten 1980er Jahren von Mark Lewinson gesichtet und kategorisiert worden. Später wurden sie hochauflösend digitalisiert, so dass die für einen solchen Prozess zur Verfügung stehenden Quellen sehr hochwertig sind. 

Akkribisch angefertigter Stereo-Mix

Das heißt konkret, dass Giles Martin wahrscheinlich jede einzelne Tonspur, die bei den Aufnahmen verwendet wurde, einzeln für den Remix verwenden konnte. Dieser Umstand ist wichtig, denn den Beatles standen damals "nur" 8-Spur-Aufnahmegeräte zur Verfügung. Für Produktionen, die mehr als 8 getrennte Spuren bedurften waren sie darauf angewiesen, mehrere Spuren zusammen zu mischen, um freie neue Spuren für weitere Overdubs (d.h. neu hinzu kommende Aufnahmen von Instrumenten) zu schaffen.

"Abbey Road" war das erste Beatles-Album, das nicht mehr in einer Mono-Version erschien. 1969 hatte sich auch im UK Stereo endgültig als Standard durchgesetzt. Schon das im Vorjahr erschienene Weiße Album war nur in geringer Auflage in Mono erschienen und ist daher heute entsprechend teuer. Der Stereo-Mix wurde daher auch akribisch angefertigt. Insofern ist der originale Mix gemessen an heutigen Ansprüchen weitaus zeitgemäßer und deshalb der zu erwartende Mehrwert eines Remix' weniger bahnbrechend als bei den Alben davor.

Klarer und differenzierter Sound

Generell lässt sich zu dem Remix sagen, dass Giles Martin eine klarere Verteilung der Instrumente im Stereo-Panorama vorgenommen hat. Der Hörer erlebt den Gesamtsound als weiter und weniger komprimiert als beim Originalmix. Die meisten Instrumente und Gesangsstimmen finden sich an der vertrauten Position im Gesamtsound, wirken aber gefühlt leiser, möglicherweise damit für sie mehr Raum zur Verfügung steht.

Dadurch wird der Sound entzerrt, was nicht allen gefallen wird. Das leicht Schepperige des 60er-Jahre-Sounds weicht größerer Klarheit und einem differenzierteren Klang aller Instrumente. Das gilt insbesondere für die hochauflösende (96kHz/24 bit) Version auf der Blu-ray. Die CD (14,4kHz/16 bit) kann diese Transparanz und Dynamik nicht bieten und lässt den Unterschied im Mix geringer ausfallen.

Anhand der Originaltracks des Albums und der wenigen nicht auf der Platte enthaltenen Extratracks wollen wir aufzeigen, was dieses Reissue konkret bietet.

Come Together: Perkussion und Sologitarre treten stärker hervor. Der Bass ist weniger dominant als auf der ebenfalls neu gemischten "Love"-Version. Das Hi-Hat ist deutlich leiser als im Original. Insgesamt klingt der Song weniger wuchtig als bei den 2009er Remasters und dafür differenzierter, was für alle Tracks des Remixes gilt. Auf der CD 3 befindet sich eine tolle Alternativversion des Songs (Take 5) mit launigen Studiodialogen. 

Something: Die perkussiven Elemente in der Bridge treten im Remix deutlich hervor, der Bass ist hingegen zurückgenommen und die Rhythmusgitarre klarer zu hören. Außerdem wurden die orchestralen Overdubs viel präsenter in den Mix integriert. Auf CD 3 sind diese übrigens isoliert herausgehoben noch einmal separat zu hören. Ebenfalls enthalten (CD 2) ist das Demo des Songs, das in einem anderen Mix auch bereits auf "Anthology 3" enthalten war.

Maxwell’s Silver Hammer: Bei diesem kontrovers bewertetem Song aus der Feder McCartneys erscheinen die Drums vor allem im Chorus lauter, die Moog-Synthesizer-Parts erklingen stärker im Vordergrund und auch das zweistimmige Gitarrensolo wirkt definierter. Interessant sind die tiefen Stimmen im Schlusschor, die man zuvor so nicht wahrgenommen hat. Am Ende von CD 2 ist die abgespeckte Fassung von Take 12 zu hören, die durchaus charmanter klingt als der finale Track.

Oh! Darling: Hier ist der Backgroundgesang (insbesondere von Lennon!) in der Strophe viel lauter. Die Achtelschläge von Piano und Leadgitarre in der Bridge sind ebenfalls prominenter abgemischt. Die alternative Version (Take 4) auf CD 2 bringt keinen großen Mehrwert.

Octopus’s Garden: Auf Ringos Beitrag klingen die Drums klingen deutlich voller als in der Originalversion, was eine deutliche Verbesserung darstellt. Der Tremolo-Effekt auf den Chören beim Gitarrensolo ist klarer zu hören. CD 2 enthält Take 9, der eine starke Alternative darstellt, aber dann leider aufgrund eines Spielfehlers von Ringo abgebrochen wird.

