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Father John Misty (live in Darmstadt, 2018) © Johannes Rehorst

Father John Misty gönnt sich eine Pause davon, auf Twitter Musikkritiker zu verspotten und geht auf Tour. Doch leider lässt die sterile Perfektion seines Konzerts in der Darmstädter Centralstation jene Emotionen vermissen, die Misty in seinen Texten besingt.

Die Darmstädter Centralstation ist proppenvoll an diesem kalten Novemberabend: Father John Misty (alias Joshua Tillman) ist zu Besuch!

Der große Ironiker, der abwechselnd mit von der Kritik gelobten Alben und (geringfügig) selbstbezüglichen Twitter-Posts in der Öffentlichkeit steht, lässt sich zur Veröffentlichung seines neusten Albums "God's Favourite Customer" auf deutschen Bühnen blicken. 

Nice and Quiet

Bedouine, der Opening Act an diesem Abend, geht vor der überbordenden Instrumenten-Auswahl von Father John Mistys Band fast ein bisschen unter – jedoch nur fast.

Die Kalifornierin mit dem Hippie-Kleid und dem blümchenverzierten Mikroständer zieht mit ihrer gefälligen, aber markanten Stimme und den so spärlichen wie wunderschönen Folk-Songs schnell die Augen und Ohren des Publikums auf sich. Der unverkrampfte Humor, den sie in Songpausen an den Tag legt, tut ihr übriges. 

Grabesstille

Father John Misty und Band geben sich dahingegen unnahbar: Wortlos beginnt die Gruppe ihr Set mit "Hollywood Forever Cemetery Sings", spielt sich von dort aus durch eine bunte Mischung aus ihrem Backkatalog – ohne, dass Misty oder die anderen Bandmitglieder das Publikum (außer in einigen wenigen Ansagen) wirklich beachten würden.

Das wäre an sich freilich kein großes Problem. Eine gewisse Arroganz gehört ja auch durchaus zu der Stage-Persona, die Tillman in Form des überlebensgroßen Father John Misty-Images kultiviert hat. Das enttäuschende an Mistys Auftritt ist, dass sich diese Reserviertheit auch musikalisch zumindest durch die erste, rockigere Hälfte des Sets zieht.

Die Performance wirkt routiniert und durchgeplant; selbst die Momente, in denen die Band die doch oft seichten Songs mit einer gewissen Härte durchbricht, lassen Lebendigkeit und Spontanität vermissen. Auch Father John Mistys gewollt-ungewollt komische Tanzeinlagen wirken zu erzwungen, um dahinter ein wirkliches Gefühl für das Gespielte auszumachen.

Total Entertainment

Erst in der zweiten Hälfte des Sets scheinen Father John Misty und Band ein wenig aufzutauen. Zumindest in kurzen Momenten scheint so etwas wie Spielfreude hinter der professionellen Fassade durchzuscheinen, so etwa beim launigen "I'm Writing a Novel".

Auch die darauf folgenden, ruhigeren Stücke stimmen dann doch eher versöhnlich: Der stellenweise fehlende Drive der Band fällt nicht hier nicht so sehr ins Gewicht, da es vor allem Father John Misty, seine Lyrics und seine Stimme sind, die nun im Vordergrund stehen.

Durchwachsen

Man muss die schwer zu bestimmende lyrische Herangehensweise Mistys, die irgendwo zwischen überheblicher Selbststilisierung, beißender (Post-)Ironie und schonungsloser Ehrlichkeit liegt, wohl mögen – sein lyrisches Talent kann man ihm jedoch nicht absprechen.

Ebensowenig lässt sich anzweifeln, dass Father John Misty ein wirklich talentierter Sänger ist. Und gerade in den Momenten, in denen die Emotionen in seinen Texten auch Ausdruck in seiner Stimme finden, funktioniert der Auftritt tadellos. Leider sind diese Moment jedoch zu rar gesät. 

So bleibt am Ende des Gastspiels in Darmstadt ein zwiespältiger Eindruck: Tillman und seine Band beherrschen zweifelsohne ihr Handwerk; die bisher veröffentlichten Alben sind in puncto Qualität nicht umsonst stets Kritikerlieblinge gewesen. Und doch fehlen an diesem Abend Lebendigkeit und Emotionen, um diese Qualitäten voll ausschöpfen zu können.

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