Ludovico Einaudi (2018)

Ludovico Einaudi (2018) © Decca/ Ray Tarantino

Ludovico Einaudi ist fraglos einer der populärsten Komponisten der Gegenwart. Sein Auftritt in der SAP Arena in Mannheim wirft die Frage auf: Ist das Klassik - oder doch etwas ganz anderes? Eines steht aber fest: Die Begeisterung ist groß.

Ludovico Einaudi ist derzeit so populär wie noch nie in seiner Karriere. 2017 füllte er die Berliner Waldbühne bis auf den letzten Platz. Ein nicht ganz leichtes Unterfangen, das wahrlich nicht jedem Musiker gelingt, fasst diese doch immerhin 22.000 Besucher. Nur logisch, dass er 2018 auf große Stadientournee geht.

Doch leider ist Mannheim nicht Berlin und so bleiben geschätzt die Hälfte der Sitzplätze leer. Woran liegt das? Ist es vielleicht die Schubladenlosigkeit, mit der Einaudis Musik gerne beschrieben wird? Ludovico Einaudi hat bei Luciano Berio studiert, einem hoch angesehenen Komponisten und Pionier der elektronischen Kunstmusik.

Minimal Music für die Jungen

Grund genug ihn in die Schublade klassische Musik zu stecken? Einaudi selbst bezeichnet sich gerne als Minimalist. Die Minimal Music ist ein in der Klassik angesehenes Genre und viele Merkmale der Einaudischen Musik, wie beispielsweise repetitive Strukturen und Melodien, spiegeln die Grundgedanken dieser Strömung wieder.

Aufgrund seines Wirkens heute lässt er sich auch der gerne so betitelten Neoklassik zuordnen, der auch Richter, Frahm und Arnalds zuzurechnen sind. Gefällige Musik, die mit eingängigen Melodien und Klangfarbengestaltung arbeitet, um die Hörer in eine Traumwelt zu entführen. Ein Genre, das vor allem bei Jüngeren große Beliebtheit erfährt und somit dem Hörersterben in der Klassik Einhalt gebieten soll.

Ist das noch Klassik?

Genau hier haben wir den Punkt erreicht, an dem sich derzeit die Geister scheiden: ist die Neoklassik wirklich Klassik oder etwa nicht? Betrachten wir das Konzert in der Mannheimer SAP Arena formal und suchen nicht die Merkmale in der Musik selbst, fallen uns folgende Merkmale eines typischen Klassikkonzertes auf: Einaudi betritt nach seinen Mitmusikern, die in Orchestermanier stumm ohne Blickkontakt zum Publikum ihre Plätze beziehen. Das Publikum feiert ihn.

Diesen Ablauf von kategorisierenden Willkommensapplaussalven kennt man nur zu gut aus dem klassischen Konzertsaal. Der Dirigent beziehungsweise der Solist als Star, das Orchester als Mittel zum Zweck. Während des Konzertes sitzt Einaudi stets mit dem Rücken zum Publikum an seinem Konzertflügel. Das Sextett spielt sauber, konzentriert und unpersönlich. Ein Kontakt zum Publikum wird tunlich vermieden. Was im Zentrum steht, ist die Musik – und nur die Musik.

Ruhe im Saal

Der Personenkult liegt auf dem Hauptakteur, der sich ein einziges Mal während des Konzertes dem Publikum zuwendet – nach seinem halbstündigen Pianosolo, das als einzig von der Lüftung der Halle begleitet wird. Das Publikum sitzt bei Einaudi starr in Reih und Glied. Kein Ton ist von ihm zu vernehmen, obwohl auf der Bühne mitunter bedrückende und sich aufbauschende Klanggebilde entstehen. Geklatscht wird, teils sehr begeistert, zwischen den Stücken. 

Dem Klassikpublikum bestens bekannt sind auch sogenannte Sandwichprogramme. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Regel aus drei Werken bestehen, wovon zwei das Publikum anlocken und das dritte meist, pädagogisch intendiert, das Publikum weiter bilden soll, ob es ihm gefalle oder nicht. Auf gut Deutsch: zwischen Mozart und Beethoven werden zeitgenössische Stücke, wie beispielsweise des bereits erwähnten Berio, geschoben, wegen denen das Publikum niemals ins Konzert gekommen wäre, die das Orchester aber so gerne spielt. Mit dem gefälligen Finale soll garantiert werden, dass das Publikum nicht vorzeitig das Konzert verlässt.

Früher Abschied

Dies hätte Einaudi besser machen können, dreht er doch eben diese Logik um. Der Abend beginnt mit bedrückenden, fast düsteren Stücken, die sich zu Klangstürmen aufbauen und wird von dem bereits erwähnten Solo-Teil unterbrochen. Im Klavierteil des Abends befinden sich alle bekannten Melodien des Maestros, so dass das Publikum auffallend zahlreich nach diesen den Saal verlässt. Es erhält genau das, was es erwartet und kann nun zufrieden nach Hause gehen. Der notwendige Respekt den Musikern gegenüber bleibt hier gerne mal auf der Strecke.

Die Akustik spielt bei klassischen Konzerten eine zentrale Rolle. Häufig kämpfen die Musiker mit den Gegebenheiten vor Ort, wird doch ohne Verstärkung musiziert. Im Falle der Arena-Tour von Einaudi kann logischerweise nicht auf Amplifizierung verzichtet werden. Um aber den Schein eines richtigen klassischen Konzertes zu erwecken, wurde der Sound hier wohl bewusst angepasst, übertönten doch beinahe alle Instrumente (Schlagwerk, Violine, Cello, E-Gitarren, Akustikgitarren, Elektronik und Bass) den Hauptakteur am Klavier. Ein Problem, das Solisten bestens bekannt sein sollte, wenn sie mit Orchestern auftreten.

Im Mainstream angekommen

Zusammengefasst sind das doch recht viele Gründe, warum es sich bei Einaudi um einen klassischen Komponisten handelt. Doch was spricht gegen die Kategorisierung Klassik? Alles andere: die Diskokugeln auf der Bühne, die E-Gitarren und Keyboards, die Powerchords, die Lightshow und Videoeinblendungen und ein Publikum, das mit dem Partner kuschelnd Handyvideos dreht. Schubladenlosigkeit ist so eine Sache.

Menschen kategorisieren, um zu verstehen. Und vielleicht spielt das im Falle von Einaudi aufgrund seiner Popularität auch nicht die geringste Rolle. Seine Musik bewegt und so werden die fast zwei Stunden Konzert vom Publikum begeistert aufgenommen und mit stehenden Ovationen gefeiert.

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