I Want You (She’s So Heavy): Die Orgel "unter" dem Gitarrensolo tritt deutlicher hervor. Das Riff im Outro klingt noch bedrohlicher als in der Urversion mit mehr Bässen im Sound. Das Rauschen ist deutlich reduziert, aber immer noch zu hören. CD 2 beginnt mit einer spannenden Alternativversion des Songs, bei der Billy Preston in dem langen Outro zu einem der Urväter dessen wird, was man gemeinhin als "Schweineorgel" bezeichnet.

Here Comes The Sun: Der zweite Stand-Out-Track von George Harrison hat noch klarer klingende Akustikgitarren, der Moog ist gleich im Intro deutlich prominenter. Auch hier kommen die Streicher stärker durch. Take 9 auf CD 2 bringt wenig Mehrwert.

Because: Das von George Martin gespielte Cembalo-Intro klingt anders und der Moog-Synthesizer ist erneut klarer im Sound. Das Studioprotokoll erwähnt Handclaps von Ringo, die aber weder auf der Originalversion noch auf dem Remix hörbar sind. Die instrumentale Version auf CD 3 können motivierte Hobby-Remixer in Verbindung mit der "nur Gesang"-Version von "Anthology 3" als Grundlage für ein ganz eigenes Projekt verwenden.

You Never Give Me Your Money: Der Auftakt zu dem langen Medley auf der B-Seite des Originalalbums bietet einen prominenteren Bass mit mehr Attack im Sound. Die Tubular Bells und Noises am Ende sind ebenfalls deutlich klarer. Die Alternativversion (Take 36) auf CD 2 bleibt im Vergleich zur finalen Fassung eher blass.

Sun King: Bei dieser Lennon-Nummer sind die Gitarren prägnanter abgemischt. Der Leslie-Effekt von der Orgel schwebt im Sound viel klarer. Die instrumentale Version auf CD 3 klingt sehr gut, aber der Gesang fehlt doch.

Mean Mr. Mustard: Vielleicht der Song, der in dem neuen Remix am wenigsten von dem Original abweicht. Selbstverständlich wurde hier auch das Stereopanorama weiter ausgenutzt und den einzelnen Spuren durch Lautstärkereduktion mehr Raum gegeben, aber dadurch entstehen kaum nennenswerten Unterschiede. Die alleinstehende Alternativversion auf CD 3 ist etwas langsamer und hat einige launige Kommentare von Lennon.

Polythene Pam: Klingt definitiv anders. Die akustischen Gitarrenschläge sind in der Blu-ray-Version weniger verzerrt als im Original, was keine Verbesserung darstellt. Das Tamburin ist klarer, generell erklingt Percussion auch hier wieder lauter. Die Alternativversion hat noch relativ zurückhaltende Leadvocals von Lennon, die Band spielt aber sehr knackig.

She Came In Through The Bathroom Window: Ähnlich wie bei anderen Tracks erklingen das Tamburin und die Percussion-Akzente weiter vorne im Mix. Auch die E-Gitarren klingen präzisier. Die alternative Version auf CD 3 ist stärker von der akustischen Gitarre dominiert und klingt dennoch kraftvoll.

Golden Slumbers: Durch den Remix erhalten die orchestralen Parts mehr Raum und klingen differenzierter. Ansonsten ist kein großer Unterschied zu dem originalen Mix zu erkennen. Der letzte Track von CD 3 enthält das instrumentale orchestrale Arrangement. Zusätzlich ist der Song auch auf CD 2 enthalten, wo Paul zu Beginn das nicht unähnliche "„Fool On The Hill" anspielt.

Carry That Weight: Einige Unterschiede stechen ins Ohr. Die extra Snare-Schläge im Chorus sind deutlich lauter, das Orchester klingt gewaltiger, der Bass hat mehr Attack. Auf den Bonustracks sind Grundversionen des Tracks zu hören, die im Verbund mit "Golden Slumbers" aufgenommen wurden.

The End: Die Drums verfügen im neuen Mix über mehr Punch und sind stärker im Stereopanorama vertreten. Auch hier hat der Bass mehr Attack, die Leadgitarren klingen präziser und auch Perkussion scheint wieder lauter. Als alternative Version ist der Take 3 auf CD 3 enthalten, der allerdings ohne Vocals und Gitarrensoli ein wenig leer bleibt.

Her Majesty: Bei der Nummer kann man nicht viel machen, aber der Anfangsakkord wirkt irgendwie gewaltiger. Sehr interessant ist der frühe Mix des Medleys, der auf CD 3 als "The Long One" ausgezeichnet ist. Hier ist "Her Majesty" nämlich nicht am Ende als erster Hidden-Track aller Zeiten, sondern zwischen "Mean Mr. Mustard" und "Polythene Pam" platziert.

