Christina Aguilera (live in Stuttgart, 2019)

Christina Aguilera (live in Stuttgart, 2019) © Dieter Reimprecht

Bei den Jazzopen 2019 in Stuttgart heizt ein bestens aufgelegter Aloe Blacc den Zuschauern mächtig ein. Dann spielt Christina Aguilera eine aufwendig inszenierte Show mit einigen Highlights, hinterlässt jedoch auch Fragezeichen.

Nachdem Aloe Blacc schon am Donnerstag neben Emeli Sandé für den erkrankten Sting eingesprungen war, spielt er am Samstag auf dem Schlossplatz bei der Jazzopen Stuttgart 2019 sein reguläres Set.

Er steigt gleich mit seinem Hit "I Need A Dollar" ein und verwandelt den Song live in eine ausgefeilte Free-Jazz Improvisation mit Elementen aus Reggae und Dub-Step. Das Bläserfeuer bei "Lift Your Spirit" drückt gewaltig – ein Song mit tollem Rhythmus sorgt für beste Laune.

Sommer-Feeling

Der lässige Soul von "Love Is The Answer" ruft echtes Sommerfeeling hervor, und das trotz Wolken am Himmel. Aloe Blacc präsentiert Hit auf Hit: Dem coolen Dance-Groove von "You Make Me Smile" mit seinem Funk-Blues folgt die emotionale Soul-Ballade "My Way". Auch das Elton John Cover "Your Song" wird durch Aloe Blacc zum großen Soul- und Jazzerlebnis, bei dem alle Zuschauer auf dem Platz ihre Arme schwenken.

Zum Gedenken an Avicii spielt er auch noch die beiden Songs, die er mit ihm produziert hat. Aus "S.O.S." wird eine von Jazz durchsetzte Improversion mit Bläsersolo. Den Megahit "Wake Me Up" verwandelt er unter Riesenstimmung des Publikums in eine Up-Tempo Version mit mehreren Soloeinlagen der Band, während er selbst den lässigen Vortänzer gibt. Eine Stunde zeigt Aloe Blacc eine tolle Show – ein weiteres Highlight in der Geschichte der Stuttgart Jazzopen.

Viel Show bei Christina Aguilera

Rund 13 Jahre mussten die Fans von Christina Aguilera in Deutschland warten. Seit ihrer legendären "Back To Basics Tour" 2006 hat sie hier kein Konzert mehr gespielt. Umso größer war die Spannung, wie stark ihre Stimme noch ist und wie sie die Show aktuell gestalten kann.

Tatsächlich ist genau diese Frage der Knackpunkt des ganzen Konzerts. Denn schon früh wird klar, dass Christina Aguilera etwas versucht, was sie offensichtlich im Moment nicht kann – eine Show abzuliefern wie vor 13 Jahren. Mit jetzt 39 Jahren gelingt es ihr jedoch offenbar nicht zu tanzen und durchgängig auf höchstem Niveau zu singen wie mit Mitte 20.

Sporadische Spitzen

Die Show steht im Vordergrund, nicht Aguileras Gesang – so läuft es bei vielen Songs an diesem Abend. Schon das Opening von "Bionic" und "Your Body" wirft Fragen auf. Christina Aguilera singt, setzt in die Songs immer kleine Gesangsspitzen. Aber die eigentlichen Strophen werden wie bei ihrem Welthit "Genie In A Bottle" hauptsächlich vom Backgroundchorus getragen.

Auch "Dirrty" bietet mehr auf sexy gemachte Show als wirklich starken Gesang und "Can't Hold Us Down" verliert durch den aufgesetzten, völlig überpowerten Sound seine Emotion. Die vielen Pausen mit Videos und durchaus sehenswerten Tanzeinlagen ihrer Crew sowie einige verkürzte Snippets ihrer Songs hinterlassen leider den Eindruck, dass Christina Aguilera für eine komplette Vollpowershow, die sie anscheinend gerne präsentieren möchte, einfach die Kondition fehlt.

