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Fraktus (live in Hamburg, 2016) © Falk Simon

Der Heidelberger Karlstorbahnhof ist fast ausverkauft. Studierende im Endstadium, Szenemenschen und alte Hasen teilen sich mit den Protagonisten eine Schippe, mit der sich alle Beteiligten selbst aufs Korn nehmen.

Die Leinwand am Bühnenende zeigt einen funkelnden Sternenhimmel, davor stehen drei verlassene Synthieaufbauten. Kreisrunde LED-Strahler drehen sich mit rotem Licht im Takt der Musik. "Das ist ja wie bei Kraftwerk" denkt ein Besucher aus den hinteren Reihen laut über die vor ihm stehenden Köpfe hinweg. Nach Lobhudelei über Lautsprecher, die nochmals den Legendenstatus von Fraktus und deren Pionierarbeit in Sachen Technomucke unterstreicht, treten die drei Herren von Studio Braun mit Schutzvisieren und roten Overalls an den Bühnenrand.  

Der Opener und Titelsong der kürzlich erschienenen Platte "Welcome To The Internet" markiert den Auftakt zu einer technoiden Reise, die keine Albernheiten auslässt. Frontmann Rocko Schamoni alias Dickie Schubert erklärt darin seinen Mitstreitern Torsten Bage (Heinz Strunk) und Bernd Wand (Jacques Palminger) die digitale Welt. Kurze Zeit später setzt er noch einen drauf, als er seine vermeintlich effektbeladene Stimme zu seinem natürlichen, gottgegebenen Organ erklärt und behauptet, seine normale Stimme klingt nur aufgrund von Effekten so.

Feste Rollenverteilung

Jeder der drei erfüllt seine gescriptete Bandrolle auf wunderbar spontan wirkende Weise. Torsten Bage ist der friesisch derbe Ansager, der die Stücke mit seiner Querflötenkunst um eine weitere Absurdität erweitert. Seiner DJ-Ötzi-Gedächtnis-Strickmütze steht der asynchrone Seitenscheitel von Bernd Wand gegenüber – das kreative Sensibelchen des Trios, das öfter mal beleidigt die Bühne verlässt und ansonsten für die überkandidelten Vocoder-Gesänge zuständig ist.

Dickie Schubert mimt den diplomatischen Bandleader, der Torsten Bage rügt, wenn dieser mit seiner Macho-Attitüde Bernd Wand wieder in die Flucht getrieben hat. "1000 Liter Scheiße über Torsten Bage" skandiert das Publikum auf Wunsch von Dickie.

Merchandise als Comedy Kunst

Überhaupt ist das, was zwischen den Songs passiert, mindestens so essentiell, wie die Musik, um der Elektro-meets-NDW-Satire Ausdruck zu verleihen. Nach gut der Hälfte der Show nehmen sich Fraktus viel Zeit um ihre abgefahrene Merchandise-Palette vorzustellen. Vom Bananenschäler über die Flöte mit Rückspiegel gipfelt die Präsentation schließlich in der Pacman-Adaption "Smirkey’s Dope House" – eine Beta-Version eines 8-Bit-Drogengames.

Bernd Wand spielt sich via Smartphone durch vier Level und besiegt schließlich auch den Endboss namens "Christel Mess". Das Publikum wird über die Leinwand Zeuge von Wands Spielgeschick, das Torsten Bage wiederum auf herrliche Weise kommentiert. Es ist einer der Höhepunkte der abseitigen Comedy.

Visueller Dada-Humor

Und es ist auch der Höhepunkt dessen, was auf der pausenlos eingesetzten Leinwand passiert. Mit den tollen Animationen, oft in 8-Bit-Retrooptik, ist sie über die volle Distanz eine mehr als amüsante Augenweide, die auch durch den ein oder anderen etwas langatmigen Song rettet.

Die ganz großen "Hits" sparen sich Fraktus nämlich für ihre beiden Zugabenblöcke auf. "Freunde sind Friends" und das finale "Geschlossene Gesellschaft" runden schließlich einen Konzertabend ab, der in seiner Liebe zu Dada-Humor und Selbstironie unerreicht bleibt.

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