Folgende Non-Album-Tracks sind ebenfalls enthalten:

Goodbye: Ein Song aus der Feder von Paul McCartney, den er als Demo einspielte und der später von Mary Hopkin aufgenommen wurde. Klangmäßig klar im Demobereich angelegt, aber trotzdem charmant. Hätte sich auf seinem ersten Soloalbum nicht schlecht gemacht, die Nummer!

The Ballad Of John And Yoko: Hier haben wir die Grundspur des finalen Tracks mit John an akustischer Gitarre sowie Gesang und Paul am Schlagzeug. George und Ringo waren außer Landes und so nahmen sie die Single nur zu zweit auf. Herrlich der Dialog vor dem Song. John sagt "Spiel etwas schneller, Ringo" und Paul antwortet "Okay, George!".

Old Brown Shoe: Bei diesem George Harrison-Song, der die B-Seite zu der "Ballad Of John And Yoko"-Single werden sollte, saß ebenfalls Paul McCartney am Schlagzeug, der den schnellen Shuffle durchaus meistert und dann später noch eine beeindruckende Bass-Spur einspielte.

Come And Get It: Deutliche Aufwertung der bereits auf der "Anthology 3" veröffentlichten Version, die jetzt wie eine Beatles-Aufnahme klingt, die auch zur regulären Veröffentlichung gedacht war. Hier hat Giles Martin einen Sound kreiert, der nah an dem Original-Mix von "Abbey Road" ist.

Gelungene Neuinterpretation

Abschließend lässt sich feststellen, dass "Abbey Road“, obwohl von der Vorlage her die schwerste Aufgabe für einen verbesserten Remix, von Giles Martin stimmig überarbeitet worden ist. Viele der Bonustracks besitzen einen speziellen Charme, der Fans glücklich machen wird.

Wem das neue Soundgewand weniger gut gefällt als die tendenziell wuchtigeren, geballten alten Versionen, könnte trotzdem an den Bonustracks Freude haben. Ebenfalls erwähnenswert ist das aufwendig gestaltete Buch, das neben tollen Bildern aus dem Sommer 1969 auch detaillierte Informationen zum Entstehungsprozess des ganzen Albums bzw. zu den Aufnahmen der einzelnen Songs bietet.

Ein Ausblick

Im kommenden Jahr dürfen sich die Fans dann auf ein "Let It Be"-Paket freuen, bei dem mit Sicherheit auch das Filmmaterial eine Rolle spielen wird. Und dann stellt sich die Frage, wie mit den Aufnahmen aus der Zeit vor "Pepper" verfahren wird.

Auf jeden Fall ist zu erwarten, dass die hochauflösenden digitalen Master der Bluray-Discs einen ähnlichen Quantensprung im Sound mit sich bringen wie bei den drei nun vorliegenden Editionen. 

Disc 1 (CD) : 2019 Stereo Mix

  1. Come Together
  2. Something
  3. Maxwell’s Silver Hammer
  4. Oh! Darling
  5. Octopus’s Garden
  6. I Want You (She’s So Heavy)
  7. Here Comes The Sun
  8. Because
  9. You Never Give Me Your Money
  10. Sun King
  11. Mean Mr Mustard
  12. Polythene Pam
  13. She Came In Through The Bathroom Window
  14. Golden Slumbers
  15. Carry That Weight
  16. The End
  17. Her Majesty

Disc 2 (CD): Sessions

  1. I Want You (She’s So Heavy) (Trident Recording Session & Reduction Mix)
  2. Goodbye (Home Demo)
  3. Something (Studio Demo)
  4. The Ballad Of John And Yoko (Take 7)
  5. Old Brown Shoe (Take 2)
  6. Oh! Darling (Take 4)
  7. Octopus’s Garden (Take 9)
  8. You Never Give Me Your Money (Take 36)
  9. Her Majesty (Takes 1-3)
  10. Golden Slumbers/Carry That Weight (Takes 1-3 / Medley)
  11. Here Comes The Sun (Take 9)
  12. Maxwell’s Silver Hammer (Take 12)

Disc 3 (CD): Sessions

  1. Come Together (Take 5)
  2. The End (Take 3)
  3. Come And Get It (Studio Demo)
  4. Sun King (Take 20)
  5. Mean Mr Mustard (Take 20)
  6. Polythene Pam (Take 27)
  7. She Came In Through The Bathroom Window (Take 27)
  8. Because (Take 1 – Instrumental)
  9. The Long One (Trial Edit & Mix – 30 July 1969)
  10. (Medley: You Never Give Me Your Money, Sun King, Mean Mr Mustard, Her Majesty, Polythene Pam, She Came In Through The Bathroom Window, Golden Slumbers, Carry That Weight, The End)
  11. Something (Take 39 – Instrumental – Strings Only)
  12. Golden Slumbers/Carry That Weight (Take 17 – Instrumental – Strings & Brass Only)

Blu ray: Audio Features: Dolby Atmos / 96kHz/24 bit DTS-HD Master Audio 5.1 / 96kHz/24 bit High Res Stereo (2019 Stereo Mix)

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