Die Highlights

Allerdings soll keinesfalls der Eindruck entstehen, dass Christina Aguilera nicht singen könnte – im Gegenteil. In ihren großen Momenten zeigt sie, was sie noch drauf hat. Die Power-Ballade "The Voice Within" ist ein erstes Highlight, als sie ihre Stimme nach oben öffnet und ihre Emotionen richtig zur Geltung kommen.

Als sie ihre Single "Twice" aus dem aktuellen Album "Liberation" singt, zeigt sie ihre einzigartige Fähigkeit, dem Publikum emotional unter die Haut zu kriechen – einfach pure Gänsehaut, wenn sie wirklich nur mit ihrer Stimme arbeitet. Auch das Duett des Filmhits "Say Something", bei dem sie nur mit einem ihrer Sänger auf der Treppe sitzt, geht direkt ans Herz und zeigt ihre ganze emotionale Kraft.

Auf und Ab

So bleibt die Show ein ständiges Auf und Ab. Ein Song wie "What A Girl Wants" wird nur verkürzt angesungen, ebenso wie "Come On Over", auch wenn der Song in dieser lässigen Swing-Version gut zur Jazzopen passt. Bei "Ain't No Other Man" bekommt man wieder kleine Anflüge von Gänsehaut, aber eben nur kurze Einlagen und keinen durchgängigen Gesang von Christina Aguilera.

Super inszeniert ist "Candyman" als Dance-Show fürs Auge mit mitreißendem Rhythmus. Völlig überflüssig dagegen ist das Pitbull-Cover "Feel This Moment", eine Art Glitter-Party, um möglicherweise das ganz junge Publikum anzusprechen. Da hat sie eigene Songs, die besser passen. Gerade Songs wie "Welcome" mit der Songzeileneröffnung "Welcome to the greatest show" bietet so viel bessere Möglichkeiten.

Ganz am Ende setzt Christina Aguilera noch zwei echte Momente, die in Erinnerung bleiben. Die emotionale Tiefe ihrer Ballade "Beautiful" ist purer Genuss, als sie mit dem Publikum singt. Mit dem energiegeladenen "Fighter" folgt noch ein echtes Powerpaket. Nicht umsonst wird bei keinem Song so laut geklatscht und geschrien.

Zukunft

Es ist fraglich ob sich Christina Aguilera mit einem solchen Showkonzept langfristig einen Gefallen tut. Wie unterschiedlich sich Karrieren entwickelt haben, sieht man an "Lady Marmelade". Auch bei diesem Song hat Aguilera ihre starken Momente, aber es sind eben nur Momente. 2001 hat sie diesen Song unter anderem mit P!nk eingespielt. Nur vier Tage vor Aguileras Show hat die knapp ein Jahr ältere P!nk im Stadion in Stuttgart ein unvergleichliches Feuerwerk abgefackelt. 

Eine solche Powershow schafft Chistina Aguilera selbst ohne Flugshow und Akrobatikeinlagen nicht. Hier haben sich zwei Karrieren, die noch vor rund 20 Jahren auf ähnlichem Level waren, sehr unterschiedlich entwickelt. Christina Aguilera ist immer noch Weltklasse, wenn sie ihre Stimme ins Zentrum des Konzerts stellt. Aber sie muss durchgängig stimmlich präsent sein.

Wenn sie davon spricht, dass sie in den letzten Jahren die Zeit brauchte, ihre Familie aufzubauen und erwachsen zu werden, wäre es vielleicht sinnvoll, ihre Show genau daran anzupassen. Das Konzept ihrem Alter entsprechend gestalten, weg von dem sexy Teenie-Girl, das sie einfach nicht mehr ist. Weniger Kostümwechsel, dafür mehr echter Gesang.

Setlist:

X (Video) / Bionic / Your Body / Genie In A Bottle / The Voice Within / Golden Queen (Video) / Dirrty / Vanity / Express / Lady Marmelade / Fall In Line (Video) / Can't Hold Us Down (with "Boys Wanna Be Her") / Sick Of Sittin' / Maria / Twice / Say Something / Reflection / What A Girl Wants / Come On Over Baby (All I Want Is You) / Glam (Video) / Ain't No Other Man / Candyman (with "I Want Candy") / Accelerate / Feel This Moment (with "Desdunate") / Beautiful / Fighter // Let There Be Love

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