Midori Takada

Midori Takada © Jetztmusik Festival

Mit wenigen Mitteln und einem großen Klangspektrum beeindruckte Percussion-Solistin Midori Takada im Rahmen des Jetztmusik Festivals 2018 das Publikum im Mannheimer EinTanzHaus.

Der Auftritt der japanischen Avantgardistin Midori Takada am 20. April ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnliches Konzerterlebnis.

Die Künstlerin zwingt die Hörerschaft zur Geduld und Einkehr, leitet eine meditative Reise ein und entlockt einzelnen, simplen Schlaginstrumenten ein grandioses Spektrum an musikalischem Ausdruck. 

Eine Frau, ihre Instrumente und die Stille

Eine Bühne gibt es im EinTanzHaus (ehemals Trinitatiskirche) nicht. Vielmehr ist der Raum vor der hölzernen Tribüne schwarz verhangen, sodass keine deutliche Grenze zwischen Zuschauerbereich und ebenerdigem Aufführungsbereich auszumachen ist. Auf diesem stehen die Instrumente bereit, ein Sammelsurium aus verschiedenen Trommeln, einem Gong, einem großen Xylophon und einer Reihe unterschiedlicher Becken im Vordergrund.

Die Instrumente sind nicht wie bei einem üblichen Schlagzeug im Drittelkreis vor der Musikerin angeordnet, sondern um sie herum, zum Teil auf Kopfhöhe. Hinter ihr befindet sich der große Gong, vor und neben ihr diverse Trommeln. Sie dreht sich beim Spielen immer wieder, schlägt auch mal mit überkreuzten Armen und ihre komplexen Rhythmen kombinieren sich mit den Körperbewegungen zu einem Tanz – was für ein einzigartiges Konzerterlebnis sorgt.

Schweigend

Ein einzelnes Spotlight erhellt die Künstlerin, die kommentar- und beinahe geräuschlos im hinteren Bereich des dunklen Bühnenraumes erscheint. Sie schreitet mit langsamen tänzerischen Schritten, bewegt mit jedem Schritt ruckartig ihre Arme mit kleinen Glöckchen in den Händen, um daraufhin durch kurzzeitiges Verharren das Klirren der Glocken verklingen zu lassen.

Die Stille zwischen den akzentuierten Schlägen, ob an Becken, Trommeln oder Glocken wird zum Ausdrucksmittel, das Licht bleibt reduziert und eine Ansage an das Publikum bleibt im Verlauf des gesamten Abends aus. Der Auftakt ist programmatisch für das minimalistische Konzert.

Intensiv

Midori Takada vermag den Gong zu schlagen, als ob sie ein Wetter heraufbeschwören wolle. Die Schläge prasseln seicht aneinander, ein Crescendo baut sich auf und einzelne, härtere Hammerschläge treten hinzu, sodass man sich als Zuhörer vor einem herannahenden, donnergrollenden Sturm wähnt.

Dem simplen Blech entlockt Takada atmosphärische Klänge und braucht dazu keinerlei elektronische Verstärkung oder synthetische Effekte. Kraftvoller und abwechslungsreicher sind einzelne Schlaginstrumente wohl nicht vorstellbar.

Wie eine archaische Priesterin

Nach der wortlosen Einlage am Gong, wechselt Takada in den Vordergrund an die Becken. Sie präsentiert sich exzentrisch, als sie sich Schlag auf Schlag mit Ausfallschritten von einem Instrument zum anderen bewegt. Jede Note ist mit einem Vers verknüpft, mal englisch, mal japanisch, wodurch sie beinahe wie eine archaische Priesterin aussieht. Die Verse stammten wohl aus dem buddhistischen Lotus-Sutra. 

Auch ein äußerst ungewöhnliches Instrument aus dünnen Metallstäben, im Rund um einen Griff angeordnet, kommt zum Einsatz. Sie streicht mit einem Geigenbogen über das Kuriosum und erzeugt so ein sphärisches Singen.

Assoziation und Ungewöhnlichkeit

Takada weiß auch anders zu wirken. Völlig im Gegensatz zur Geräuschakustik zeigt sie melodische Verläufe am Xylophon. Das Spiel erinnert an tropfenden Regen und murmelnde Bäche. Die Perkussionistin zeigt auch hier ihre Kunst der Minimalistik mit dezenten Variationen.

Geduld muss der Zuhörer mitbringen, wird dann aber mit einem reichhaltigen Eindruck belohnt. Dazu erzählt Takada eine Geschichte. Wieder ein geistlicher Text? Diesmal ist er konkreter, handelt von der Erinnerung an einen sonnigen Morgen am Fluss, im Gras unter einer Kokospalme. Eine Reise im Geist beginnt.

Alle Ausdrucksformen

Mehrere Male wechselt Takada auf diese Weise zwischen den Instrumenten. Mal ist sie ruhig, geradezu versunken im plätschernden Xylophonspiel, mal wirbelt und tobt sie an den Trommeln. Zwischen allen Passagen bleibt nur die Stille, kein Lächeln, kein Wort an die Zuschauer, kein Applaus von diesen.

Nur ein einziges Mal wird dieser lautlose Genuss, wie man ihn bei einem Symphoniekonzert erwarten würde, unterbrochen, nachdem die kleine Frau eine besonders energetische, längere Salve auf ihre Rhythmusgruppe loslässt. Dann jubelt der Saal und die Japanerin lächelt.

Klassischer Abgang

Aller Avantgarde zum Trotz ist das Ende des Auftritts geradezu klassisch. Takada verbeugt sich, wird bejubelt, schreitet von der Bühnenfläche, die Menge klatscht unentwegt fort, bis die Musikerin wieder hinter dem schwarzen Seitenbehang hervorkommt und ein weiteres Mal mit dem Xylophon Klangkaskaden herbeizaubert.

Sie lächelt, verteilt Luftküsse, bedankt sich und geht erneut von der Bühne. Ihr Konzert ist ein gelungener Beitrag zum Jetztmusik Festival 2018, der im wahrsten Sinne des Wortes noch lange nachhallen wird.

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