Es ist angerichtet: Vor der Jahrhunderthalle spielt ein gar nicht schlechter Dylan-Interpret dessen berühmteste Songs, die man drinnen nicht zu hören bekommen wird. Dass dieser Umstand einige Besucher überrascht und verblüfft, verblüfft und überrascht, denn es ist ja nun wirklich keine Neuigkeit.
Der Name "Rough and Rowdy Ways World Wide Tour" ist kein Witz. Nicht weniger als neun der zehn Stücke des gleichnamigen Albums wird Bob Dylan am ersten Abend seiner drei Konzerte in Frankfurt spielen, dazu einige Klassiker aus seinem überreichen Songkatalog.
Zurück zur Rockmusik
Vom ersten Ton an ist klar: Die aktuelle Tour bietet ein völlig anderes Erlebnis als die Konzerte vor Corona. Bob Dylan hat den Fluch der "Sinatra-Songs" abgeschüttelt und spielt jetzt wieder den energetischen Blues-Rock, der ihm in den 60ern so viel Ärger eingebracht hat.
Unterstützt wird er von seiner exzellenten Band, in der Schlagzeuger Jim Keltner der jüngste Neuzugang ist. Dazu kommt Tony Garnier, seit vielen Jahren der Fels jeder Dylan-Band und die Gitarristen Bob Britt und Doug Lancio. Der Bandsound ist gleichermaßen transparent wie spannungsreich.
Klassiker neu erfunden
Die Fähigkeit seine Klassiker neu zu erfinden, war stets Dylans Markenzeichen. An diesem Abend überzeugt zu Beginn ein wunderbar stimmiges "It Ain't Me Babe", bei dem Dylan klar und emphatisch singt. Seine gealterte Stimme besitzt zwar noch Kraft, aber häufig verschluckt und vernuschelt er ganze Silben, so dass es durchaus von Vorteil ist, wenn man weiß, was er singt.
Das in der Vergangenheit nicht immer gelungene "When I Paint My Masterpiece" überrascht mit einem langsamen Shuffle-Beat, der dem Lied gut zu Gesicht steht. Das große Highlight ist aber "Desolation Row". Dylan zelebriert das surreale Szenario und fügt einen gänzlich neuen Klavier-Part hinzu. Die schnelle Version von "It's All Over Now, Baby Blue" ist vielleicht der einzige Song, der an diesem Abend nicht vollauf überzeugt: Das Lied benötigt einfach ein langsameres Tempo.
Freude an der Musik
Die neuen Songs ähneln in ihren Versionen (wenig überraschend) den Studioaufnahmen, überzeugen aber allesamt aufgrund der energetischen Performances. Dazu trägt entscheidend der Star des Abends bei: Bob Dylan hat offenbar so viel Freude an der Musik wie schon lange nicht mehr.
Das merkt man an den ausgehnten Instrumentalpassagen, die er in seine aktuellen Performances eingebaut hat und an denen er mit Klavier und Gitarre, die er wohl auf den Flügel legt, kräftig mitwirkt. Dazu spielt er Mundharmonika wie ein junger Wilder – es ist eine wahre Freude.
Beim Gesang stützt er sich auf dem Flügel ab oder schleicht zum Mikrofonständer, wo er gelegentlich leicht schräg in die Knie geht, wenn er singt. In diesen Momenten merkt man sein Alter von 83 Jahren am stärksten.
Beständigkeit im Wandel
Es gab Zeiten, da wechselte Dylan die Setlist Abend für Abend beständig durch. Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Das Bemerkenswerte daran: Es stört nicht wirklich, dass er Abend für Abend die gleichen Lieder spielt, denn erstens sind die neuen Songs wirklich gut und zweitens erklingen die alten Songs in gelungenen Versionen.
Wenn der Eindruck nicht täuscht wirkt Dylan dankbarer, freundlicher und offener als bei vielen Konzerten in der Vergangenheit. Er bedankt sich regelmäßig und wirkt nicht ganz so unnahbar wie früher. Ganz am Ende verweilt er ungewöhnlich lange auf der Bühne – mindestens 10 Sekunden – und blickt ins Publikum, das ihm frenetisch applaudiert. Es ist ein Moment, den man von früheren Konzerten so nicht gewohnt ist.
Neue Facetten
Kurz zuvor hat er mit "Every Grain of Sand" eines seiner besten Lieder in einer wirklich berührenden Version gesungen. Über den religiösen Inhalt kann man streiten, nicht aber über die tiefen Empfindungen, die dieser Song transportiert. Auch stimmlich ist das vermutlich die beste Performance des Abends.
Beim Herausgehen diskutieren die einen, warum er nicht "Like A Rolling Stone" gespielt hat, die anderen bejubeln einen herausragenden Auftritt, den man so nicht mehr unbedingt erwarten konnte. Später fragt mich ein Freund, ob ich Dylan jemals besser erlebt hätte. Eine schwierige Frage. Das Schöne an Dylan-Konzerten ist, dass man stets neue Facetten des Nobelpreisträgers entdeckt – und das liegt daran, dass Dylan stets neue Facetten an sich selbst entdeckt.
Setlist
All Along the Watchtower / It Ain't Me, Babe / I Contain Multitudes / False Prophet / When I Paint My Masterpiece / Black Rider / My Own Version of You / To Be Alone With You / Crossing the Rubicon / Desolation Row / Key West (Philosopher Pirate) / It's All Over Now, Baby Blue / I've Made Up My Mind to Give Myself to You / Watching the River Flow / Mother of Muses / Goodbye Jimmy Reed / Every Grain of Sand








