Grimes (2015)

Grimes (2015) © Rankin

Mit ihrem schrillen, poppigen Album "Art Angels" sorgte Grimes, so der Alias der Kanadierin Claire Boucher, im vergangenen Jahr für viel Wirbel in der internationalen Musikszene. Im Zuge ihrer "ACID Reign"-Tour fegt sie mit einer ähnlichen Durchschlagskraft durch die Live Music Hall in Köln. Im Publikum: viele aufgekratzt tanzende Körper, aber auch so manch skeptisches Gesicht.

Gut drei Jahre waren seit der Veröffentlichung ihres international erfolgreichen Albums "Visions" vergangen, als Grimes im letzten Winter mit "Art Angels" um die Ecke kam. Viel Zeit für eine junge Künstlerin um sich auszuprobieren und weiterzuentwickeln.

Hinwendung zum Pop

Das Ergebnis sorgte für Furore. Von der Presse gefeiert, fand man kaum einen musikalischen Jahresrückblick in dem "Art Angels" nicht auf einem der vorderen Plätze auftauchte. Doch während die Kritiker die 27-Jährige mit fast schon peinlicher Überschwänglichkeit zu einer der besten Produzentinnen dieser Tage erklärten, kam missmutige Resonanz vor allem aus einem Teil ihrer Fangemeinde. Der Vorwurf jener Fans, die Grimes noch als Underground- und Internet-Ikone kannten: Das neue Album sei zu poppig, die Kunstfigur Grimes an den Mainstream verkauft.

Tatsächlich ist auf "Art Angels" nur wenig vom düster vertracktem Sound übrig geblieben, den die Vorgängerplatte "Visions" bot. Doch bedeuten musikalische Transformation, Präzensierung und Professionalisierung auch immer gleich eine Absage an die künstlerische Authentizität? Boucher selbst antwortet in Interviews darauf mit einem klaren Nein. Für sie stellt das Unterfangen "Pop" mehr ein zu erkundendes Experimentierfeld als ein anwendbares Wertekriterium dar.

Das Dazwischen: ein Gesamtkonzept

Man mag vom Sound der aktuellen Platte nun halten, was man mag, nach ihrem Auftritt in der Live Music Hall dürfte jedoch klar sein: Grimes ist und bleibt ein Gesamtkunstwerk. Dieses Kunstwerk wirkt am Sonntagabend in Köln wie der fleischgewordene Hybrid aus kitschigem Mädchentraum und japanischem Horrorfilm.

Vom Band ertönt der Album-Opener "laughing and not being normal" und ein quietschendes zierliches Persönchen springt auf die Bühne. Begleitet wird es nur von zwei ebenfalls wild herumspringenden Tänzerinnen und der Sängerin HANA, die schon vor der Grimes-Show ein solides Vorprogramm hingelegt hatte.

Zwischen alt und neu

Als ersten Song performt Grimes mit "Genesis" zunächst einen Song vom 2012er Album "Visions". Das ist irgendwie schade. Einerseits, weil der Hit der Vorgängerplatte, auf den viele im Publikum sicherlich gerne auch etwas länger gewartet hätten, an dieser Stelle des Sets unterzugehen droht.

Andererseits hat es den faden Beigeschmack einer vorgeschobenen Beschwichtigung, die sich an die kritischen Stimmen richtet und sagen möchte: "Keine Sorge, schaut her, ich kann auch noch die alte Grimes". Das wäre nicht nötig, denn auch die neue Grimes beherrscht Boucher außerordentlich überzeugend. 

Manga-Figur nach Energy-Drink-Infusion

Mit den neuen Songs knallen Klänge zielsicher in den Raum, die sich irgendwo zwischen Dubstep-Beats und Elektropop, aber auch irgendwo zwischen Großraum-Disco und asiatischer Spielhalle bewegen.

Zumindest im hinteren Drittel der Halle entdeckt man jedoch den ein oder anderen Konzertgast, der wohl über den Kulturteil einer großen Tageszeitung auf die kanadische Künstlerin gestoßen ist. Während Grimes ohne Atempause vor den Reglern ihres Synthesizers und die Stufen der Bühne auf und ab springt, schaffen es diese Besucher höchstens den Kopf skeptisch leicht zur Seite zu legen. Aber gut, die durchaus überzeugende Darstellung einer Manga-Figur nach einer Energy-Drink-Infusion ist eben Geschmacksache.

Zwischen Perfektion und Trash

Die Gitarre bleibt das einzige Instrument, das Grimes zu "Flesh without Blood" abgesehen von ihrem elektronischen Equipment zum Einsatz bringt – und auch dabei handelt es sich wohl eher um ein Show-Element. Überraschend ist das nicht, denn Grimes hat nie den Anspruch erhoben, eine Gitarrenvirtuosin zu sein. Was viel eher überrascht ist ihr exakter und eingängiger Gesang, der vom tanzendem Herumgewusel unbeindruckt bleibt. Wenn sie nicht gerade mit "SCREAM" den Songtitel zum Programm macht, trifft ihre zarte Stimme nahezu jeden Ton mit Präzision.

So auch in ihrer persönlichen Coverversion von Schuberts "Ave Maria". Quietschend kichernd kommentierte Anlaufschwierigkeiten sind auch hier tatsächlich wohl mehr Teil der Show als tatsächlicher Patzer. Ein konzipiertes Gesamtpaket eben, zwischen Trash und großer Kunst – auch wenn es weh tut.

Viel Lärm und Schluss

Mit "Be a Body" und "Oblivion" gibt es dann nochmal die 2012er Grimes, das Publikum freut sich und tanzt, bevor die Sängerin mit ihrer schrillen Performance-Sprechstimme blumig ankündigt, dass sie eigentlich recht wenig Bock auf eine Zugabe habe. Das Konzert wird also darauf hin mit ordentlich Krawall und ihrer Vier-Frau-Party auf der Bühne zu "Kill V. Main" beendet.

Ein ordentlicher Lichteffekt noch. Bums, aus die quietschende Pop-Maus. – ein passender Schluss für diese Show. Boucher hat Grimes genau so präsentiert, wie sie sich diese Kunstfigur für den Moment ausgedacht hat. Nicht mehr, aber auch auf keinen Fall weniger.

Setlist 

laughing and not being normal / Genesis / Realiti / Flesh without Blood / SCREAM / Venus Fly / Butterfly / Be A Body / Go / Ave Maria (Cover) / Oblivion / Phone Sex / Kill V. Main

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